Bad Kissingen
Belastet

Erinnern ist mehr als Gedenken

Die Ratlosigkeit ist immer noch groß: Feierstunde zum 75. Jahrestag der Pogromnacht im Tattersall.
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Während die beiden Pfarrer die Namen der Nazi-Opfer vorlesen, entzünden Jugendliche unter den Augen von Rabbiner Tuvia Hod (links) für jedes Opfer eine Kerze Fotos: Sigismund von Dobschütz
Während die beiden Pfarrer die Namen der Nazi-Opfer vorlesen, entzünden Jugendliche unter den Augen von Rabbiner Tuvia Hod (links) für jedes Opfer eine Kerze Fotos: Sigismund von Dobschütz
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Fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit fand am Sonntagabend die Gedenkveranstaltung zum 75. Jahrestag der Reichspogromnacht statt. Die Religionsgemeinschaften hielten im Tattersall eine Feierstunde, um gemeinsam aller jüdischer Opfer der gewalttätigen Übergriffe von SA und SS in der Nacht vom 9.auf den 10. November 1938 zu erinnern.

"Erinnern ist mehr als bloßes Gedenken", betonte Pfarrer Jochen Wilde, der mit seinem katholischen Kollegen Dekan Thomas Keßler und Rabbiner Tuvia Hod aus Frankfurt die Veranstaltung gestaltete. Man müsse erinnern und die Namen der Opfer wieder ins Bewusstsein rücken, "um neue Opfer zu verhindern". Denn es gelte, so zitierte er Charlotte Knobloch, die frühere Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, "auch heute und jederzeit wachsam und leidenschaftlich gegen antidemokratische Tendenzen zu kämpfen".

Zuvor hatten die beiden Pfarrer jeden Namen der letzten 41 jüdischen Männer, Frauen und Kinder vorgelesen, die im April und Mai 1942 aus ihrer Heimatstadt Bad Kissingen in die Vernichtungslager deportiert wurden. Nach jüdischer Sitte sei bei Nennung des Namens "das Wesen dieser Person gegenwärtig". Gleichzeitig wurde für jedes Opfer ein Kerzenlicht entzündet. Hans-Jürgen Beck, Kenner der jüdischen Geschichte Bad Kissingens, präsentierte dabei Fotos aus dem Leben des jeweils Genannten.

Akt der Buße für das Schweigen

Für die beiden Pfarrer war es ein Akt der Buße, sich in ihren Fürbitten, vorgetragen von Wolfgang Russ und Klaus Lotter, auch für das damalige Schweigen beider Kirchen zu entschuldigen. Rabbiner Tuvia Hod fragte in seiner schlichten Ansprache nach dem Warum: "Die Juden waren ganz normale einfache Menschen." Seit Jahrhunderten hätten sie schon in Deutschland gelebt. Wie hatte man nur auf die Idee kommen können, diesen Mitmenschen ihr Recht auf Leben zu nehmen? "Ich weiß keine Antwort."

Der Holocaust werde ein Phänomen bleiben, steht für Hod fest. "Männer, Frauen und fast eine Million Kinder wurden getötet. Sie haben niemandem etwas Böses getan." Warum hätten fast alle Nachbarn und sogar Freunde ihnen nicht geholfen? "Das wird uns ein Rätsel bleiben." Die Erkenntnisse aus der Geschichte sollten die heutige Gesellschaft "zu besseren Menschen machen", forderte er.

Nicht nur Fotos der Opfer, auch eine dreidimensionale Computeranimation der 1902 geweihten neuen Synagoge an der Maxstraße zeigte Hans-Jürgen Beck auf der Leinwand. Kaum hatten sich die fast 50 Zuschauer an die repräsentative Schönheit des Gotteshauses gewöhnt, wurde dieser Eindruck unmittelbar durch Fotos des in der Pogromnacht ausgebrannten Gebäudes und des auf Stadtratsbeschluss nachfolgenden Abrisses wieder zunichte gemacht.

Es war eine beeindruckende und nachdenklich machende Stunde im Tattersall. Sie erhielt durch die Liedbeiträge des JuLiFa-Chores unter Leitung von Kantor Burkhard Ascherl einen noch feierlicheren Rahmen.








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