Bad Kissingen

Kita-Platz im Landkreis Bad Kissingen ist Glückssache

Wer Betreuung für seine Kinder braucht, muss im richtigen Ort wohnen. Oder sehr weite Strecken auf sich nehmen.
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Vince hat allen Grund sich zu freuen: Für ihn haben seine Eltern einen Kita-Platz im Heimatort Ramsthal gefunden. Foto: Robert Wagner
Vince hat allen Grund sich zu freuen: Für ihn haben seine Eltern einen Kita-Platz im Heimatort Ramsthal gefunden. Foto: Robert Wagner
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Wahrscheinlich hätte sie sich schon um einen Kindergartenplatz bemühen müssen, bevor sie überhaupt schwanger wurde, vermutet Aisha Butt. In ihrem kleinen Apartment in Bad Kissingen schaukelt sie ihren acht Monate alten Sohn Elias auf den Beinen. Der blickt etwas unzufrieden - wie auch seine Mutter.

"Ich dachte: Wenn du etwas willst, dann musst du dich nur darum kümmern", sagt Butt. Die Erfahrung, dass es dann trotz aller Mühe nicht mit dem Kita-Platz klappte, sei extrem frustrierend gewesen. "Schon während der Schwangerschaft war ich bei einigen Kitas in Kissingen", erzählt die junge Mutter. Um eine Tagesmutter habe sie sich vergeblich bemüht. Mittlerweile stehe sie bei allen Kissinger Kitas auf der Warteliste. "Nur bei Maria Stern in Hausen nicht." Da habe ihr eine Freundin vorher gesagt, dass erst 2018 ein Platz frei wird.

Doch so viel Zeit hat Aisha Butt nicht. "Mein Arbeitgeber fragt regelmäßig nach, wann ich wieder einsteigen kann." Butt ist alleinerziehend, ist auf das Einkommen angewiesen. Sie hat einen Job als Vollzeitkraft in der Küche einer Kissinger Kurklinik - unbefristet. Nun hat sie Angst, ihn zu verlieren. "Was soll ich denn machen, wenn ich keinen Kita-Platz für Elias finde?"


Bekanntes Problem

Das Problem ist in der Stadt bekannt. "Es gibt einen gewissen Druck bei den Kindergartenplätzen", bestätigt Thomas Hack, Sprecher der Stadt. Unüberwindbar seien die Probleme aber nicht. Grundsätzlich würden genügend Plätze zur Verfügung stehen - nur vielleicht nicht immer sofort und im gewünschten Ortsteil.

Die Zahlen scheinen Hack Recht zu geben: 71 Kindergärten gibt es im gesamten Landkreis. Im September 2016 gab es in ihnen Platz für 4393 Kinder, 4067 Plätze waren damals besetzt. Das klingt nach einem beruhigenden Polster. Doch die Zahlen täuschen: Erstens steigen sie im Laufe des Jahres an - erst im Sommer wird der Höhepunkt erreicht, bevor die Ältesten auf die Grundschule wechseln.

Zweites ist auch die regionale Verteilung problematisch. Während es in den kleineren Gemeinden abseits der größeren Ortschaften noch Luft gibt, sind die Städte überlastet. In Bad Kissingen gab es im Januar keine freien Kita-Plätze mehr, ebenso in Münnerstadt und Hammelburg. Auf den Wartelisten stehen teils mehr Kinder, als die Kita insgesamt aufnehmen kann.


Freie Plätze auf dem Land

An anderen Orten, beispielsweise im katholischen Kindergarten St. Elisabeth in Premich, gibt es im Moment noch freie Plätze. Zehn seien es im Burkadrother Ortsteil, sagt Aileen Schöppner. "Wir sind hier schlecht zu erreichen", erklärt die Kindergartenleiterin. Ohne Auto sei es fast unmöglich. Lange habe man deshalb nur Kinder aus Premich betreut. "Mittlerweile kommen auch Kinder aus Burkadroth, weil die Kitas dort voll sind.

