Bad Kissingen
Sport

En garde! Und ab geht die Post

Fechten ist eine außergewöhnliche Kampfsportart und hat doch eine lange Geschichte. Auch im TSV Bad Kissingen trainieren junge Fechter.
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Ein gutes Reaktionsvermögen und starke Reflexe sind gefragt: Kilian Dietrich (l.) und Konrad Seitz auf der Planche.  Foto: Jule Albert
Ein gutes Reaktionsvermögen und starke Reflexe sind gefragt: Kilian Dietrich (l.) und Konrad Seitz auf der Planche. Foto: Jule Albert
Jeden Dienstag und Donnerstag wird's laut in der Sporthalle "Saalbau". Rund 15 aktive Fechter von neun bis 19 Jahren füllen die alte Halle mit Leben. Auf die Frage, wie sie zu diesem seltenen Sport gekommen sind, antworten die meisten: "Ich wollte kämpfen wie bei Star Wars oder den drei Musketiere."

Aber ein bisschen anders ist das schon: Nach dem Aufwärmen kommt die von vielen gehasste "Beinarbeit". Doch das Training für die richtigen Beinbewegungen ist sehr
wichtig. "Fechten bedeutet eben auch Disziplin und Durchhaltevermögen", erklärt Monika Kiesel, die - neben Abteilungsleiterin Hiltrud Warmuth - vor allem organisatorische Aufgaben übernimmt. Peter Kolloch, als einziger Fechtmeister in der Abteilung, leitet das Training. Dabei wird er von Jan Rygula und dem 20-jährigen Jonas Martin unterstützt. "Vor allem Peter macht das Training immer sehr lustig und fährt extra von Würzburg zu uns", freut sich die 13-jährige Fechterin Jennifer Hamburg.

Das Training ist vielseitig: Auch Koordinations-, Ausdauer- und Krafttraining gehören dazu. "Ich mag das "freie Fechten im Training. Das ist dann ein bisschen wie im Wettkampf", erzählt Jennifer. Zum Abschluss gibt es noch eine Partie "Ball über die Bank". Dieses selbsterfundene Spiel - eine Mischung aus Volleyball und Tischtennis - hat schon seit Jahren Tradition bei den Fechtern und wird mittlerweile sogar beim Weihnachtsfest gespielt.


Treffen, ohne getroffen zu werden

Doch wie funktioniert eigentlich die Sportart mit den weißen Anzügen? Zwei Fechter stehen auf der 14 Meter langen Fechtbahn. Jeder versucht seinen Gegner mit seiner dünnen Waffe zu treffen, ohne dabei selbst getroffen zu werden. Die Bewegungen sind dabei manchmal so schnell, dass sie mit bloßem Auge nicht verfolgt werden können. Deshalb sind beide Sportler durch ein Kabel mit einem sogenannten Melder verbunden. Trifft ein Fechter seinen Gegner, schließt sich ein elektrischer Stromkreis, und die Lampe des Melders leuchtet auf. Auch wenn die Waffen sich leicht biegen können, sind geprüfte Schutzkleidung aus speziellem Stoff und eine Maske fürs Gesicht Pflicht. "Man hat schon mal blaue Flecken, aber eigentlich tut es nicht weh, getroffen zu werden", bestätigt Jennifer. Wer zuerst fünf Treffer erzielt oder nach Ablauf von drei Minuten mehr Treffer gemacht hat, gewinnt. In Finalkämpfen geht ein Gefecht bis 15 Treffer und kann bis zu neun Minuten dauern. Es gibt drei Waffenarten: Degen, Säbel und Florett. Diese unterscheiden sich in Trefferfläche und Regelwerk.


