Oerlenbach
Ausflug

Flüchtlinge besuchen innerdeutsche Grenze

Sie kannten die deutsche Teilung nur aus Filmen oder aus dem Geschichtsbuch. Der Helferkreis Ebenhausen hat eine Exkursion für Asylbewerber organisiert.
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Die Asylbewerber aus Ebenhausen besuchten die einstige innerdeutsche Grenze. Das Foto zeigt die Gruppe mitten im Skulpturenpark an der ehemaligen Übergangsstelle Eußenhausen. Foto: Stefan Geiger
Die Asylbewerber aus Ebenhausen besuchten die einstige innerdeutsche Grenze. Das Foto zeigt die Gruppe mitten im Skulpturenpark an der ehemaligen Übergangsstelle Eußenhausen. Foto: Stefan Geiger
Seit ein paar Jahren leben in einem Mehrfamilienhaus in der Bahnhofstraße in Ebenhausen Asylbewerber, um deren alltäglichen Belange sich Helferkreise engagieren. Dazu gehört eine Gruppe, die seit Jahresbeginn das Erlernen der Sprache für den Alltagsgebrauch unterstützt und die eine Fahrt an die einstige innerdeutsche Grenze initiierte.

"Am Anfang kamen bis zu 15 Erwachsene und Jugendliche.
Wir wählten projektbezogene Themen aus Situationen des täglichen Lebens: Wie heißen Werkzeuge? Wie schreibe ich Lebenslauf und Bewerbung? Wie fertige ich eine Anfrage zu Wohnungssuche? Wie bestelle ich etwas? Wir gingen somit nicht systematisch nach Lehrbüchern vor, sondern wählten bewusst die Anliegen, die die Asylbewerber aktuell bewegen", beleuchtet Michael Völkel die Inhalte für ihren Deutschunterricht.


Helfer üben zum Teil mit Analphabeten

Grundsätzlich war es den Hausbewohnern frei gestellt zu kommen. Lediglich eine Liste wurde geführt, wer jeweils teilgenommen hat. "Die Jugendlichen sind inzwischen in die Berufsschule gewechselt. So ist unser Kreis kleiner geworden. Die Arbeit aber macht riesigen Spaß, wenn wir erleben, wie Menschen, die hier einen neuen Anfang machen wollen, bei der Sache sind. Vor allem jene, die bisher weder lesen und noch schreiben konnten, also Analphabeten waren, tun sich zwar schwer, wollen aber unbedingt Deutsch lernen. Allein wenn wir ihnen zur Seite stehen, lohnt sich unser Dienst", erklärt Völkel weiter.

Teamleiterin ist Christine Seufert, die zusammen mit Michael Völkel den Deutschkurs nach dem so genannten Thannhauser Modell hält. Ronja Ebner nimmt sich der Alphabetisierung an, kümmert sich also um jene, die in ihrer Heimat weder lesen, schreiben und rechnen lernen konnten. Anregungen bieten jeweils Arbeitshefte, die ein Helferkreis in Thannhausen (Schwaben) erstellte für jene, die zwischen Ankunft in Deutschland und Anerkennung kein Anrecht auf einen Deutschkurs haben. Ziel ist, einfache Sprachkenntnisse und lebenskundliche Erstorientierung anzubieten.


Helfer jederzeit willkommen

Dabei helfen Illustrationen und englische Untertitel. "Frau Ebner wird nach den Ferien nicht mehr dabei sein können, weil sie zum Studium nach Rostock wechselt. Wir aber setzen unsere Angebote fort", informiert Völkel mit dem Hinweis, dass jeder jederzeit mit in diese Aufgabe einsteigen kann.

