Rannungen
Infranken.de trifft

Modern im Grenzgebiet: Walking in Rannungen

Im Grenzgebiet der Landkreise Schweinfurt und Bad Kissingen trifft man nette Leute. Und ganz viel Geschichte. Ein Besuch in Rannungen.
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Jeden Morgen sind die Nordic Walkerinnen Johanna Bötsch und Christa Beck mit ihren Sticks rund um Rannungen unterwegs: "Weil mer so halt a ma naus kummt." Fotos: Günter Flegel
Jeden Morgen sind die Nordic Walkerinnen Johanna Bötsch und Christa Beck mit ihren Sticks rund um Rannungen unterwegs: "Weil mer so halt a ma naus kummt." Fotos: Günter Flegel
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Volltreffer: Auf den ersten Blick ist mein vierter Dartpfeil wie ein Sechser im Lotto. Eine halbe Stunde von Zuhause, im heimatlichen Unterfranken. Heimspiel sozusagen. Ein Volltreffer? Der Dartpfeil ist im Abseits gelandet, der Blick auf die unbestechlichen Koordinaten lässt keinen Zweifel: Der Treffer ist ein Rübenacker. Genauer: eine Rübe am Ortsrand von Rannungen.

Gespräche mit Rüben sind vergleichsweise unergiebig, auch in Unterfranken, und die Rübe
an sich ...? Kraut und Rüben in der Zeitung, in der Saure-Gurken-Zeit? Der Reporter ist so unentschlossen wie das Wetter an diesem frühen Morgen in Rannungen. Nicht mehr so richtig Sommer, aber auch noch nicht Herbst. In der Rübe des Zeitungsschreibers arbeitet es mit Hochtouren, aber wenig zielgerichtet. Die Rübe, so weiß er, ist eine seit der Antike bekannte Kulturpflanze. Gegessen wurde anfangs vornehmlich das Kraut, bis die Rübe selbst durch geschickte Züchtung so dick wurde, dass sich die Zubereitung lohnte. Unterfranken ist Zuckerrübenland. Aber ist das hier überhaupt eine Zuckerrübe?

Die Spielregeln der Aktion "Infranken trifft" erlauben es, einen weiteren Kreis um den Treffpunkt zu ziehen. Aber der Reporter sieht die Herausforderung sportlich: Rübe, was hast du mir zu sagen? Ein Traktor kommt. Das trifft sich. Traktor heißt Bauer, und Bauer kennt sich mit Rüben aus. Doch der Ökonom hat es eilig und mit den hiesigen Rüben nichts zu tun.

Es sieht so aus, als müsste der Reporter für den zehnten Teil der Serie im (T)rüben fischen. Von wegen der frühe Vogel fängt den Wurm. Rannungen hat vielleicht noch nicht ausgeschlafen. Jetzt vielleicht! Stimmen, das unverkennbare Klackklackklack auf der Straße: Da nähern sich Nordic Walker! Zwei Damen tangieren den engeren Kreis der Einschlagstelle, auch wenn sie den Rübenacker geschickt umlaufen. Frühsport? "Ja, Bewegung und die frische Luft draußen, das tut richtig gut", sagt Johanna Bötsch, die die Stöcke schon länger schwingt und heute ihre Freundin Christa Beck als Debütantin dabei hat.

Jeden Morgen, so erzählen die beiden, wollen sie ihre Runde ums Dorf machen. "Dabei bleibt man fit und beweglich", erzählt die Walking-Expertin und rennt beim Reporter offene Türen ein. Der nämlich genießt die Vorzüge (wenn man so will) des Zeitungsmachens, das hauptsächlich nachmittags und abends stattfindet, und dreht ebenfalls als früher Vogel seine Joggingrunden durch die unterfränkische Heimat. Über Stock und Stein, durch Kraut und Rüben sozusagen, um zurück zum Thema zu kommen.

Und wie es der Zufall will: Christa Beck kennt den Rübenacker. "Des muss unnerer sei", sagt sie, gibt aber zu, dass heute selbst die alteingessenen Dorfbewohner oft nicht mehr wissen, was draußen wächst und wo. "Des machen heut ja alles die Bauern mit ihren großen Maschinen", sagt die Frühsportlerin. Auch deshalb greift sie künftig ebenso wie Johanna Bötsch gerne zu den Laufstöcken: "Weil mer so halt a ma naus kummt."

Im Grenzland
Was die beiden Damen sonst so bewegt, wenn sie sich bewegen, erfährt der Reporter sozusagen im Vorbeigehen: Rannungen ist Grenzland. Nicht im Sinne des Eisernen Vorhangs, der nicht weit von hier verlief und vor 25 Jahren erst löchrig wurde und dann fiel. Nein, Grenzland im Einzugsbereich der nächst größeren Städte Bad Kissingen und Schweinfurt. Viele im Ort lesen deshalb die eine Zeitung, manche die andere. "Aber wenn eener stirbt, dann müss mers in zwee Zeitungen schreib lass, sonst kriegens die Leut nedd mit", klagt Johanna Bötsch. Dann gehen die beiden weiter.

Zurück also zur Rübe im Grenzland. Grenzland ist Reiseland, und das lenkt den Blick auf viele Details in "Ranninge", die von einer bewegten Vergangenheit zeugen: Fast jedes Haus im Dorf hat eine Madonna, zahlreiche Bildstöcke zieren das Ortsbild und die Landschaft drumherum. Mit der Deutschen Einheit und der neuen Autobahn A71 rückte der Ort aus seiner Randlage wieder mehr ins Zentrum. Wie schon einmal, als Abt Albert von Stade sich auf die lange Reise nach Rom machte. Das war 1236, und Rannungen war eine der Stationen auf dem Weg.

Heute lockt die Via Romea Wanderer und Radler, weniger Äbte, und die Heilige Stadt ist nicht unbedingt das Ziel. Aber Rannungen darf mit Fug und Recht das altbekannte Sprichwort für sich in Anspruch nehmen: Alle Wege führen nach Rom. Immer der Rübe nach ...

 
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