Bischofsheim an der Rhön
Naturschutz

Nationalpark in der Rhön?

Die Rhön hat gute Chancen, Heimat für den dritten bayerischen Nationalpark zu werden. Wie im Spessart oder im Steigerwald gibt es auch hier Ängste. Warum?
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Weite Fernen, aber auch lauschige Pfade und verschlungene Wege entdecken - das alles ist in der Rhön möglich.  Foto: Günter Flegel
Weite Fernen, aber auch lauschige Pfade und verschlungene Wege entdecken - das alles ist in der Rhön möglich. Foto: Günter Flegel
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U rwald:Das Wort hat einen magischen Klang. Kaum ein Mensch kann sich der Faszination entziehen, die mit der Vorstellung von undurchdringlichem Grün, von verschlungenen Pfaden und unheimlichen Geräuschen verbunden ist. Urwald, das führt in die Urzeit des Menschen, das ist auf der einen Seite urvertraut, weckt aber auch Urängste.
Nicht zuletzt deshalb wird die Debatte um einen neuen Nationalpark in Bayern so emotional geführt, bislang im Steigerwald, jetzt auch im Spessart und in der Rhön.

Wenn von einem Nationalpark die Rede ist, fällt ganz schnell das Wort Urwald, und da beginnt für viele Menschen in diesem Land, die aufgeräumte Wirtschaftswälder gewohnt sind, der kalte Graus. Das macht die Diskussion im Steigerwald, die seit Jahren schwelt, so unversöhnlich, und Ähnliches blüht jetzt dem Spessart und der Rhön, den beiden Naturlandschaften, die am ehesten für den dritten Nationalpark in Bayern infrage kommen, dessen Schaffung Ministerpräsident Horst Seehofer überraschend angekündigt hat.


Argumente gegen Emotionen

Auf der Suche nach dem besten Platz für den dritten Nationalpark in Bayern (neben Bayerischer Wald und Berchtesgaden) wird man sehr viel mit Argumenten arbeiten, versuchen, Bedenken zu zerstreuen, die Fakten klar darzustellen, um die Menschen vom Konzept "Nationalpark" zu überzeugen. An die Wurzel des Problems, das viele Menschen mit einem Nationalpark haben, wird man so aber nicht kommen. Da spielen auch Gefühle mit.
Nehmen wir nur das so emotional besetzte Wort Urwald. Es ist in einer Auseinandersetzung um einen Nationalpark in Deutschland fehl am Platz. Erstens wird aus einem Wirtschaftswald nicht von heute auf morgen ein Urwald, nur weil beschlossen wurde, einen Nationalpark auszuweisen. Im Urwald, so wie man ihn sich vorstellt, wohnen mehrere Baum-Generationen vom Sprössling bis zum Methusalem.


Mein Freund der Baum

Die ältesten Bäume Deutschlands findet man heute mitnichten im Wald, denn dort sind die ausgewachsenen Bäume die wertvollsten, und sie werden gefällt. Es würde also viele hundert Jahre dauern, bis in den von den Förstern gepflegten Wäldern Frankens die Wildnis herrschen würde.
Tatsächlich hat es einen Urwald wie am Amazonas in Mitteleuropa nie oder allenfalls für kurze Zeit gegeben. Das liegt an der Klimageschichte Europas, die von der Eiszeit geprägt war und ist, vom Wechsel zwischen warm und kalt. Die Äquator-Regionen sind klimatisch stabiler, und so findet man heute am Amazonas Urwälder, die sich seit Jahrmillionen kaum verändert haben.


Eis, so weit das Auge reicht

Könnte man im Steigerwald, im Spessart und in der Rhön eine Zeitreise in die Vergangenheit machen, sähe man Erstaunliches: Als in Mitteleuropa vor rund 12 000 Jahren die letzte Kaltzeit zu Ende ging mit Temperaturen, die im Schnitt zwölf Grad unter den heutigen lagen, war zwischen den bis auf die höchsten Gipfel vergletscherten Alpen im Süden und dem skandinavischen Eispanzer im Norden, der sich bis nach Thüringen geschoben hatte, nur ein schmaler Streifen eisfrei.
Man muss sich das Land wie heute die Tundra in Sibirien vorstellen. Die Winter waren lang und eisig, eine meterhohe Schneedecke legte sich wie ein weißes Tuch über das heutige Franken. Der kurze Sommer war kaum ein Hauch von Frühling, das spärliche Grün tat sich schwer im Kampf gegen das allmächtige Weiß. Bäume? Urwald? Weit und breit keine Spur!