Dieser Bitte schließt sich Maria Wahler als Ansprechpartner für alle, die bei der Integration helfen, an: "Jeder ist willkommen, kann einmal schnuppern, ohne feste Verpflichtung. Gerne würden wir neben Hausaufgabenhilfe und Alltagsfragen weitere Angebote machen, aber uns fehlen die Kräfte wie für Spielen, Kochen oder Ausflüge." Im Haus an der Bahnhofstraße leben derzeit etwa 50 Asylbewerber. Bisher gab es keinerlei Zwischenfälle. "Die Bewohner aus Afghanistan, Syrien, Ukraine, Südosteuropa kommen sehr gut miteinander aus. Es gab bislang keinerlei Probleme", lobt sie das Miteinander.

Kürzlich unternahm der Deutschkurs einen Ausflug, organisiert von Michael Völkel, an die frühere innerdeutsche Grenze, finanziert über den Helferkreis. "Wir führten unseren praktischen Deutschunterricht fort als Begegnung mit der jüngsten deutschen Geschichte. Wir waren sehr erstaunt, wie interessiert und neugierig die Asylanten an der ehemaligen Grenze waren und die Infos zur Wiedervereinigung aufnahmen", fasste Michael Völkel die Eindrücke zusammen.


Teilung nur aus Filmen gekannt

Der 30jährige Mohammad Kheir Ayas aus Syrien sagte zur Schilderung der langwierigen und penibel genauen Kontrollprozedur bei der Ein- und Ausreise: "Es muss sehr schwer für die Leute gewesen sein, immer stundenlang an der Grenze zu warten." Wie alle anderen Teilnehmer der Fahrt war er zum ersten Mal an der ehemaligen innerdeutschen Grenze bei Eußenhausen. "Ich habe immer von den Geschichten um diese Grenze gehört. Dort habe ich nun zum ersten Mal gesehen, wie es wirklich war. Denn es ist immer besser, etwas selbst zu sehen, als aus Büchern oder Filmen."

Obwohl Yelizaveta Kairiak (18 Jahre) aus der Ukraine den Eisernen Vorhang und den Kalten Krieg nur aus dem Geschichtsbuch kennt, zeigt sie viel Einfühlungsvermögen: "Es muss eine schwere Zeit gewesen sein, besonders für Familien, die sich nicht sehen und besuchen durften. Als dann die Grenze weg war, waren alle bestimmt sehr glücklich, dass sie sich nun jederzeit besuchen konnten."


Erfahrungsbericht beeindruckt

Ali Hendawi (48) und seine Frau Kamar Halime (37) waren auch zum ersten Mal an der ehemaligen innerdeutschen Grenze. Besonders beeindruckt haben das syrische Ehepaar die Schilderungen Michael Völkels, der in den 1980er Jahren die nervenaufreibende Kontrollprozedur bei Ein- und Ausreise in die DDR selbst erlebte.
Nachhaltigen Eindruck hinterließ die Schilderung, wie kompliziert es noch bis Ende der 1980er Jahre war, mit dem anderen Teil Deutschlands zu telefonieren: Zunächst war Voranmeldung des Gesprächs nötig. Dann dauerte es eine unbestimmte Zeit, meistens etliche Stunden, bis eine Verbindung zustande kam, man wurde zurückgerufen. Das konnte durchaus mitten in der Nacht oder am frühen Morgen sein. Zu allem Übel wurde das Gespräch abgehört und kostete bei mäßiger Tonqualität etwa 2,80 Deutsche Mark pro Minute.

Zum Vergleich: Eine Verbindung in die USA war sekundenschnell aufgebaut und ein Drittel günstiger. Und abgehört wurde damals auch nicht. Keinerlei Berührungsängste vor fremden Religionen zeigten die Flüchtlinge - überwiegend muslimischen Glaubens - während eines abschließenden Spaziergangs durch Meiningen, als die Stadtpfarrkirche Schutz vor einem Regenschauer und den müden Füßen eine Sitzgelegenheit zum Ausruhen bot. Fasziniert lauschten besonders die Hendawis den Klängen der Orgel, obwohl der Organist lediglich eine Registerprobe machte.
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