Bad Kissingen

Meier und Meyer gegen den Rest der Welt

Sabine Meyer und Waltraud Meier im Bad Kissinger Regentenbau.
Artikel drucken Artikel einbetten
Waltraud Meier. Foto: Ahnert
Waltraud Meier. Foto: Ahnert
+1 Bild
Meier & Meyer - zwei der wenigen Weltstars aus deutscher Produktion auf dem Podium des Großen Saals - wenn auch nicht gleichzeitig - das hätte ein rauschender Abend werden können.
Dass er das nicht wurde, lag nicht an den beiden Damen. Sabine Meyer ist mit jedem Ton des Klarinettenkonzerts von Mozart per du, sie weiß ganz genau, wie sie mit größtmöglicher Delikatesse jeden Ton zu spielen hat, wie sie mit der Bassettklarinette zaubern kann, ohne ihrem Spiel auch nur das Aroma von Routine zu geben. Nein, ihr zuzuhören war wieder Genuss pur.
Aber sie haderte - zu Recht - mit Jacek Kaspszyk am Pult der Warschauer Nationalphilharmonie, der einen ziemlich unsensiblen, wenig der Solistin zugewandten Schlag führte. Auch scheiterten Sabine Meyers Versuch, das Orchester auf ihre Seite zu ziehen, die eine oder andere Stelle auch mal ein bisschen schneller zu spielen, an der Hartleibigkeit des Konzertmeisters. Aber man konnte sich ja auf die Solostimme konzentrieren.
Das war bei Waltraud Meier schon schwieriger. Wenn jemand Richard Strauss' "Vier letzte Lieder" singen kann, dann sie. Aber sie war leider oft nicht zu hören. Natürlich ist das keine Kammermusik, natürlich taucht die Stimme auch ein und unter im Orchester, aber sie jenseits jeder Balance derart brutal und fast ununterbrochen zuzudecken zeugt von einer aus dem Lot geratenen Balance und einem Nichterkennen oder Nichterkennen-Können der diffizilen Stimmungen. Waltraud Meier tat gut daran, sich nicht zum forcierten Gegenhalten verleiten zu lassen. Und immerhin: Am Schluss, wo es heißt: "Wie sind wir wandermüde - ist dies etwa der Tod?" musste sogar Jacek Kaspszyk ein Moriendo dirigieren. Und plötzlich hörte man, was einem vorher alles entgangen war.

Brahms der 70er Jahre

Das alles hatte Skepsis geweckt im Hinblick auf Johannes Brahms' 4. Sinfonie nach der Pause. Um es positiv auszudrücken: Sie wurde nicht enttäuscht. Jacek Kaspszyk hatte keinerlei Konzept, weder in struktureller noch in dynamischer Hinsicht. Was er lieferte, war eine Gesamtklanginterpretation, wie sie eigentlich seit Jahrzehnten als überholt gilt und wie sie der Jugend die Klassik nicht schmackhaft machen kann. Da war keine Stimme herausgearbeitet, kein Übergang gestaltet. Was auch dem Dirigierstil geschuldet war: Der ständig sinnlos raumgreifend kreisende rechte Arm setzte genau die falschen Signale: lauter zu spielen. Das führte verständlicherweise dazu, dass viele Musiker gar nicht mehr hinschauten mit der Konsequenz, dass sie auch so lauter wurden, weil sie sich selber hören mussten und nicht immer gleichzeitig den nächsten Taktstrich erreichten. So lärmverschleitert war Brahms' Vierte lange nicht mehr zu hören.Natürlich gab es auch schöne Ecken. Aber die entsprangen ausschließlich solistischen Leistungen.
Jacek Kaspszyk ist sicher ein enorm freundlicher Mensch. Aber ein Orchestererzieher ist er nicht. Doch den bräuchten die Warschauer dringend, um wieder den Anschluss an die ihnen enteilten Orchesterstandards der Gegenwart zu finden. Das Zeug dazu hätten sie.
Verwandte Artikel

Kommentare (0)

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren