Bad Kissingen
Arbeitswelt

Fachkräfte als Mangelware

Vor allem im Lebensmittel- Handwerk fehlt der Nachwuchs. Metzger Oliver Brunner hat bereits Öffnungszeiten verkürzt, in der Berufsschule schrumpfen Klassen.
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Chef Oliver Brunner (Bildmitte) und seine Frau Christine (links) haben sich aus Personalmangel entschlossen, die Öffnungszeiten ihrer Metzgerei in der Innenstadt zu reduzieren. Fotos: Ralf Ruppert
Chef Oliver Brunner (Bildmitte) und seine Frau Christine (links) haben sich aus Personalmangel entschlossen, die Öffnungszeiten ihrer Metzgerei in der Innenstadt zu reduzieren. Fotos: Ralf Ruppert
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Ulrike Degen aus Garitz ist Stammkundin in der Metgerei Brunner. "Ich kaufe seit über 20 Jahren regelmäßig hier, vor allem den Leberkäse zur Brotzeit." Umso überraschter war sie, dass die Metzgerei jetzt ihre Öffnungszeiten reduziert hat: werktags machen die Brunners statt um 8 Uhr erst um 8.30 Uhr auf und schließen um 14.30 Uhr statt um 18 Uhr, am Samstag bleibt der Laden in der Kirchgasse ganz zu.
"Ich kriege einfach niemanden für den Verkauf", sagt Oliver Brunner zur Begründung.

"Uns hat's im Herzen weh getan", berichtet der 42-jährige Metzgermeister. Aber eine Mitarbeiterin habe schon im August aufgehört, "und wir haben bis heute noch keine einzige Bewerbung." Seinen letzten Lehrling habe er bereits vor vielen Jahren ausgebildet: "Ich habe immer wieder inseriert, aber es gibt einfach keine Bewerber." Immerhin habe er aktuell wieder einmal einen Praktikanten, der sich für den Beruf interessiere.


"Wir haben keinen Modeberuf"

Zumindest in der Produktion ist Oliver Brunner mit vier Meistern gut ausgestattet. Sie sorgen für die Ware in der Metzgerei, im Imbiss und für die Auslieferung. Aber das Personal im Verkauf reiche eben nicht, seine Frau arbeite jetzt schon mehr als es die Betreuung der schulpflichtigen Kinder eigentlich zulasse. Und bei ihm selbst seien 15-Stunden-Tage keine Ausnahme: "Da kommt ja noch die ganze Schreiberei dazu, von Hygiene-Auflagen bis jetzt neu zum Mindestlohn."

Mit reduzierten Öffnungszeiten haben es auch andere schon versucht: Etwa die Metzgerei Geißler in Hambach, die vor kurzem sogar dann aber schloss. "Es ist ganz schwierig mit Personal", weiß auch Innungs-Obermeister Robert Schmitt, und: "Wir haben halt keinen Modeberuf." Die Mitgliedsbetriebe der Innung würden immer wieder neue Wege gehen, etwa Kontakte zu Flüchtlingen aufnehmen. "Wir leisten auch gerne Schützenhilfe", setzt der Obermeister zudem auf die persönliche Beratung von Eltern und Schülern. Zudem würden die Betriebe ihren Auszubildenden oft auch entgegen kommen, etwa bei den Fahrtkosten.


Zuschuss zur Azubi-Vergütung

Diesen Weg ist auch Bäckermeister Marius Motsch gegangen: "Ich habe genügend Bewerber, aber nur weil ich noch etwas Geld drauflege", berichtet der 32-Jährige, der den Bad Kissinger Familienbetrieb in dritter Generation leitet. Großer Hemmschuh für die Arbeit in der Backstube seien die Arbeitszeiten: Unter der Woche um 3 Uhr und am Samstag um 1 Uhr geht es los. Deshalb öffne er den Laden in der Scheffelstraße auch am Samstag nur bis 12.30 Uhr und sonntags gar nicht. Selbst das gehe nur, weil seine Mutter noch oft aushelfe. Er selbst arbeite 60 bis 70 Stunden in der Woche. Warum er sich das antue? "Weil ich einfach gerne mein eigener Chef bin."
Die Situation im Handwerk kennt auch der Leiter der Bad Kissinger Berufsschule, Rudolf Hoffmann: "Es gibt deutlich mehr Ausbildungsstellen als Azubis", nennt er als Ursache. Bei der Auswahl spielen aus seiner Sicht Bezahlung, Arbeitsbedingungen und Image des Berufes die entscheidende Rolle. "Richtig ist, dass sich das Nahrungsmittelhandwerk im Wettbewerb um Azubis schwer tut."


Sinkende Schülerzahlen

Das belegen auch die Schülerzahlen: Bei den Fleischern sind es im dritten Lehrjahr aktuell noch neun Azubis, im ersten und zweiten Lehrjahr dagegen nur je vier aus den Landkreisen Bad Kissingen und Rhön-Grabfeld, deshalb müssen die Fleischer des 2. Lehrjahres auch nach Haßfurt zur Berufsschule pendeln. Fleischerei-Fachverkäuferinnen haben 2014 nur fünf ihre Ausbildung begonnen. Immerhin einen kleinen Aufwärtstrend gibt es im Bäcker-Handwerk: Hier starteten 2014 acht Bäcker und ein Konditor ins erste Lehrjahr, 2013 waren es nur vier, 2012 nur drei Bäcker. Die Zahl der Fachverkäuferinnen allerdings sank auch hier: von 13 auf 9.
"Das hat auch viel mit dem Image des Berufes und der Betriebe zu tun", sieht Kreishandwerker-Meister Werner Paltian seine Kollegen und die Innungen in der Pflicht. Er selbst habe zum Beispiel genügend Bewerber in seinem Treppenbau-Betrieb in Motten. Dazu trage auch bei, dass er Lehrlinge mit anderen Fachbetrieben austausche und für gute Leute über Tarif zahle. Zudem geht Paltian neue Wege: "Ich habe zum Beispiel schon die dritte Familie aus Bulgarien nach Motten geholt."

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