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Bad Kissingen
Interview

Ludwig Güttler über eine besondere Beziehung

Der Trompeter Ludwig Güttler erzählt, warum er seit 30 Jahren immer wieder gern beim "Kissinger Sommer" auftritt und woran er denkt, wenn er spielt.
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Ludwig Güttler Foto: Carmen Schmitt
Ludwig Güttler Foto: Carmen Schmitt
Er ist Dirigent, Musikforscher, Festivalgründer, Lehrer, Preisträger und ein virtuoser Musiker. Viele verbinden den 72-Jährigen mit dem Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche, für den er sich engagiert hat. Ludwig Güttler kennt die Kurstadt seit über 30 Jahren. Der Mann aus dem Erzgebirge ist bei nahezu jedem "Kissinger Sommer" aufgetreten. Er war schon dabei, als noch vor der Premiere des Musikfestivals die passenden Spielstätten ausgesucht wurden.

Wie sind Sie vor über 30 Jahren nach Bad Kissingen gekommen?
Ludwig Güttler: Ich wurde von einem Orchesterkollegen angesprochen, ob ich nicht Lust hätte, mit meinem Orchester "Virtuosi Saxoniae" bei einem Festival zu spielen, das sich gerade etablieren würde. Die Intendantin wäre eine Frau Dr. Wolfsjäger, es würde von der Politik gestützt, und der OB wäre ein Fan klassischer Musik. Daraufhin folgten Gespräche, und wir hatten uns in München getroffen. Schließlich haben wir im Regentenbau das erste Konzert gehabt. Inzwischen war ich mit allen Besetzungen, die ich habe, mehrfach und immer wieder hier.

Und das wahrscheinlich nicht ohne Grund: Was schätzen Sie am Kissinger Sommer besonders?
Das Unkomplizierte. Und dass es ein treuer Publikumsstandort ist.

Sie sind mit einer Ausnahme im Jahr 1999 bei jedem Kissinger Sommer aufgetreten. Wie hat sich das Festival in Ihren Augen bis heute entwickelt?
Auffällig ist, dass von Anfang an auf eine große internationale Beteiligung Wert gelegt wurde. Große Vielfalt, starke internationale Beteiligung und kluge und vorausschauende Förderung von jungen Leuten, die irgendwann spitze werden. Das sind die Grundsätze des Festivals. Ich habe das Gefühl, als wenn Kari Kahl-Wolfsjäger in dem, was sie tut - durch das, wie es gelaufen ist - gefestigter in sich ist. Das was sie macht, hat sie in den vergangenen Jahren mit einer größeren inneren Wirkungsvollmacht getan.

Die Künstler die sich angenommen fühlten, hatten immer die Bereitschaft, wieder zu kommen. Das Angenommen-Sein drücken die Künstler in ihren Konzerten aus.

Das Publikum verändert sich in seinem Satt-Sein. Vielleicht kommen inzwischen Menschen, die das Ganze mit anderen Vorzeichen betrachten? Inzwischen ist auch die Konkurrenz stärker geworden. Das Festival hat nicht mehr den Alleinstellungscharakter, den es zur Zeit seiner Gründung hatte.

Nach der Gründung des Festivals im Jahr 1986 hat es nicht mehr lange gedauert, und die Mauer fiel. Wie hatte sich das auf Ihre Arbeit ausgewirkt?
Die DDR war eine einzige Behinderung. Als die Mauer gefallen war, fielen die ganzen bürokratischen Hürden. Die Anmeldefristen, Anträge stellen und im Ungewissen bleiben, ob es genehmigt wird: Das fiel alles weg. Dr. Kari Kahl-Wolfsjäger hat von Anfang an eine adäquate Augen- und Ohrenöffnungs-Aktion durchgezogen, indem sie junge Künstler aus dem Osten engagiert hat. Ein gelungenes, europäisches Anliegen. Die Bilanz kann nur heißen: sehr gelungen.

Sie treten seit 1979 mit Ihrem Musikkollegen Friedrich Kircheis auf. Warum passen dessen Orgel und Ihre Trompete so gut zueinander?
Es sind beides Blasinstrumente (lacht). Das direkte Anspielen der Orgelpfeifen, die Tonüberzeugung und dass die Trompete auch wie ein Orgelregister klingen kann: Beide Instrumente können in Beziehung treten und duettieren. Wir machen es beide gerne.

Und das seit Jahren in der Erlöserkirche. Wo treten Sie bei dem Musikfestival am liebsten auf?
Das ist abhängig vom Ensemble. Danach richtet sich das Programm. Musik hat unterschiedliche Eignungen für unterschiedliche Räume. Mit der großen Besetzung, der "Virtuosi Saxoniae", bin ich am liebsten im Regentenbau gewesen. Wenn wir chor-sinfonisch unterwegs waren, war es in Münnerstadt nahezu ideal. Mit den Blechbläsern und den kleineren Besetzungen hat es mir in Hammelburg sehr gut gefallen. Für Trompete und Orgel ist die Erlöserkirche gut geeignet.

Egal, auf welcher Bühne Sie stehen und spielen, wo sind Sie dann gedanklich?
Das lässt sich mit Worten schwer beschreiben, so dass es nachvollziehbar ist. Man ist völlig auf die Hörerwartung eingestellt, so dass alles, was unvorhergesehen von außen passiert, unwahrscheinlich stört. Das können minimale Dinge sein: Stuhlquietschen, Reden oder das Rascheln mit einem Bonbonpapier. Es ist ein hochkomplexer Prozess, und man ist leicht störanfällig. Wenn ich gut drauf bin und alles stimmt, dann ist die Voraussetzung gegeben, dass es etwas Gutes oder sehr Gutes oder Einzigartiges werden kann. Ich bin dann in der Linie, die ich spiele. Ich reagiere mit meinem dritten Ohr darauf, was die Orgel gerade macht. Das ist ein vielfältiges Wahrnehmungsfeld. Ein bestimmter Gedanke in diesem Moment würde mich ablenken.

"Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum" - dieses Zitat von Friedrich Nietzsche liest man auf Ihrer Website. Was kann Musik bewirken oder auslösen?
Musik bringt in den Menschen jeden Alters ein Gefühl, eine Überzeugung oder eine Gewissheit darüber hervor, dass es in der Welt Dinge gibt, die so ideal zusammengehören, wie sie hier zusammen klingen.

Ab 2017 wird es einen neuen Intendanten des Kissinger Sommers geben. Wie bewerten Sie den Wechsel in der Festivalorganisation?
Das würde ich nicht bewerten. Ich kenne den neuen Intendanten nicht, und auch wenn ich ihn kennen würde, würde ich keine Bewertung abgeben. Das wäre ein leichtfertiges Urteil. Man weiß nicht, mit welchen Erfahrungen der Nachfolger kommt. Man muss Dingen und Menschen die Zeit des Reifens und des Ausprobierens geben.




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