Bad Kissingen
Kissinger Sommer

Händel hat für Jazzer komponiert

Simone Kermes, Daniel Kotlinski und das Ensemble Metamorfosi haben die Barockmusik in ihre Gegenwart geholt.
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Sie brachten im Großen Saal nicht nur die Baroockmusik und den Jazz zusammen (von links): Daniel Kotlinski, Daniel Heide, Simone Kermes, Matthias Eichhorn und Jan Roth. Foto: Thomas Ahnert
Sie brachten im Großen Saal nicht nur die Baroockmusik und den Jazz zusammen (von links): Daniel Kotlinski, Daniel Heide, Simone Kermes, Matthias Eichhorn und Jan Roth. Foto: Thomas Ahnert
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Sie kommt auf die Bühne mit einem schwarzen Kleid und einer hellroten kreppartigen Stola mit wellig gefasstem Saum, die an einen Neron-Botticelli erinnert. Und mit Schuhen, für die man eigentlich eine Balancierstange bräuchte. Gut, Grazie kann man sich auch anders vorstellen. Aber damit übertrifft sie auch noch den Teufel. Denn der hat nur einen solchen Fuß. Für Simone Kermes ist singen eben nicht nur eine Frage der Töne, sondern auch der Verpackung. Da war sie schon immer spannend, auch wenn sie den einen oder anderen auch mal mit ihrem Outfit verstört hat.
Aber spannend war auch ihr neues Programm: "Von Barock bis Bernstein" hieß es und war begleitet von einem klassischen Jazztrio, dem Ensemble Metamorfosi: Daniel Heide (Klavier), Matthias Eichhorn (Kontrabass) und Jan Roth (Schlagzeug).
Dass Barock und Jazz gut in Einklang zu bringen sind, weiß man nicht erst seit Jacques Loussier. Und das bewies sich auch jetzt wieder im Großen Saal: Vor allem in den langsamen Arien wie "Alto Giove" aus Porporas "Polifemo" und "Lascia, ch'io piango" aus Händels "Rinaldo", die Simone Kermes wunderbar innig zelebrierte, dachte man natürlich an die originale Orchesterbegleitung, aber sie fehlte nicht. Das Trio lieferte genau das erforderliche Grundgerüst, und es bewies wieder einmal, dass auch Jazzer verdammt emotional spielen können.

Ein bisschen aus der Balance

Bei den Donner-und-Blitz-Bravourarien wie "Son qual nave" aus Broschis "Artaserse" funktionierte der Transfer in den Jazz vom Prinzip her auch ausgezeichnet. Simone Kermes ließ ihre Stimme in exaltierten Spitzen blitzen, fegte durch die Koloraturen und über die Bühne - soweit das die Schuhe zuließen und schleuderte große Emotionen in den Saal. Daniel Heide konnte da akustisch natürlich mithalten. Aber den Kontrabass hätte man sich dezent verstärkt gewünscht, denn es gingen viele schöne Klangabsichten verloren. Und Jan Roth hätte nicht nur mit den leisen Besen begleiten dürfen. Da fehlte der Stimme aus seiner Richtung der dramatische Widerpart. Das sind Stellen, an denen auch im Original die Streicher mit ihren Bögen auf die Saiten schlagen, um den aggressiven Ton zu treffen.

Auch Schubert schaute vorbei

Wie ein Fremdkörper im Jazzgetümmel wirkten die beiden Schubert-Lieder "Das Mädchen" und "Erlkönig" in der Originalfassung für Stimme und Klavier (und mit flacheren Absatzschuhen). Sie rissen das Publikum heraus aus der Jazzwelt, in die es gerade eingetaucht war. Und man muss auch sagen, dass es beim Kunstlied von der Gesangsstilistik her besser geeignete Interpretinnen und Interpreten gibt als die Koloraturenkönigin Simone Kermes, die zudem ein bisschen überdramatisierte. Zumindest ist der Beginn des "Erlkönigs" nichts anderes als eine nüchterne Antwort auf die Frage : "Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?" Das Kind neigt zwar zum Frieren, aber ansonsten ist die Welt noch in Ordnung.

Sensible Intermezzi

Nicht verzichten wollen hätte man dagegen auf zwei kurze Improvisationen des Ensembles von Bach-Themen und das Arrangement des Liedes "Bleib bei mir" von Matthias Eichhorn, eine wunderbar ausgehörte leise Musik mit einem langen Atem, die schöne Kontrapunkte zu den stürmischen Arien setzte.

Mitgedachte Absturzgefahr

Daniel Kotlinski war so eine Art "special guest" mit zwei Liedern, die man sich schon von ihrer Entstehungszeit her sehr gut auch mit Jazzbegleitung vorstellen konnte. Als Mackie Messer entwickelte er eine beklemmend breite bassbaritonale Palette von Hinterhältigkeit bis zu offener Brutalität,. Und dam kehrte er zurück mit einer verbeulten Milchkanne als Milchmann Tevje: "If I were a rich man". Die Doppelbödigkeit dieses fatalen Traumliedes gestaltete Kotlinski ausgezeichnet: Je euphorischer der Gesang wurde, desto stärker wurde auch die immanente Furcht vor dem Absturz in die soziale Realität. Bei dem Duett von Porgy und Bess aus George Gershwins gleichnamiger fanden die beiden in ihrem Impetus erstaunlich gut zusammen.

Bravournummer zum Schluss

Natürlich durfte Leonard Bernsteins "Glitter and be gay" aus seiner Oper "Candide" nicht fehlen. Das ist Simone Kermes' Lied. Da kann sie voll und ganz instrumental singen, da kann sie aufdrehen bis zum Überdrehen, da kann sie singen bis zum Exzess. Ein mitreißender Schluss.
Nein: Drei Zugaben hatten Simone Kermes und die3Metamorfosi noch mitgebracht: "An Chloris" von Reynaldo Hahn, die Friedrich-von-Bodenstedt-Vertonung "Nachtigall, o Nachtigall" und "Si dolce è 'l tormento" von Claudio Monteverdi.
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