Aisha Butt wollte eigentlich nicht mit dem Auto fahren. "Ich müsste eigentlich schon um 6.30 Uhr arbeiten. Da die meisten Kitas aber erst um 7 aufmachen, muss ich sowieso schon später anfangen." Wenn sie nun erst Elias in eine anderen Ort fahren muss, verliere sie wertvolle Zeit - und damit bares Geld: "In Zukunft könnte ich dann nur noch in Teilzeit arbeiten."

Doch genau so wird es nun wahrscheinlich kommen: An diesem Montag bekam Aisha Butt endlich eine Zusage. Nicht in Bad Kissingen, sondern im zwölf Kilometer entfernten Ramsthal. Etwa eine Stunde muss die junge Mutter nun ab März jeden Tag fahren.


Lösung mit Problemen

Trotzdem: "Das ist der erste Tag seit Monaten, an dem es mir wieder einigermaßen gut geht", sagt Aisha Butt. Man spürt die Anspannung, die von ihr abgefallen ist. Und das, obwohl die Lösung alles andere als optimal ist. "Zumindest kann ich jetzt wieder planen", sagt sie und ein Lächeln huscht über ihr Gesicht.

Doch nicht nur Eltern wie Aisha Butt haben Probleme - auch die Erzieherinnen haben durch den wachsenden und ständig wechselnden Bedarf so ihre Schwierigkeiten.

Auch wenn Fälle wie der von Aisha Butt nicht der Normalfall sind: Das Kindergartensystem im Landkreis knarzt noch an vielen Ecken und Kanten. Es fehlt an Plätzen - besser gesagt, sie sind ungünstig verteilt. Doch auch für die Mitarbeiter der Kitas gibt es einige Probleme. Und das obwohl durchaus eine Menge Geld in die Hand genommen wurde.

So wurden in Bad Kissingen seit 2008 laut Pressesprecher Thomas Hack knapp 7,3 Millionen Euro ausgegeben und gemeinsam mit den freien Trägern 102 Krippenplätze sowie 28 Kindergartenplätze geschaffen. Einen eigenen, kommunalen Kindergarten hat man in der Stadt derweil nicht. Damit liegt Bad Kissingen im Trend: Nur 20 Prozent aller Kitas im Landkreis sind gemeindeeigen - der Rest wird von freien Trägern geführt. Allein 56 der 71 Kindergärten sind Einrichtungen der katholischen Kirche.


Kaum gemeindeeigene Kitas

"Wir sind sehr zufrieden mit den freien Trägern", erklärt Thomas Hack. Dort seien sehr engagierte Teams am Werk. Eine Kindergartenleiterin, die nicht genannt werden möchte, vermutet hingegen andere Beweggründe. "Die Kommunen versuchen sich möglichst lange aus den Problemen herauszuhalten." Die Verwaltungsaufgaben blieben oft an ehrenamtlichen Vorständen hängen. Und diese Aufgaben seien immens. In den meisten Kindergärten können die Eltern die Betreuungszeiten für ihre Kinder relativ schnell umbuchen. Dadurch ändern sich auch die Arbeitsstunden der Erzieherinnen. Die Folge ist, dass fast nur noch Teilzeitkräfte in den Kitas arbeiten. Und die wissen oft nicht, wie viele Stunden sie im nächsten Quartal arbeiten können. "Auf dieser Basis kann man eigentlich keine Existenz aufbauen", sagt Alexandra Schmidbauer von der Kita St. Georg in Diebach.

Der Beruf werde zunehmend unattraktiv, bestätigt ihre Kollegin Aileen Schöppner aus Premich. Das merke man auch am fachlichen Nachwuchs: "Früher hatte man auf eine Stelle als Erzieherin zehn Bewerbungen", erzählt Schmidbauer. "Heute ist das Verhältnis fast umgekehrt."

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