Ihr Wohnzimmer ist das einer alten Dame. Erinnerungsstücke zieren die Regale, Kerzen, stilvolle Figuren und farbenfrohe Fotos. Ein Bild sticht besonders ins Auge, obwohl es sehr schlicht und in schwarz-weiß gehalten ist. Es zeigt einen jungen Mann in Uniform. Alt ist es, sehr alt, aber es hält die Erinnerung wach an den Mann, den Annemarie Harnoth die Liebe ihres Lebens nennt.
1939 wird die 21-jährige Annemarie zum Arbeitsdienst eingezogen. Ihr Weg führt sie nach Norddeutschland auf einen Bauernhof, wo sie "ihren" Werner trifft. "Ich bin Landwirt. Ich bin ein freier Mensch und das bleibe ich auch", sagt er zu ihr, aber es nützt ihm nichts. 1940 muss er mit der Wehrmacht an die Front, ein Landwirt, den man zuhause zur Bestellung der Felder doch eigentlich braucht. Zweimal wird er verwundet. Annemarie, inzwischen mit ihm verlobt, besucht ihn im Kriegslazarett. Mit einem Halsdurchschuss ist nicht zu spaßen. "Lass uns eher heiraten", sagt er zu ihr und sie ist einverstanden.
Mit zitternden Händen legt Annemarie Harnoth eine CD in den Player und drückt auf Start.Ein Mann singt - von Frieden und einer glücklichen Menschheit. Fast andächtig hört sie zu, ihre wasserblauen Augen strahlen. Es ist die Stimme von Harry Mack. Der Vorsitzende des VdK-Ortsverbandes ist gekommen, um Danke zu sagen. "Wir sind stolz darauf, so treue Mitglieder zu haben. Sie sind ein echtes Vorbild und eine Säule unseres Verbandes", sagt er. "Gern geschehen", antwortet Harnoth bescheiden. Dann überreicht Mack ihr eine Urkunde und steckt ihr die Ehrennadel des Verbandes an.
60 Jahre hat sich Harnoth beim Sozialverband engagiert. 60 lange Jahre, die sie doch eigentlich an der Seite ihres Mannes hätte verbringen wollen. Stattdessen unterstützt sie einen Sozialverband, dessen Name das Schicksal vieler beschreibt. Auch ihr Schicksal. 1950 wird der "Verband der Kriegsbeschädigten, Kriegs hinterbliebenen und Sozialrentner Deutschlands" gegründet, 1952 wird Harnoth Mitglied. "Die ersten Jahre hat es gar nichts gegeben. Keine Rente und nichts. Und dann hat man vierzig Mark bekommen", beschreibt Harnoth die schwierige Situation der Nachkriegsjahre.
Doch von der Hinterbliebenenrente allein kommt sie nicht über die Runden. Sie arbeitet als Angestellte bei der US-Armee, erst in einem Privathaushalt, dann verschafft ihr der Chef eine Stelle im Büro. 1971 zieht sie nach Zeitlofs zu ihrem Bruder und engagiert sich im Vorstand des VdK-Ortsverbandes."Viele kommen nur zum VdK, weil sie unsere Hilfe brauchen. Bei Frau Harnoth war das nicht so", sagt Elfriede Kenner, Frauenbeauftragte beim VdK Zeitlofs. Denn obwohl sie die Leistungen selbst nicht in Anspruch nahm, blieb Harnoth dem Verband treu.
Sie haben dann wirklich noch geheiratet, die beiden. Es war eine Kriegstrauung, 1943 in Bayreuth. Werner ist extra von der Front gekommen. Vierzehn Tage durfte er bleiben, dann musste er wieder weg. "Vom Osten drängten die Russen, vom Westen die Amerikaner", erzählt Harnoth. Irgendwo dazwischen ging er verloren, ungefähr drei Wochen vor Kriegsende.
Annemarie Harnoth bleibt allein. Einen ganz Schrank voll mit Fotos hat sie von ihren Reisen um die ganze Welt. "Mach nicht den Fehler und heirate noch einmal", riet ihre Mutter damals. "Es hat sich nicht ergeben", sagt sie selbst.