Bad Kissingen
Musikkabarett

Große Kunst als Riesenspaß

Annette Postel begeisterte im Rossinisaal mit ihrem Programm "Sing oper stirb ... Operette sich, wer kann..."
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Große Opernparodie im Kleinen Kursaal (heutzutage: Rossinisaal): Annette Postel, ausgebildete Opernsängerin erzählte und trällerte aus dem Nähkästchen des Opernbetriebs, begleitet vom Jazzpianisten Klaus Webel  Foto: Ahnert
Große Opernparodie im Kleinen Kursaal (heutzutage: Rossinisaal): Annette Postel, ausgebildete Opernsängerin erzählte und trällerte aus dem Nähkästchen des Opernbetriebs, begleitet vom Jazzpianisten Klaus Webel Foto: Ahnert
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"Sing oper stirb ... Operette sich, wer kann...". Annette Postel, ausgebildete Opernsängerin, meinte in einem Interview, dass man sich nur über das so richtig lustig machen darf, was man liebt. Und genau das tut sie in der Show mit diesem Titel, mit der sie im Rossini-Saal ihre Zuschauer begeisterte.
Sie liebt und kennt all die großen Opern-Arien, ihre kompositorischen Tücken, ihre Publikumswirksamkeit, aber sie hat auch die Fähigkeit, hinter das zu schauen, was
da so tiefernst genommen wird und deshalb auf weniger damit befasste Menschen manchmal furchterregend, manchmal abstoßend und manchmal lächerlich wirkt.


Treffsichere Parodien

Und das nimmt sie mit treffsicherem Humor, umwerfender parodistischer, ja schauspielerischer Begabung aufs Korn. Von der besoffenen Diva, die ihren Frust über die nur zwei Arien für die Königin der Nacht Mozarts "Zauberflöte" in der langen Pause zwischen den beiden in der Theaterkantine mit Bier betäubt und ihrer nur Matetee trinkenden Konkurrentin dann Whisky in denselben schüttet, worauf diese von der Mondsichel fällt, bis zu der alten Frau, die in "Carmen" den Schlüssel zu den vielen Männern zu finden versucht, die sie doch noch so gerne vernaschen würde - Annette Postel spielt all diese verzweifelten Aktionen mit überzeugender Bühnenpräsenz und umwerfend komischer Körpersprache.


Furioser Auftakt

So kommt sie schon zu Beginn - der verzweifelte Mann am Klavier, Klaus Webel wiederholt mit köstlicher Mimik ständig ihre Auftrittsphrase - verspätet und ganz im weißen Unterzeug auf die Bühne, im Morgenmantel, knielanger Rüschenunterhose, kleinem Mieder und Unterziehhaube, weil die Garderobiere sich halt noch eine Stunde im Streik befindet. Sie singt "Oper ist unmodern" auf die Melodie der berühmten Rigoletto-Arie über die die trügerischen Frauenherzen, worauf sie sich über ihre beste Freundin auslässt, die sie mit einem absolut sexy Kerl besucht und dadurch in Gewissennöte bringt. Von Puccinis "Boheme" kommt sie zum Milchmann Tevje und seinem Ohrwurm, natürlich mit dem Text: "Wenn ich ein Tenor bin", denn das sind halt die Könige der Oper, wie sie sie als Gesangslehrerin Moll mit ungarischem Akzent preisen lässt. Zum Thema Männer gibt's natürlich Nicolais "Die lustigen Weiber von Windsor" mit ihrem Kampf gegen den feisten Lüstling Falstaff.


"Kadenz zum Gelddrucken"

Doch dann geht es gleich in den Kernbereich des Operngesangs, der in herrlichem Geblödel und mit vielen "Musikbeispielen" durchgezogenen Argumentation, dass Koloraturen schuld seien an den hohen Opern-Eintrittspreisen, denn schließlich seien die Sänger früher nach der Zahl der Töne bezahlt worden.
Das führt zum einen zur Erwähnung der leidgeprüften Mitbewohner einer übenden Koloratursopranistin, zum anderen aber zwangsläufig zur Arie der Königin der Nacht als "Kadenz zum Gelddrucken" und der einzigen operngerechten Methode sich gegen das Geträller zu wehren: Messer zwischen die Rippen. Denn schließlich seien Sex & Crime die Hauptthemen der Oper, was Postel mit der zwar mit unverständlichem Text, aber wunderschön ruhig interpretierten Arie der Liu aus "Turandot" belegte.


