Bad Kissingen
Jüdische Kulturtage

Einfache und schlichte Musik aus der Synagoge

An Bad Kissingens große jüdische Tradition knüpften der Kasseler Organist Martin Forciniti und der "JuLifa-Chor" aus der Kurstadt unter der Leitung von Burkhard Ascherl in einem Konzert mit synagogaler Chor- und Orgelmusik an. Das Konzert im Rahmen der Jüdischen Kulturtage fand große Beachtung.
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Martin Forciniti und Burkhard Ascherl (vorne von links), Ute Stibor, Brigitte Ascherl und die Mitglieder des JuLifa-Chores gab im Rahmen der Jüdischen Kulturtage in Bad Kissingen ein berührendes Musikerlebnis.
Martin Forciniti und Burkhard Ascherl (vorne von links), Ute Stibor, Brigitte Ascherl und die Mitglieder des JuLifa-Chores gab im Rahmen der Jüdischen Kulturtage in Bad Kissingen ein berührendes Musikerlebnis.
Bis zur NS-Zeit besaß Bad Kissingen eine lebendige jüdische Gemeinde, deren Synagoge zu den größten und schönsten in Bayern zählte. Über 40 Jahre lang wirkte in ihr Ludwig Steinberger, der Vater des Nobelpreisträgers Jack Steinberger, als Kantor. An dem Konzert in der Herz-Jesu-Kirche hätte er mit Sicherheit seine Freude gehabt.

Eine ganz spezielle Musikgattung

Zu Beginn führte
Martin Forcini die zahlreichen Zuhörer in Geschichte und Eigenart der synagogalen Orgelmusik ein. Ihre Geburtsstunde erlebte sie 1810, als im Seesener Jacobstempel die erste Orgel in einer deutschen Synagoge erklang. Dies war einerseits Impuls zur Entwicklung einer eigenständigen jüdischen Orgelmusik, andererseits führte es zu einem regelrechten Orgelstreit innerhalb der jüdischen Gemeinden.
Die Vertreter der Orthodoxie lehnten die synagogale Orgelmusik kategorisch ab, weil sie gegen das Arbeitsverbot am Schabbat und das Musizierverbot in Synagogen verstoße und christliche Gottesdienstformen nachahme. Nach der Zerstörung des Tempels in Jerusalem sollten Musikinstrumente in den Synagogen aus Trauer über den Verlust des zentralen Heiligtums schweigen. Doch trotz des Widerstands der Orthodoxen setzte sich die Orgel vielerorts in den liberalen Gemeinden durch. Komponisten wie Lewandowski, Deutsch und Löw gelang es, jüdische Tradition mit dem Geist der deutschen Romantik und einem mährisch-böhmischen Musikidiom zu kombinieren und so ihre tiefe Verbundenheit mit ihrer Heimat und ihrem Glauben hörbar zum Ausdruck zu bringen. Wie in der Synagogenarchitektur lehnten sie sich oft an die christliche Kultur, speziell an die Musik und Liturgie der evangelischen Kirche an.

Verzicht auf Effekthascherei

Zum Teil ist die jüdische Orgelmusik liturgisch gebunden, zum Teil ist sie frei vom engen Rahmen des Gottesdienstes, immer aber von tiefem Glauben durchdrungen. Eines ihrer wesentlichen Merkmale ist dabei der Verzicht auf reine, effektvolle Virtuosität. Die einfache, schlichte Musik steht ganz im Dienste des Glaubens und besitzt eine tiefe Ausstrahlung, die den Zuhörer meditativ erfasst. Mit der Pogromnacht 1938 wurden die Orgeln in den Synagogen jäh zum Verstummen gebracht. Heute gibt es nur noch wenige jüdische Gemeinden in Europa, die Orgelgottesdienste abhalten.

Vergessenes wieder präsentieren

Martin Forcini, der sich auch wissenschaftlich mit der Musik der Synagoge beschäftigt, und eine ganze Reihe von jüdischen Orgelwerken herausgegeben hat, sieht es als seine Aufgabe an, die vergessenen Kompositionen in seinen Konzerten wieder zum Klingen zu bringen. Dem Wesen jüdischer Orgelmusik entsprechend konnte er sich bei seinem Konzert in der Herz-Jesu-Kirche nicht mit Virtuosität in Szene setzen.
Dafür gelang ihm das ungleich größere Kunststück, die Zuhörer durch sein stark verinnerlichtes Spiel in seinen Bann zu ziehen. Ein Höhepunkt waren dabei sicherlich die sechs Stücke für Orgel von Karel Salomon, die auf traditionellen Melodien basieren und zentrale Stationen der biblischen Heilsgeschichte von der Erschaffung der Welt über die Mosezeit bis hin zum Propheten Amos vergegenwärtigen.

Einfühlsam und stilsicher

Als kongeniale Partner standen ihm dabei Burkhard Ascherl und sein "JuLifa-Chor" zur Seite. In den teils deutsch, teils hebräisch gesungenen Chorstücken, die alle der jüdischen Liturgie entnommen waren, konnte der Chor, einfühlsam begleitet von Ute Stibor am Keyboard, seine Intonisationssicherheit, Textverständlichkeit, Homogenität, Klangschönheit, Stilsicherheit und tiefe Empfindungsfähigkeit authentisch zur Geltung bringen. Äußerst gelungen war auch der für die jüdische Liturgie charakteristische Wechsel von Chor- und Solostellen, die von Brigitte Ascherl überzeugend gestaltet wurden.

Besondere Note durch Sprache

Standen die Chorstücke des ersten Teils ganz im Zeichen der Romantik (bisweilen meinte man Mendelssohn und die Berliner Liedertafel herauszuhören), so kam im zweiten Teil nicht nur durch die Verwendung der hebräischen Sprache, sondern auch durch markante harmonische Wendungen eine spezifisch jüdisch-orientalische Note hinzu. Burkhard Ascherl, der seit den ersten Jüdischen Kulturtagen mit großem Engagement und Einfühlungsvermögen immer wieder neue, interessante Programme erarbeitet, und Martin Forciniti gelang es zusammen mit dem Chor, die Grenzen eines normalen Konzertes zu sprengen und die Zuhörer zu meditativer Andacht zu führen.
Am Ende hielt es das begeisterte Publikum nicht mehr auf den Bänken. Stehend spendete es den Künstlern lang anhaltenden Applaus für ein berührendes Musikerlebnis. Eine Zugabe musste sein.


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