Bad Kissingen

Malmsheimers laute Wortorgie

Jochen Malmsheimer zeigt sich im Kurtheater als sprachgewandter Verfechter des Hochdeutschen. Er kämpft gegen Dialektopfer und überstrapazierte Phrasen.
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Jochen Malmsheimer empfängt noch kurz vor dem Auftritt in seiner Garderobe. "Ich konzentriere mich, wenn es so weit ist", erklärt er.  Foto: Benedikt Borst
Jochen Malmsheimer empfängt noch kurz vor dem Auftritt in seiner Garderobe. "Ich konzentriere mich, wenn es so weit ist", erklärt er. Foto: Benedikt Borst
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Der Oachkatzlschwoaf liegt am Boden, grausem von der Dialektpresse verstümmelt, mehr tot als lebendig. Um ihn herum scharen sich Worte und Satzzeichen, die eben noch ausgelassen miteinander gefeiert und gezecht hatten. "Wer bist du?", wird das Dialektopfer gefragt. "Eichhörnchenschwanz", haucht es, bevor es ins Nichts verschwindet.

Stimmgewaltig schleudert Jochen Malmsheimer die Geschichte über ein wildes Wortbesäufnis ins Publikum und zeigt damit
beispielhaft, worum es in seinen Auftritten geht: Um Wortorgien. Und um banale, alltägliche Dinge, die er vollkommen ins Abstruse treibt. Etwa, wenn er als "Hundehalter, langledrig dem Hund verbunden" den Hund nicht halten kann, selbst den Halt verliert und erst am nächsten Baum unsanft Halt wiederfindet. Je absurder die Dinge sind, die er schildert, umso abgefahrener werden seine Wortschöpfungen und umso aufgeregter und lauter lässt er seine Stimme werden.

Der 55-jährige Kabarettist aus Bochum ist derzeit mit acht Programmen auf Tour, im Kurtheater trat er jetzt mit seinem ersten Soloprogramm "Wenn Worte reden könnten oder: 14 Tage im Leben einer Stunde" auf. Malmsheimer präsentiert sich dabei wie gewohnt als Verfechter hochdeutscher Sprache und spielt mit Lust an der Sprache. "Das Tschechische sagt mir nichts, auch wenn es mit mir spricht", meint er und fragt das Publikum, ob es mitbekommen hat, dass er gerne spricht - sogar auf nüchternen Magen. Viele Wortwitze folgen so dicht aufeinander, dass die Zuhörer oft Mühe haben, ihm zu folgen. Das kostet er aus. "Sie müssen nicht jedes Mal die Hände patschen, wenn Sie etwas verstanden haben", spottet er.


Früher war alles früher

Jedes Wort packt Malmsheimer bei seiner Bedeutung und bricht dann gezielt mit den Erwartungen des Publikums. Ein Teil des Abends gerät zum unterhaltsamen Sprachunterricht. So philosophiert er über das schlichte Gemüt des Amerikaners, der kein Pardon kennt. Kein Wunder. "Das ist ja französisch." Malmsheimer nimmt sich falschen Sprachgebrauch und überstrapazierte Floskeln vor, etwa Sätze wie "früher war alles besser." Früher war alles früher, findet Malmsheimer dagegen. "Da war der September schon im April."

Das Thema Früher nimmt bei ihm viel Platz ein. Ausgiebig erklärt er, was früher wenn schon nicht besser, dann dafür aber merkwürdiger war. "Das muss man sich vor dem geistigen Auge zergehen lassen. Das war die Zeit, als Telefone orange waren" und Familien im Garten hausten, weil sie den frisch gebohnerten Boden nicht betreten durften. Es gelingt ihm, damit besonders den älteren Teil des Publikums zu packen. Immer wieder kommen beipflichtende Rufe aus dem Zuschauerraum.


Humor ist für alle da

Malmsheimer hat keinen roten Faden, mit dem er durchs Programm führt. Er müht sich mehr darum gute, klischeefreie Pointen zu erzählen. "Ich habe keine lokale Identität und bin kein Lokalpatriot", sagt er im Gespräch mit dieser Zeitung. "Ich glaube nicht, dass es landsmannschaftliche Eigenheiten in Bezug auf Humor gibt. Ein guter Witz ist ein guter Witz." Sein Humor ist weder bösartig noch geht er auf Kosten Anderer. Manchmal fühlt der Zuhörer sich sogar ein wenig an Loriot erinnert, und zwar dann wenn Malmsheimers Figuren an der deutschen Bürokratie verzweifeln und sich gegenseitig total kirre machen.
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