Wettkämpfe der TSVler

In der Fechtsportabteilung des TSV Bad Kissingen wird hauptsächlich mit dem Florett gefochten. Gerade kommt Jennifer Hamburg von dem alljährlichen Trainingslager in Riedenberg: "Es war wie immer richtig anstrengend, aber wir hatten auch viel Spaß!" Die fleißige Florettfechterin hat schon vier Mal hintereinander den Pokal für die meisten Trainingsstunden im Jahr geholt. Seit Kurzem fährt sie gemeinsam mit Liam Junge, einem weiteren Talent des Vereins, zusätzlich zum Training nach Würzburg. "Ich will einfach mehr erreichen. Ich will besser werden", erklärt die Fechterin.

Diese ambitionierte Einstellung der beiden wurde mit einem Platz in der "Aufbaugruppe des Bayerischen Fechtverbandes belohnt. Die Fechter erfahren hier besondere Förderung durch zusätzliche Trainingserlehrgänge.
Jenny schwärmt für ihren Sport: "Mir gefällt eigentlich alles daran: Es ist schnell und spannend. Und es macht halt nicht jeder." Der einzige Nachteil sind die oft langen Fahrzeiten zu Turnieren. Da kann es schon mal vorkommen, dass man um 5 Uhr aufstehen muss, um rechtzeitig um 9 Uhr in Füssen anzukommen. Das liegt vor allem an den - im Vergleich zu anderen Sportarten- wenigen Vereinen. Die nächsten Vereine sind in Würzburg und Bamberg. Obwohl Fechten eine Einzelsportart ist, sind die Turniere immer eine Gemeinschaftsangelegenheit. "Ich finde es sehr gut, wenn mich jemand während eines schweren Gefechts coacht", sagt die 13-Jährige. Die einzige Schwierigkeit bei Turnieren ist der Toilettengang: "Man muss die ganze Ausrüstung komplett aus und später wieder anziehen. Und dafür hat man manchmal nur ein paar Minuten", erzählt sie lachend.


Die richtige Ausrüstung

"Der Sport ist schon ziemlich teuer." Diesen Satz hört man in der Halle immer wieder von einigen Eltern. Die richtige Schutzkleidung, Waffen und eine extra Fechttasche gehören zur Ausrüstung. Zum Glück muss man das nicht alles von Anfang an kaufen. "Wir haben einen Fundus mit Hosen, Jacken, Masken und Waffen, aus dem man erst mal alles ausleihen darf. Später kann man sich dann alles Stück für Stück selber kaufen", erzählt Monika Kiesel. Doch nicht nur die Ausrüstung, sondern auch das technische Equipment kostet viel Geld: Die Anschaffung eines neuen Melders vor einigen Jahren hat stolze 2000 Euro gekostet. "Eigentlich stehen wir jedes Training vor neuen technischen Herausforderungen", erzählt Kiesel weiter und meint damit kaputte Waffen, gebrochene Kabel oder Melder, die einfach streiken. "Zum Glück haben wir viele Väter, die uns sehr unterstützen", sagt die Trainerin dankbar. Auch die jungen Fechter müssen früh lernen, sich um ihre Ausrüstung zu kümmern. Und somit gehört auch Materialkunde zum Training dazu. "Der Sport hängt einfach an der Technik", findet auch Jonas Martin.


Nachwuchsflaute bundesweit

"Wir freuen uns über jedes neue Mitglied, das wir für das Fechten begeistern können", sagt Kiesel. Seit letztem Jahr gibt es nur eine Handvoll junger Nachwuchsfechter in der Abteilung des TSV. Auch bundesweit erfährt der Deutsche Fechterbund derzeit kaum Zuwachs. Das sieht man auch an der geringen Olympiabeteiligung in Rio mit gerade einmal vier deutschen Fechtern und keiner einzigen Medaille. Erklärungen lassen sich nur vermuten: Es ist eben eine Sportart, die nicht einfach zu Hause, jeder Zeit mit Freunden ausgeübt werden kann. Die Kissinger bemühen sich trotzdem weiter, die Begeisterung für ihren Kampfsport zu verbreiten. "Kein Training ist wie das andere, und ich liebe diese Action, wenn man einen richtig guten Treffer macht!", schwärmt Peter Kolloch über den Sport, den einst Könige und Kaiser betrieben.
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