Bad Kissingen
Erster Weltkrieg

"Heldentod" vor Helgoland

Serie   Dr. Georg Anton Ritter von Boxberger war der letzte in Bad Kissingen geborene Namensträger der Apothekerfamilie Boxberger. Er wurde Arzt und fiel gleich zu Beginn des Ersten Weltkrieges vor 100 Jahren.
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Der Marinestabsarzt Dr. Georg Ritter von Boxberger  Fotos: Gerhard Wulz
Der Marinestabsarzt Dr. Georg Ritter von Boxberger Fotos: Gerhard Wulz
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Bad Kissingen — In seinem Theaterstück "Der Hauptmann von Köpenick" lässt Carl Zuckmayer den Uniformschneider Wormser sagen: "Der Doktor ist die Visitenkarte, der Reserveoffizier ist die offene Tür, das ist nun mal so." Dr. Georg Anton Boxberger war beides und hinzu kam noch das erneuerte Adelsdiplom. Alle Voraussetzungen für ein erfolgreiches Leben waren gegeben, aber das Schicksal wollte es anders.
Als am 1. August 1914 mit der Kriegserklärung Deutschlands an Russland der 1. Weltkrieg begann, da zog auch der 38-jährige Bad Kissinger Brunnenarzt Dr. Georg Ritter von Boxberger als Marinestabsarzt ein, ohne zu ahnen, dass dieser Krieg für ihn nur sehr kurz sein würde. Eingesetzt wurde Boxberger auf SMS "Ariadne", einem sogenannten Kleinen Kreuzer.
Geboren wurde der junge Stabsarzt (Hauptmann) am 21. Oktober 1876 in Kissingen als Georg Anton Franz Gallus Boxberger. Seine Vorfahren waren die angesehenen Apotheker und Ärzte aus der Boxbergerfamilie, die 1710/11 die erste Apotheke eröffnet und zu einem bedeutenden Unternehmen ausbaut hatten.
Die Eltern waren Franz Seraph Boxberger und seine Frau Anna, geb. Nickels. Der Vater führte seit 1871 erfolgreich die Boxberger-Apotheke, verkaufte diese aber 1891 und zog mit Frau, Sohn und Töchtern nach Würzburg. Für einige Zeit wohnte er aber noch abwechselnd in Würzburg und Bad Kissingen. So erlebte der Sohn Georg Anton seine Kindheit und erste Schulzeit in der Badestadt. Das Medizinstudium begann er in Würzburg und Berlin, approbierte und promovierte aber 1902 in Kiel. Seine berufliche Laufbahn führte ihn 1903 an das pathologisch anatomische Institut und die Augenklinik in Würzburg. Ab September 1908 wirkte Georg Anton Boxberger am Heilig-Geist-Hospital in Frankfurt, wo er sich auch 1909 als Arzt niederließ.
Es zog ihn aber, aus welchen Gründen auch immer, wieder zurück in seine Heimatstadt. Er eröffnete in der Unteren Marktstraße 14 (heute: 7) eine Praxis.
Vielleicht wurde während seines Studiums in Kiel die Liebe zur See und Marine geweckt. Jedenfalls diente sich G.A. Boxberger von 1896 bis 1907 in der Kaiserlichen Deutschen Marine vom Marineunterarzt über den Marine-, Marineoberassistenzarzt (1907) bis zum Marinestabsarzt der Reserve (1911) hoch.

In der Falle britischer Kreuzer

Während an Bord der "Ariadne" am 28. August 1914 Mannschaften und Offiziere ihren Dienst verrichteten, braute sich vor Helgoland ihr Unglück zusammen. Im dunstigen Frühnebel dieses Tages erschienen vor der Insel englische Kriegsschiffe und trafen auf deutsche Torpedoboote und Sicherungskräfte. Zur Unterstützung der deutschen Schiffe liefen von Helgoland, Ems, Jade, Elbe weitere kleine Kreuzer aus, so auch SMS "Ariadne", SMS "Cöln", SMS "Mainz". Sie verfolgten die Engländer einzeln und waren bei schlechter Sicht plötzlich den britischen Schlachtkreuzern ausgeliefert. Diese nahmen die einsame und veraltete "Ariadne" auf kurze Distanz unter Feuer und verwandelten das Schiff in ein Wrack.

Volltreffer auf Zwischendeck

Eine der ersten 34er Granaten traf das vordere Zwischendeck gerade in dem Moment, als Dr. Boxberger mit seinen Sanitätsmaaten eine Operation durchführte. Alle Umstehenden wurden von der Granate zerrissen und der Verbandsplatz stand in Flammen. Mit dem Schiff gingen 64 Besatzungsmitglieder unter. Gerettet wurden 170 Mann, darunter Kapitän Seebohm. Aufgrund der Gefechtsschilderungen kann angenommen werden, dass Boxberger eines schnellen Todes starb.
Während Georg Anton in der Kurliste von 1913/14 noch als Dr. Boxberger aufgeführt ist, erscheint sein Name in der Todesanzeige mit "Ritter von Boxberger". 1913 hatte Boxberger eine Adelserneuerung beantragt hatte. Er gab beim Reichheroldsamt an, dass er von dem 1460 geborenen Keller (Kellermeister, Verwalter der Vorräte) Johann Boxberger aus Königshofen im Grabfeld abstamme, dessen Nachkommen mit dem in Hammelburg lebenden Martin Boxberger (1535-1603) von Kaiser Maximilian II. am 5. August 1569 ein Adelsdiplom erhalten hatten.
Nach entsprechender Prüfung erteilte Prinzregent Ludwig, der spätere König Ludwig III., am 12. Dezember 1913 von Berchtesgaden aus das gewünschte Adelserneuerungs-Diplom; am 4. November 1913 wurde die Adelserneuerung in die Bayerischen Adelsmatrikel eingetragen.
Georg Anton Boxberger hat im Januar 1913 Lili Sulzbach (geb. 1889 in Frankfurt ) geheiratet und wurde am 11. Oktober 1913 Vater seines Sohnes Herbert. Die Ehefrau entstammte einer reichen jüdischen Familie aus Frankfurt. Nach dem frühen Tod Boxbergers zog seine Frau mit dem Kind nach Frankfurt zurück, wo es auch aufwuchs.

Den Nazis entgangen

Das Vermögen der Familie wurde von den Nazis konfisziert. Den Holocaust überstand Lili von Boxberger dadurch, dass sie Freunde während der Nazizeit in wechselnden Wohnungen in und um München versteckten. Sie wohnte zuletzt in Freilassing und starb 1974. Ihr Sohn Herbert von Boxberger wurde Schauspieler und galt als Halbjude zu seiner großen Freude als wehrunwürdig. Er starb 1995 kinderlos in Berlin.


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