Rund 100 Besucher führt Lothar Selig im Durchschnitt pro Jahr durch das kleine Heimatmuseum "Werberger Stuben" in der Kothener Alten Schule. "Wenn ich Zeit habe, mache ich das gerne", nimmt der pensionierte Lehrer sämtliche Anfragen persönlich entgegen. Wer die Räume betritt, taucht ineine längst vergangene Zeit ein: Der Ort Werberg, aus dem der Taufstein, das Messgewand, der Dreschflegel und der alte Webstuhl stammen, wurde im Jahr 1973 dem Erdboden gleich gemacht.
Die Mitglieder der "Interessengemeinschaft Werberg" sammelten Fotos, Urkunden, Haushaltsgeräte, Werkzeuge, Möbel, sakrale Gegenstände, den Taufstein der Kirche, Messbücher (ab 1742), Messgewänder und die Gefallenen-Gedenktafel aus dem Ersten Weltkrieg. 1987 entstand auf Initiative des ehemaligen Werbergers Ernst Zimmermann das kleine Museum in Kothen. "Damals war ich einen Stock höher noch Lehrer", erinnert sich Lothar Selig an die kleine Dorfschule mit dem "schönsten Pausenhof im ganzen Landkreis". Heute dient die Wiese mit dem alten Baum-Bestand neben der Kirche dem Kindergarten als Spielplatz.
"Ich brauchte für den Heimatkunde-Unterricht nur hier runter zu gehen", baute Lothar Selig das Museum gerne in den schulischen Alltag ein. Mit staunenden Augen erfuhren die Grundschüler dann, was sich alles in der großen Wohnstube der Bauernhäuser abspielte. In den Paradebetten, wie eines in dem kleinen Museum steht, kamen die Kinder zur Welt, wurden Kranke gepflegt und starben die Bewohner meist auch.
Weil die Werberger von ihrer Landwirtschaft zwar den Bedarf des täglichen Lebens decken konnten, aber keine Einnahmen übrig blieben, wurde in der Stube vor allem im Winter auch der Webstuhl aufgestellt oder die Schnitzbank, auf der dann Holzschuhe entstanden, berichtet Lothar Selig, der selbst kein ehemaliger Werberger, sondern ein Kothener Urgestein ist.
Der einzige beheizte Raum bot zudem Platz für die Spinnstube, zu der sich die Nachbarn trafen. In dem kleinen Heimatmuseum finden sich neben der guten Stube zwei weitere Räume, in denen zum einen sakrale Gegenstände, Dokumente und Bilder zu sehen sind und zum anderen Geräte aus der Landwirtschaft stehen.
Einmal im Jahr, am letzten Wochenende im Juni, findet das Treffen der ehemaligen Werberger Bewohner, ihrer Freunde und mittlerweile vor allem der Nachkommen in Kothen statt. Auf dem Programm stehen der Besuch des Museums und des ehemaligen Friedhofs im benachbarten Truppenübungsplatz Wildflecken. Aber auch sonst führt Lothar Selig gerne das ganze Jahr über Interessierte durch die Ausstellung.
Weitere Informationen zu dem nicht-staatlichen Museum im Internet unter www.motten.rhoen-saale.net/Kultur/Museen. Besichtigungen sind nur nach vorheriger Vereinbarung möglich. Infos bei Lothar Selig, Telefon 09748/287 oder bei der Gemeinde Motten, Telefon 09748/91910.

Gründung Werberg war eines der ältesten Dörfer der Rhön: Während Wildflecken und Oberbach erst zu Beginn des 16. Jahrhunderts entstanden, wird Werberg bereits im Jahr 1267 erstmals urkundlich erwähnt. Die Burg Werberg dienste den Fuldaer Fürstäbten lange Zeit als Grenzbefestigung gegen das Bistum Würzburg.
Erste Absiedlung Als die Nationalsozialisten 1938 den Truppenübungsplatz Wildflecken einrichteten, mussten die damals 264 Werberger den Ort schweren Herzens verlassen. Viele wurden in der Region angesiedelt, etwa in Weißenbach, wo heute noch der ehemalige Werberger Altar in der katholischen Kirche an Werberg erinnert.
Zweite Absiedlung Nach dem Zweiten Weltkrieg besiedelten ab 1946 Heimatvertriebene aus den deutschen Ostgebieten den Ort wieder. Nach und nach entstanden 42 landwirtschaftliche Betriebe. Die US-Armee nahm allerdings kurz danach den Übungsbetrieb wieder auf. 1966 wurde die Ortschaft deshalb restlos geräumt. 1973 machten amerikanische Truppen die Gebäude dem Erdboden gleich, lediglich Bildstöcke und der Friedhof blieben. rr