Bad Kissingen
Abschied

Gestalter geht von Bord

Architekt Otto Gass arbeitete 41 Jahre lang in der staatlichen Bauverwaltung, die Hälfte der Zeit in Bad Kissingen
Artikel drucken Artikel einbetten
Otto Gass an der Baustelle Luitpoldbad. Foto: Ralf Ruppert
Otto Gass an der Baustelle Luitpoldbad. Foto: Ralf Ruppert
+1 Bild
Wenn er an Otto Gass denkt, ist der ehemalige Bad Kissinger Stadtplaner Wolfgang Russ voll des Lobes: "Ich schätze ihn sehr, er hatte immer brilliante Ideen und grandiose Lösungen." Vor allem beim Hochwasserschutz hätten die beiden Architekten sehr gut zusammen gearbeitet: Das Staatliche Bauamt plante den Abschnitt südlich, die Stadt nördlich der Ludwigsbrücke.
"Wir haben uns sehr gut verstanden", berichtet Ex-Stadtplaner Russ, der im vergangenen Jahr in Ruhestand ging. Ende des Monats tut es ihm Otto Gass gleich.


Start beim Landbauamt

Otto Gass reizt seine Arbeitszeit komplett aus: Mit 65 Jahren und fünf Monaten erst hört er auf. "Ich habe das immer leidenschaftlich gerne gemacht", blickt er zurück. Nach dem Architektur-Studium in Würzburg begann er vor 41 Jahren seinen Dienst beim damaligen Landbauamt Würzburg. "Als ich angefangen habe, haben wir noch alles selbst gemacht", denkt er etwas wehmütig zurück. 1980 wechselte er dann als Inspektor zum Landbauamt Schweinfurt, danach folgten Stationen im Finanzbauamt, ab 1996 im neuen Hochbauamt und schließlich im 2006 neu zusammengewürfelten Staatlichen Bauamt.
"Früher haben wir alles noch selbst geplant, heute nimmt einen die Verwaltung viel zu sehr in Anspruch", fasst der Baurat die Veränderungen zusammen. "Man verliert das Gefühl fürs Bauen", nennt er als Konsequenz. Er befürchte, dass - wie in anderen Bundesländern schon passiert - die Bauverwaltung vielleicht ganz abgeschafft wird. Dass der Einzug des Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit in eine staatliche Immobilie von einem Privat-Büro geplant werde, sei nur der nächste Schritt. "Ich finde das unmöglich", nimmt Gass kein Blatt vor den Mund, und: "Das erleichtert den Abschied dann doch etwas."
Auch bei anderen Themen ist Otto Gass streitbar: "Ich halte es für eine Todsünde, dass man das Kurhaushotel weggerissen hat, ohne eine Nachnutzung zu haben", kommentiert er auf Nachfrage das Vorgehen seines Noch-Dienstherren beim ehemaligen Steigenberger. Umgekehrt hätte er sich gewünscht, dass der Neumann-Flügel nicht um jeden Preis erhalten werde: "Man muss auch mal was opfern, um zu was Neuem zu kommen."


Oft alte Bausubstanz erhalten

Meistens jedoch trug Gass zur Erhaltung wertvoller Bausubstanz bei: Die Sanierung der Schweinfurter Wirsing-Villa, heute Arbeits- und Sozialgericht, war eines seiner ersten großen Projekte. Zudem baute er in Schweinfurt an Polizei- und Ämtergebäude mit. In Bad Kissingen begleitete er ab 1996 die 35 Millionen Euro teure Sanierung von Regentenbau und Wandelhalle mit. Danach folgten Spielbank und Hochwasserschutz: "Zu meinen beiden besten Ideen gehört bis heute, dass die Brücke eine Insel bekommt und nicht am Saale-Ufer, sondern in der Kurhausstraße endet", erzählt Gass. Außerdem sorgte er für die Erhaltung der historischen Geländer. Bei manchem umstritten ist dagegen seine Ecke in der Uferpromenade mit Edelrost-Patina: "Ich habe mich gefreut, dass er sich mit dem Corten-Stahl durchsetzen konnte, weil es in die Zeit passt", lobt ihn zwar Russ dafür, aber andere sehen es kritischer: Der Plan, auch den Runden Brunnen mit einer Cortenstahl-Kuppel zu bekrönen, scheiterte jedenfalls.
Auch über Bad Kissingen hinaus war Gass aktiv: Im Staatsbad Bad Brückenau beaufsichtigte er die Sanierung der Remise und entwarf das Parkdeck dahinter. In den vergangenen 20 Jahren immer wieder beschäftigt hat ihn das Luitpoldbad, zunächst als "Bauunterhaltsobjekt", dann als Baustelle. "Ich finde die Entscheidung gut", kommentiert er die Verwendung als Behördenzentrum. Seiner Meinung nach hätte allerdings auch das Staatliche Bauamt dort einziehen sollen: "Da hätten wir gut hingepasst, da hätte ich gerne mein Büro gehabt", sagt Gass.


Noch viele offene Projekte

Nach 76 Jour-Fixe-Terminen ist für Otto Gass nun Schluss am Luitpoldbad: Gerne hätte er noch die Fertigstellung miterlebt. So habe er aber wenigstens einen Grund, in seiner Freizeit wieder zu kommen. "Ich bin gerne in Bad Kissingen", erzählt er. Am liebsten hätte er deshalb auch noch das Kurtheater saniert und das Gradierwerk in seiner alten Länge neu aufgebaut.
"Er war ein Gestalter und echter Architekt", lobt Abteilungsleiter Erwin Full den scheidenden Mitarbeiter, und: "Er hat auch immer etwas neben der Spur gedacht, das hat uns oft entscheidend weitergebracht." In der Liegenschaftsabteilung sei Otto Gass einfach "der Architekt im Haus" gewesen.
Verwandte Artikel

Kommentare (0)

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren