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Oerlenbach
Asyl

Lernen als beste Therapie

96 Flüchtlingskinder besuchen derzeit die Grund- und Mittelschulen im Landkreis. Von den Schicksalen erfahren die Lehrer nur wenig.
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Wenn (von links) Lev, Sanela, Katalin, Csilla, Samira und Nayfa zusammensitzen, werden jede Menge Sprachen gesprochen. Foto: Ralf Ruppert
Wenn (von links) Lev, Sanela, Katalin, Csilla, Samira und Nayfa zusammensitzen, werden jede Menge Sprachen gesprochen. Foto: Ralf Ruppert
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Wenn Silke Fiedler unterrichtet, geht es bunt zu: Ihre acht- bis 14-jährigen Schüler sprechen einen Mischmasch aus Serbisch, Ungarisch, Rumänisch oder Russisch, zum Teil mit Bilder-Büchern für Kleinkinder lernen sie Wort für Wort - und es wird viel gelacht, denn alle sind mit Freude dabei, auch wenn sie fernab der Heimat leben und oft Schreckliches hinter sich haben.
Lev ist der einzige Junge heute, bei den fünf aufgeweckten Mädchen kommt der
Neunjährige kaum zu Wort. Wenn er aber über die Flucht aus dem ukrainischen Lugansk vor sieben Monaten spricht, werden alle still. "Unser Haus ist kaputt", berichtet er. Die Großeltern seien noch dort, am Telefon erzählen sie von Raketen-Einschlägen.
Zerstörte Häuser kennen alle am Tisch. Die Schwestern Samira (9) und Sanela (10) etwa sind bereits vor drei Jahren aus dem Kosovo geflohen und leben seitdem in der Gemeinschaftsunterkunft Ebenhausen. "Ich lese gerne Bücher aus der Schul-Bücherei", erzählt Sanela auf Deutsch. Ihre Schwester Samira rechnet am liebsten in der Schule, der Umgang mit Zahlen fällt allen leicht, auch Lev mochte Mathe bereits in der Ukraine und freut sich, dass er das Rechnen ohne Sprachbarriere hier fortführen kann.

Lehrerin mit Arabisch-Kenntnis

Csilla (12) und Katalin (14) sind auch Schwestern, sie sind vor neun Monaten nach Deutschland geflohen und verstehen sich gut mit Sanela und Samira. Der Streit zwischen Serben und Kosovaren ist in Oerlenbach weit weg. "Es gefällt mir gut hier", sagt Katalin. Die Stillste am Tisch ist Nayfa. Aber auf die Frage nach ihrem Alter antwortet sie in bestem Deutsch: "Ich bin acht Jahre alt und komme aus Syrien." Sie ist die Einzige, die nicht mehr in Ebenhausen wohnt: Die Familie durfte nach Oerlenbach in eine eigene Wohnung ziehen. "Jeder hat sein eigenes Zimmer, und wir kommen gut mit den Nachbarn aus", erzählt sie freudestrahlend.
Lehrerin Silke Fiedler freut sich über die vielen kleinen Erfolge und den Eifer der Flüchtlingskinder. Sie hat vier Jahre lang an einer deutschen Schule in Kairo gelebt und kann etwas Arabisch. Als die Flüchtlingswelle zu Beginn des Schuljahres los ging, war es für sie selbstverständlich, beim Förderunterricht zu helfen. Bereits seit 1988 ist ihre Kollegin Ursula Grimm Förderlehrerin, damals seien es vor allem russlanddeutsche Kinder gewesen. "Wichtig ist, dass man das Tempo der Kinder mitgeht", betont sie.

"Echte Herausforderung"

"Es ist eine echte Herausforderung für die Lehrkräfte, auch den Wechsel zu bewältigen", sagt Schulleiterin Sonja Then. Flüchtlingskinder kommen oft überraschend, ziehen aber möglicherweise schnell wieder weg. Dabei sei oft völlig unklar, was die Schüler bewegt: "Wir wissen nicht, mit welcher Bürde die Kinder hier ankommen", sagt Then und würde sich mehr sozialpädagogische und therapeutische Betreuung wünschen.
13 Flüchtlingskinder besuchen derzeit die Oerlenbacher Schule, insgesamt sind es im Landkreis 96 an Grund- und Mittelschulen. "Die Kinder werden mit offenen Armen aufgenommen", freut sich Schulamtsdirektor Josef Hammerl, und: "Die Schulen tun alles, um die Kinder gut zu fördern." Hammerl stellt klar, dass es eine Schulpflicht für alle Flüchtlingskinder gibt, auch wenn es manchmal "eine andere Auffassung" davon gebe. Ziemlich lange Erfahrung mit Flüchtlingskindern hat die Münnerstädter Grundschule, weil es dort schon lange eine Gemeinschaftsunterkunft gibt. "Die Erfahrungen sind durchweg positiv", berichtet Schulleiter Detlef Elsner. Alle Kinder seien nett und lernbereit: "Der Erfolg ist sehr sehenswert, viele können schon Aufsätze schreiben und für ihre Eltern übersetzen." Zudem habe er einen Ethik-Unterricht eingeführt, denn: "Die Kinder haben ein Recht darauf, nicht missioniert zu werden."
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