Bad Kissingen
Asyl

Gutes Miteinander im Kreis Bad Kissingen

Das Attentat in Würzburg hat selbst Flüchtlinge schockiert. Im Landkreis gab es bislang keine Gewalttat von Zuwanderern gegen Einheimische.
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Seit zwei Jahren gibt es die Berufsintegrationsklassen an der Staatlichen berufsschule. Wenn sich die Flüchtlinge vorstellen, wie hier bei einer äthiopischen Kaffee-Zeremonie, dann ist das Interesse der deutschen Schüler sehr groß. Im Schul-Alltag gab es bislang keine Probleme. Foto: Ralf Ruppert
Seit zwei Jahren gibt es die Berufsintegrationsklassen an der Staatlichen berufsschule. Wenn sich die Flüchtlinge vorstellen, wie hier bei einer äthiopischen Kaffee-Zeremonie, dann ist das Interesse der deutschen Schüler sehr groß. Im Schul-Alltag gab es bislang keine Probleme. Foto: Ralf Ruppert
"Warum tut jemand so etwas?" Die Frage, die sich nach dem Attentat von Würzburg viele stellen, stellt sich auch Islam Ibragimov. Der 18-Jährige stammt aus der russischen Republik Dagestan und lebt seit dreieinhalb Jahren in Deutschland. Vor drei Wochen wurde er endlich als Asylberechtigter anerkannt, umso wichtiger ist ihm eine gute Integration: "Wenn ich in einem Land lebe, muss ich mich auch bemühen, mit den Menschen gut klar zu kommen", sagt er.
Islam Ibragimov wohnt in
Münnerstadt, besucht die Berufsintegrationsklasse an der Berufsschule und hofft auf einen Lehrvertrag. "Im ersten halben Jahr hatte ich Stress", erinnert er sich: Er sei als einziges Flüchtlingskind in eine Mittelschulklasse gesteckt worden, habe kein Wort verstanden. "Das macht dich fertig." Mittlerweile spricht er gut Deutsch, arbeitet regelmäßig bei einem Betrieb in Nüdlingen und hat das Ziel, Reha-Techniker zu werden.
Das Attentat von Würzburg war auch in Islams Klasse ein Thema - durch Zufall: Bei einem Mitschüler schallten arabische Rufe aus dem Handy. "Das war völlig harmlos, aber wir sind erst einmal erschrocken", berichtet Klassleiterin Doris Peter. Schnell sei das Gespräch auf Würzburg gekommen: "Viele Schüler haben noch gar nichts davon gewusst", erzählt Peter. "Aber sie verstehen, dass Deutsche jetzt Angst haben." Sie und ihre Kollegen hätten sich noch nie bedroht gefühlt, auch als Frauen seien sie von Anfang an respektiert worden. Das Miteinander mit den anderen Berufsschulklassen sei sehr positiv, und: "Unsere Flüchtlinge sind im Schnitt sogar höflicher als die einheimischen Jugendlichen."


Noch nie bedroht gefühlt

Ähnliche Erfahrungen hat auch Beate Ritter-Schilling gemacht, die sich seit mehr als drei Jahren ehrenamtlich in der Flüchtlingsarbeit engagiert: "Von der Höflichkeit und Hilfsbereitschaft könnten sich einige deutsche Jugendliche eine Scheibe abschneiden", sagt die Hammelburgerin. Sie habe sich noch nie in einer Situation bedroht gefühlt, achte aber auch auf eine angemessene Distanz: "In einigen Kulturen gibt man sich eben nicht die Hand", nennt sie als Beispiel.
"Es gab noch nie Vorfälle, die Anlass zur Sorge geben", sagt auch Stefan Seufert, der Asyl-Koordinator des Landkreises. Aus seiner Sicht sei die regionale Verteilung der mehr als 1200 Flüchtlinge im Kreis der richtige Weg. Die Flüchtlinge fühlten sich in ihrem jeweiligen Umfeld gut angenommen. Es seien ihm keine Beschwerden bekannt, im Gegenteil: Flüchtlinge würden ihren Betreuern, Lehrern und Helfern mit sehr viel Respekt begegnen. "Es gibt höchstens mal Reibereien zwischen Flüchtlingen, aber das wäre bei uns nicht anders, wenn wir auf so engem Raum leben müssten."


Kein einziges Rohheitsdelikt

Die Polizei erfasst jeden Fall, bei dem Menschen mit Migrationshintergrund beteiligt sind, vom Verkehrsunfall bis zum Laden-Diebstahl. Ergebnis: "Es gab kein einziges Rohheitsdelikt zwischen einem Flüchtling und einem Einheimischen", berichtet Christian Pörtner, stellvertretender Leiter der Bad Kissinger Polizei. Aus seiner Sicht trage die gute Vernetzung aller Stellen im Landkreis dazu bei, dass es so gut und sicher laufe. Bei Auffälligkeiten werde sofort Hilfe angeboten, Schulen, Behörden und Polizei sprechen sich regelmäßig ab. Vor allem nach den Vorfällen in Köln habe es zwar einzelne Anrufe gegeben, dass sich junge Frauen bedroht fühlen. Tatsächlich passiert sei aber nichts, in allen Fällen habe ein Hinweis auf die üblichen Verhaltensregeln gereicht.
Zu Denken gibt das Attentat auch Jürgen Keller von der evangelische Kinder-, Jugend- und Familienhilfe, die im Landkreis Bad Kissingen minderjährige Flüchtlinge betreut. "Wir sind zwar nicht direkt betroffen, aber wir gehen nicht zur Tagesordnung über", kündigt er an, dass Mitarbeiter und Betreuer noch mehr sensibilisiert werden. Auch ihm ist kein Fall der Gefährdung Einheimischer bekannt. Die Messer-Attacke zwischen zwei Flüchtlingsjungen im Mai in Oerlenbach sei sehr professionell aufgearbeitet und mit den Nachbarn besprochen worden: "Uns ist da Transparenz sehr wichtig."
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