Eklig findet es Julia hier überhaupt nicht. Auch an den Geruch hat sie sich schon längst gewöhnt. Immerhin ist sie schon seit 7 Uhr morgens hier. Deswegen kennt sie sich auch schon so gut aus. Selbstbewusst zieht sie sich die blauen Schutzhandschuhe über und schnappt sich den Schöpfbecher mit dem vier Meter langen Stiel. Vorsichtig nimmt sie eine Probe aus dem braunen Abwasser, das in dem Klärbecken an ihr vorbei strömt.

Andere Mädels und Jungs hätte das wohl schon von weitem abgeschreckt. Julia nicht. Im Gegenteil. Die 13-Jährige aus Reiterswiesen hat sich die Kläranlage in Bad Kissingen selbst ausgesucht, um dort den Girls' & Boys' Day zu verbringen.

Aber warum eigentlich? "Klärwerker ist ein spannender Beruf, und ich wollte wissen, wie das so ist. Auch weil hier nicht so viele Frauen sind", grinst Julia. Und damit hat sie recht. Genau genommen ist sie sogar die einzige junge Dame unter all den Männern und fällt in ihrer pinkfarbenen Jacke doppelt auf. "Im Abwasserbetrieb der Kläranlagen arbeitet nicht eine Frau", bedauert Bereichsleiter Alexander Pusch. Julia war das anfangs nicht ganz geheuer: "Es ist schon komisch, so alleine unter Männern. Aber sie sind alle lustig, und ich muss viel lachen."
Zur Zeit besucht Julia die 7. Klasse der Anton-Kliegl-Mittelschule in Bad Kissingen. Ob sie sich den Beruf auch für später vorstellen kann, weiß sie noch nicht. Ausschließen will sie es aber nicht. Aber jetzt geht es erstmal auf Kontrollgang, bei dem täglich alle Reinigungsvorgänge der Anlage genau überprüft werden.


Schwindelfreiheit für die Karriereleiter



Währenddessen kommen Vanessa und Bianca aus Nüdlingen ganz schön ins Schwitzen. Mutig und auch ein bisschen aufgeregt machen sie einen Schritt nach dem anderen - steil nach oben. In Schwindel erregenden 30 Metern Höhe ist man immerhin nicht alle Tage. Für den Girls' & Boys' Day haben sie sich das Bedachungsunternehmen Beck aus Haard ausgesucht. Gemeinsam mit Dachdecker Marco Beck klettern sie das Gerüst an der Maßbacher Kirche hoch, an der gerade das Dach erneuert wird. "Geil", freut sich die zwölfjährige Vanessa, sie schafft es bis ganz nach oben und ist begeistert. Konzentriert bringt ein paar Schieferziegel am Kirchturm an. Stolz genießt sie den Ausblick. Bianca, 13 Jahre, macht dagegen die Höhenangst einen Strich durch die Rechnung. Tapfer bleibt sie ein bisschen weiter unten. "Als Dachdecker muss man nicht nur schwindelfrei sein. Man sollte auch rechnen können und körperliche Arbeit mögen", erklärt Beck die Grundpfeiler des Jobs.

Das haben die Mädels, die beide die Schlossberg-Volksschule besuchen, zu spüren bekommen. Bevor es aufs Dach ging, hatten sie zur Übung in Haard viele Dachlatten gesägt, gemessen und an einem Modell befestigt. Mit Zollstock und Bleistift in der Hosentasche sehen sie auch schon aus wie richtige Profis. "Vielleicht will ich aber auch Friseurin werden", überlegte Bianca noch, bevor sie auf die Kirche stieg. Jetzt wird ihr die Entscheidung wohl nicht kaum mehr schwer fallen.