Diese Woche ist es ruhig an der Bildungsstätte "Der Heiligenhof": Es sind nur halb so viele Gäste gekommen wie sonst. Das ist auch gewollt, sagt Geschäftsführer Steffen Hörtler. Denn Anfang Mai wird die Bildungseinrichtung ihr 60-jähriges Bestehen feiern mit einem Festakt und einem Tag der offenen Türe. Da kann man nicht voll sein bis unters Dach.
Dennoch ist Hörtler optimistisch. Er erwartet wieder über 30 000 Übernachtungen. Trotz der Kurtaxe, trotz der Pleiten von Schlecker und Ihr Platz. Beide hatten Mitarbeiter-Weiterbildungen auf dem "Heiligenhof" durchgeführt. Für 2012 waren 50 Gruppen gemeldet; eine einzige ist gekommen. Das war in der vergangenen Woche. "Das hat uns schwer getroffen", sagte Geschäftsführer Hörtler. Nach seinen Angaben ist es gelungen, diese Lücken wieder zu füllen mit Ersatzbuchungen namhafter Unternehmen wie der Automobilzulieferer Brose.
Ein weiteres wichtiges Standbein ist die Jugendherberge. Sie laufe "wirklich sehr gut." Hörtler: "Wir gehören nach wie vor zu den am besten ausgelasteten Häusern in Bayern." Dafür muss man auch etwas tun. Die Erlebnispädagogik unterliegt einem ständigen Wandel, "dem wir uns anpassen müssen." Beim Hochseilgarten habe man eine Pionierstellung gehabt. Die Industrie komme auf den "Heiligenhof" zu mit der Bitte, gemeinsame Programme zu entwickeln, um junge Menschen an die Technik heranzuführen.
An Bedeutung gewinnen wird nach Ansicht von Hörtler das Thema Deutschland. Viele junge Menschen wüssten zu wenig, wie es bis 1989 war mit zwei deutschen Staaten, mit der Teilung und dem eisernen Vorhang.
An erster Stelle im Aufgabenkatalog steht weiterhin die international tätige Begegnungs- und Tagungsstätte. Sie genieße "großes - auch grenzüberschreitendes - Renommee als europäische Bildungseinrichtung", hat Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) geschrieben. Sie sei Kooperationspartner angesehener Einrichtungen.
Dabei soll sie ihre Wurzeln nicht vergessen. Hörtler ist seit kurzem einer der drei stellvertretenden Bundesvorsitzenden der Sudetendeutschen Landsmannschaft. Er will auch künftig den Arbeitsschwerpunkt auf "Die Deutschen und ihre östlichen Nachbarn" legen. Das deutsch-tschechische Verhältnis werde einmal so "normal" sein wie das deutsch-französische es ist. Entsprechend werde sich die Bildungsarbeit ausrichten, wobei man auf die Jugend setze. Schon heute habe man viele Studenten und junge Akademiker aus Tschechien, der Slowakei, Rumänien, Bulgarien und Ungarn auf dem "Heiligenhof".
Der "Heiligenhof" wurde ursprünglich eingerichtet als eine sudetendeutsche Heimstatt. Geformt wurde sie maßgeblich von Erich Kukuk (†) und seiner Frau Traudl. Dann öffnete man sich auch anderen Gruppen.
1989, mit der politischen Wende, wurde der "Heiligenhof" immer mehr zur Brücke zu den Staaten des früheren Ostblocks. Federführend war und ist hier die Akademie Mitteleuropa unter der Leitung von Günter Reichert. Ihr Motto lautet "Alles Leben ist Begegnung".
Mit Steffen Hörtler kam 2003 ein weiterer Schub. Das Haus wird weiter mit erheblichem Aufwand saniert und aktuellen Anforderungen angepasst. Es hat 220 Betten. Weiterentwickelt wurde auch das Programm mit namhaften Referenten aus dem In- und Ausland. Bei den Veranstaltungen sind Menschen aus der Region willkommen.
Der "Heiligenhof" ist offen für Gäste von sieben und 70 (plus x) Jahre. Viele sind "Wiederholungstäter", die oft hierher gekommen sind. So Ute Flögel aus Bad Honnef: 1955 war sie zum ersten Mal hier und dann immer wieder. Denn mit dem "Heiligenhof" verbinde sie eine Menge schöne Erinnerungen.
Geschichte: Das damalige Sudetendeutsche Sozialwerk (SSW) hat das Landhaus "Heiligenhof" 1952 als Heimstätte gekauft. Die Einrichtung wurde mehrfach aufwändig um- und ausgebaut. Träger ist heute die SSW-Nachfolgeorganisation, das Sudetendeutsche Sozial- und Bildungswerk (SSBW). Der "Heiligenhof" erwirtschaftet einen Jahresumsatz von rund 1,3 Millionen Euro, beschäftigt 16 meist langjährige Mitarbeiter hat 2011 rund 33 000 Übernachtungen verbucht.
Festakt: Rund 250 Gäste aus Wirtschaft, Politik und Verwaltung werden im "Heiligenhof" zu einer Feierstunde am Montag, 30. April, um 16.30 Uhr erwartet. Unter anderem reden Sozial-Staatssekretär Markus Sackmann (CSU), der Europa-Abgeordnete Bernd Posselt (CSU), der Sprecher der sudetendeutschen Volksgruppe, und Peter Michael Huber, Richter am Bundesverfassungsgericht sowie früherer Innenminister von Thüringen . Sein Thema: "Freiheit braucht Mut".
Programm: Am Dienstag, 1. Mai, ist für alle Interessierten am "Heiligenhof" ein Tag der offenen Tür. Referenten halten von 9.30 bis 12.15 Uhr Vorträge. Gleichzeitig ist offenes Singen mit der Schönhengster Sing- und Spielschar. Um 14 Uhr beginnt das Singspiel "Ach, Louise oder das andere Weiße Rössl". Von 10 bis 16 Uhr finden im Außenbereich - Hochseilgarten, Kletterturm und Bogenschießplatz - Spielaktionen für zehn- bis 99-Jährige statt. Mittags gibt es Gulasch. ed