Kommentare vom Flügel

All das ist allerdings nur eine Ebene des Ganzen, denn Pianist Klaus Webel spielt nicht nur absolut einfühlsam von Opernpartitur bis Chansonmelodie, er mischt auch mit: Er regt sich über Diven-Getue auf und holt sie bei Anflügen zu Höhenflügen runter und murrt über die ständigen Unterbrechungen seines Spiels.
Annette Postel reflektiert Volkes Meinung zu ihrem ungewöhnlichen Beruf mit einer köstlichen Parodie auf die Frau aus ihrem Eifel-Dorf, die mit einer Babbel-Salve auf die Bühne schießt und mit Rücksicht auf das Kissinger Publikum erst zum Langsam-und-deutlich-Sprechen ermahnt werden muss.
Nach der Pause gab's dann nach großer Auftrittsmusik mit dem reifrockbewehrten Rokoko-Prachtkostüm und der imposanten hochaufgetürmten Perücke Henry Purcells große Arie der Dido zu stimmungsvollem Licht, bei der natürlich der Pianist Text dazwischen spricht, damit es nicht ganz so feierlich wird.


Bonbonpapier für das Publikum

Das Publikum durfte seine Unarten selbst parodieren: Bonbons zum Knistern wurden an die eine Hälfte des Saales verteilt, der andere sollte sich dem Husten widmen. Die Diva gab die Einsätze für die Knisterer und Hüstler und stellte dann befriedigt fest, dass ihr Publikum jetzt alles beherrsche, was es für ein großes Opernpublikum braucht. Manches müsse man halt erst lernen. "Jeder hat sein Umfeld!", stellte sie fest, sie habe Schweinsteiger auch immer für ein Hobby gehalten. Das ihre preist sie mit "Oh, große Kunst!", allerdings auf die Melodie von Edith Piafs "Rien de rien" aus dem Bereich der sogenannten Kleinkunst, dem Chanson. "Ich mache es mit beiden", ist ihr Bekenntnis und sie beweist es mit einer witzigen Kontrafaktur der Ännchenarie aus dem Freischütz und Dalidas "Er war ein Mann mit 18 Jahr".


Begeistertes Publikum

Zum Finale ging es mit den drei absoluten Glanznummern des Programms - glücklicherweise war auch das Publikum nun so richtig dabei: "Kurgäste, die trampeln, wo gibt's denn sowas", war Postels frecher Kommentar. "Zickenwalzer" zum Thema Erst- und Zweitbesetzung bei der "Königin der Nacht" und "Meine Lippen, sie küssen so heiß" als Demonstrationsobjekt möglicher Handicaps für Sänger, in diesem Fall Lispeln mit schön herausgespieltem Schlussgag bei der eigens für die aussprachebehinderte Sängerin komponierten "Arie ohne s. Oder Paminas "Ach, ich fühls, es ist verschwunden" mit den aus unserer weniger romantischen Zeit stammenden witzigen Interlinearkommentaren wie "Dein Abschied war ein harter Schlag" und "Du bist zurück, ich fass es nicht!" bis zu dem mit Bühnennebel und Kazoo stimmungsvoll in den Rossinisaal gezauberten monumentalen Operntriumphfinale und Paminas "Ich überleb!", bei dem das Publikum begeistert mitklatschte.
Drei Zugaben vom Feinsten waren der Lohn: Die Alte (Postel mit absurd riesigem schwarzem Mantel über dem Reifrock), die bei "Carmen" neue Chancen wittert, "Oh Donna Clara" als Parodie einer Caruso-Schelllackplatte mit all ihren Aufzieh-und Kratzgeräuschen und einem näselnden Tenor, mal zu schnell, mal zu langsam laufend. Ganz zum Schluss dann ein sehr persönlich klingendes Chanson zum Runterkommen und Heraustreten aus der Rolle: "Keiner weiß, wie ich bin, nur du".
Das Publikum, das am Anfang etwas irritiert war, wohl nicht so ganz wusste, was es erwartete, war nun absolut begeistert von diesem ebenso gut gesungenen, musizierten, gespielten und vor allem von witzigen und intelligenten Einfällen sprühenden Musikkabarett mit zwei Unterhaltungskünstlern vom Feinsten.
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