Als das Klima milder wurde, zog sich das Eis zurück. Der Umbruch würde sich im Zeitraffer dramatisch ausnehmen: Wochenlang fegten Stürme über das Land, gewaltige Ströme aus Schmelzwasser zerfurchten die Landschaft, im Winter erstarrte alles wieder zu Eis, bis endlich Sonne und Wärme den Winter in die Knie gezwungen hatten. Die ersten Bäume wuchsen, große Tierherden streiften durch das Land, die Jäger anlockten: Die ersten Menschen in Mitteleuropa waren die Jäger der Steinzeit, Nomaden, die ihr Lager dort aufschlugen, wo die Spuren auf dem Boden reiche Beute versprachen.
Auch in Franken dürften die ersten Bäume und die ersten Menschen nach den kalten Jahrtausenden Zeitgenossen gewesen sein. Mensch und Baum wurden wohl gleichzeitig sesshaft, und so hat die innige und geradezu mystische Beziehung zwischen Mensch und Wald ihren Ursprung in dieser Zeit. Der Wald war alles: Er lieferte Bau- und Brennholz, Früchte und Pilze, er war Jagdrevier und bot Schutz vor den Unbilden des Wetters. Andererseits war er auch das Versteck für wilde Tiere, die dem Menschen gefährlich werden konnten, und als die Wälder größer und dichter wurden, versperrten sie dem Menschen viele Wege.


Der schreckliche Wald

Aus der Römerzeit datiert die älteste Beschreibung des deutschen Waldes, die Cäsar in seinem Bericht über den Gallischen Krieg verfasst hat. Keiner hat je Anfang oder Ende des Waldes erreicht, schreibt der Feldherr, selbst wenn er 60 Tage zu Fuß unterwegs war.
Das änderte sich: Das Wachstum der Bevölkerung im milden Mittelalter und später der Beginn der Industrialisierung ließen die Wälder lichter werden, vielerorts fast verschwinden. Auch in Franken fielen die "Urwälder" Säge und Beil zum Opfer. Die gerne hochgelobte Erfindung der Nachhaltigkeit im Wald folgte purer Not, weil dem Land sonst der Brenn- und Baustoff ausgegangen wäre. Schnell wachsende Fichten statt Eichen und Buchen stillten den Holzhunger, und das prägt bis heute das Bild vieler Wälder.


Kein Platz für die Wildnis?

Abweisend und finster, aber doch Lebensraum und Speisekammer, romantisch verklärt und der Schauplatz für Schauermärchen... unser Bild vom Wald ist bis heute durch und durch widersprüchlich und sehr emotional.
Und das ist vielleicht das beste Argument für einen Wald-Nationalpark und einen Irgendwann-einmal-Urwald in Franken. Muss man in diesem bis in den letzten Winkel erschlossenen, von Straßen und Bahnlinien, von Stromleitungen und Gaspipelines durchzogenen Land wirklich Angst vor 10 000 Hektar Wildnis haben? Das wäre die Mindestgröße für einen Nationalpark nach internationalen Standards, und das entspricht in etwa der Fläche, die in Deutschland in einem halben Jahr erschlossen und verbaut wird.
Nun kann man auch da sachlich argumentieren: Die versiegelten Flächen erhöhen die Hochwassergefahr, Asphalt und Beton verschlimmern in den dicht an dicht bebauten Regionen die Folgen des Klimawandels, naturnahe Wälder können da regulierend eingreifen... Aber das ist es nicht. Die Wahrheit über den Wald muss man spüren, anfassen, riechen, man muss unter den Schuhen das Laub rascheln und die Zweige knacken hören...


Weite Fernen sind so nah

Das Abenteuer Wildnis funktioniert auch in der Rhön, die sich gern der "weiten Fernen" rühmt, die ja auch ein Relikt der Zeit sind, als im Wald Kahlschlag betrieben wurde. Nicht nur in der Kernzone des Biosphärenreservates, die ja dem Ideal eines Nationalparks schon recht nahekommt, sogar auf dem Kreuzberg, wenn man nicht dem Herdentrieb folgt, gibt es lauschige Pfade, verschlungene Wege, wo im Halbschatten Bäche plätschern und aus dem Blätterdach Geräusche ans Ohr dringen, die man nie zuvor gehört hat.
Ein paar Stunden in dieser Wildnis sind wie ein Urlaub, und die Rückkehr ins normale moderne Leben mit all seinem Lärm und Gestank, mit den Blechlawinen, den plärrenden Mobiltelefonen und den Lichtorgien, die die Nacht verscheuchen, ist ein Schock.
Der Urwald der Straßen und Gewerbegebiete und Leuchtreklamen wird dann furchterregend, weil man nur von toten Dingen umgeben ist. Man vermisst das beruhigende Grün, das Leben, das selbst auf einem längst gestorbenen Baum blüht, das weiche Moos und den Duft, der sich mit jedem Schritt verändert. Das ist alles fremd und doch so vertraut. Keine Angst vor dem Urwald! Mehr Wildnis bitte!
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