Bad Kissingen
Kissinger Sommer

Eine Pauke kann mehr als Krach machen

In der Konzertmuschel im Kurgarten konnten sich die Berliner Schlag- zeuger austoben.
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Sie hauten nicht nur auf die Pauke (von links): Jan Schlichte, Franz Schindlbeck, Li Biao, Rainer Seegers und Daniel Eichholz in der Konzertmuschel. Foto: Ahnert
Sie hauten nicht nur auf die Pauke (von links): Jan Schlichte, Franz Schindlbeck, Li Biao, Rainer Seegers und Daniel Eichholz in der Konzertmuschel. Foto: Ahnert
Bad Kissingen — Natürlich freut sich jeder in der Stadt - außer den vielleicht anwesenden Gästen aus Portugal, dass die "Jogi-Buben" Ronaldo & Co im fernen Brasilien mit 4:0 unerwartet deutlich versenkt haben. Aber es gab - entgegen allen tapferen Beteuerungen von Veranstalter- und Politikseite - einen weiteren Verlierer: den Kissinger Sommer. Oder konkret: das Perkussionskonzert mit Li Biao und den Perkussionisten der Berliner Philharmoniker im Kurgarten.
Vor allem das junge Publikum fehlte dieses Mal, das bei der Premiere im vergangenen Jahr noch großes Interesse gezeigt hatte und jetzt offenbar den Fußball vorgezogen hatte. Natürlich konnte vor einem Jahr niemand wissen dass ausgerechnet am Montagabend das Spiel der deutschen Mannschaft stattfinden würde. Aber wenn man sich bei der Anfangszeit ein bisschen flexibel verhalten hätte - um 19.45 Uhr war ja schon Abpfiff, dann wäre der eine oder andere sicher noch gerne gekommen.
Gelohnt hätte es sich allemal, weil wieder Perkussion in allen ihren Spielarten geboten wurden, weil auf spannende Weise mal wieder deutlich wurde, dass Schlag-"Zeug" nicht nur Rhythmen absondern kann, sondern auch Melodien, dass den Perkussionisten ein enormes Spektrum an Klangfarben zur Verfügung steht, das sich durch den Anschlag auch verändern lässt. Melodie geht heute über das Marimbaphon und seine Kollegen weit hinaus.
Zu der strukturierten Musik von Johann Sebastian Bach haben die Perkussionisten ein besonderes Verhältnis, etwa zu seinem Italienischen Konzert BWV, bei dem Li Biao am Marimbaphon die verzierte Melodielinie spielte und seine vier Kollegen die Funktion des Continuos übernahmen, mit hochinteressanten Klang- und Struk tur effekten. Oder der Schwede Tobias Broström, der in "Bridging the World" Bachs d-moll-Chaconne mit Vibraphon und Marimbas in einer faszinierenden Verdichtung in die musikalische Gegenwart geholt hat. Natürlich durfte Steve Reichs minimalistisches "Drumming Part 1" nicht fehlen, dessen Faszinosum darin besteht, dass vier Trommler in einer enormen Konzentrationsleistung etwa zehn Minuten jeder ein anderes rhythmisches Motiv spielt und durch kleine Veränderungen zu gravierenden Veränderungen im Ganzen beiträgt.
Ein großer Spaß war bei allem Ernst Miki Minorus "Marimba Spiritual" für Marimba und japanische Trommeln, in dem sich Fernöstliches und Westliches mischt, in dem sich so etwas wie eine Aggressionskurve bildet, die sich in archaischen Kampfrufen der Musiker entlädt. Li Biao steuerte ein Solo bei, das er unter dem Einfluss der Peking-oper für verschieden große beckenartige Metallscheiben geschrieben hat. Erstaunlich, wie stark sich dabei die Tonhöhen und Dämpfungsgrade verändern ließen.
George Hamilton Greens "Ragtime Suite" war wieder etwas für überbordende Spiellaune. Und ein hinreißender Abschluss war ein Arrangement von Gershwins "Rhapsody in Blue", dass das Ensemble selbst erarbeitet hat. Die Rolle der lachenden Klarinette zu Beginn übernahm das Marimbaphon genauso originell. Und es war hinreißend, welche Lösungen die Musiker für die Stimmen vor allem im mittleren Bereich gefunden hatte. "Sweet Georgia Brown" gab's als Zugabe.
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