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Bad Kissingen
Kabarettherbst

Jenseits der Zwangsjacke

Pilip Simons Programm "Ende der Schonzeit" war auch das Ende der diesjährigen Bad Kissinger Kabarettreihe.
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Philip Simon bei seinem Auftritt beim 17. Kissinger Kabarettherbst im Bad Kissinger Kurtheater.  Foto: Sigismund von Dobschütz
Philip Simon bei seinem Auftritt beim 17. Kissinger Kabarettherbst im Bad Kissinger Kurtheater. Foto: Sigismund von Dobschütz
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Schluss mit lustig: Mit Philip Simons Soloprogramm "Ende der Schonzeit" ging der 17. Kissinger Kabarettherbst zu Ende. Doch wer im ausverkauften Parkett des Kurtheaters einen fröhlichen Ausklang erwartet hatte, sah sich unerwartet zum Nachdenken gezwungen. Simon ging auf die Jagd nach dem Wahnsinn des Lebens und der Sinnlosigkeit des Seins.
Man durfte gespannt sein: Würden die Anschläge in Paris und die noch andauernde Gefahr islamistischer Terrorakte ein Thema sein? Darf man in Zeiten des Terrors noch lachen? Philip Simon (39), als Sohn einer niederländischen Mutter und eines deutschen Vaters in Holland geboren, ließ daran keinen Zweifel. Dramaturgisch geschickt brachte er mit absolut unlustigen, mystischen Klängen die freudige Erwartungshaltung des Publikums auf den absoluten Stimmungsnullpunkt.
"Stop yourself from thinking - feel free" sang die an das Orakel von Delphi erinnernde, mit düsterem Umhang verhüllte Sängerin auf matt erleuchteter Bühne, während Simon am kleinen Tisch schweigend seinen Gedanken nachhing.
Derart befreit von jeglicher Fröhlichkeit und Ablenkung im Publikum gelang es dem Kabarettisten, der vor seiner Karriere Germanistik, Geschichte und Philosophie studiert hat, sein schon ein paar Jahre altes Soloprogramm um die aktuellen Themen Terror und Fremdenfeindlichkeit aufzuwerten. Seine Antwort auf den Terror war eindeutig: "Solange die Menschen tanzen, singen und lachen, werden die Terroristen keinen Zentimeter weiterkommen."
Gelacht wurde dann viel im Lauf seines zweistündigen Programms - besonders zum Beispiel, wenn sich Simon nach nachdenkenswertem Monolog über Wirtschaftsflüchtlinge am Ende doch zum Kalauer hinreißen ließ und über den wahren Wirtschaftsflüchtling Ulli Hoeness als Freigänger beim FC Bayern herzog: "Tagsüber bei den Bayern und nachts nicht bei der eigenen Frau schlafen müssen? Das ist doch keine Strafe. Davon träumt hier der halbe Saal."
Von solchen Kalauern abgesehen, die als geistige Lockerungsübungen erträglich waren, bot Simon ein intellektuell durchaus anspruchsvolles Programm. Hatte man ihn noch vor Jahren als "armen Irren" in der Zwangsjacke auf der Bühne erlebt, der damals seinen netten holländischen Akzent als Alleinstellungsmerkmal unter den Kabarettisten gezielt einsetzte, stand jetzt ein erwachsen gewordener Simon auf der Bühne, lebenserfahrener, nachdenklicher. Seiner alten Zwangsjacke war er entwachsen. Sie hing nur noch als Requisite auf der Bühne.
Eines war allerdings wie früher: Simon zeigte sich noch immer dem Leben gegenüber rat- und hilflos. Wehmütig zupfte er so manches Mal an der Zwangsjacke. "Wir haben zu wenig Verrückte", stellte er dann fest. "Die Welt wäre einfacher, wenn die Menschen glauben, du wärst verrückt." Simon wusste keine Antworten auf Probleme, umso mehr Fragen hatte er. "Ich versteh' das nicht", wandte er sich immer wieder ratsuchend ans Publikum. Doch der Eindruck täuschte: Die wichtigsten Erkenntnisse sprach der scheinbar Hilflose leise zu sich selbst, wenn er sinnierend am kleinen Tisch saß und seinen bunten Schmetterling beobachtete, der ebenso hilflos im Glas flatterte.
"Die Nachrichten sind zu schnell geworden. Wir haben keine Zeit mehr zu reflektieren." Wichtige Probleme bleiben ungelöst. "Merkel hat keine Visionen, sie reagiert nur noch", sprach er so manchem im Kurtheater aus der Seele, wie der Szenenapplaus zeigte. "Niemand sagt uns, wie es mit den Flüchtlingen in zehn Jahren aussehen soll."
Allein gelassen ohne Vision und Ziel, bleibt Simon dann nur noch die Tratschsendung mit Frauke Ludowig im Fernsehen: "Nach einer halben Stunde habe ich meine Probleme vergessen." Sofort zog Simon über die Oberflächlichkeit und die Verdummung des Fernsehens her.
Auch mit den Eigenarten und Verhaltensmustern seiner Mitmenschen hatte Simon so seine scheinbar unlösbaren Probleme. Er mokierte sich über unsinnige Handy-Telefonate, über Fluggäste am Gepäckband, allzu selbstbewusste Ehemänner und die sozialen Netzwerke. "Facebook ist ganz schlimm, aber alle machen mit."


Betreutes Wohnen mit Navi

Das Navi im Auto ist für den philosophierenden Kabarettisten, der in seiner Hilflosigkeit manchmal an Altmeister Dieter Hildebrandt erinnerte, "der erste Schritt zum betreuten Wohnen". Dies brachte ihn Simon zur Erkenntnis: "Wir sind orientierungslos, wir kennen unser Ziel nicht." Die Politik verliert sich heute im kleinteiligen Tagesgeschäft. Nichts und niemand ist da, was den Bürgern Halt gibt. "Ich versteh' das nicht." Deshalb wüsste er wirklich keine Antworten, entschuldigte er sich bei seinem Publikum. Mit seinem Vater sei es früher ganz anders gewesen. "Selbst wenn er nicht wusste, was zu tun ist, wusste er doch immer, was zu tun ist."

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