Bad Kissingen
Konzert

Ein ganz besonderes Konzerterlebnis mit Klarinettist Giora Feidmann

Die Konzerte mit Giora Feidmann gehören inzwischen eine Institution im Kulturkalender Bad Kissingens. Auch heuer begeisterte der Klarinettist mit seinem Programm "Very Klezmer" sein Publikum in der Erlöserkirche.
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Giora Feidmann spricht über seine Klarinette. Foto: Klaus Werner
Giora Feidmann spricht über seine Klarinette. Foto: Klaus Werner
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Auf neudeutsch würde man sagen: "Giora Feidmann und Gitanes Blondes rockten die Erlöserkirche!" - oder anders ausgedrückt: Für die 400 Gäste war das Konzert "Very Klezmer" ein Erlebnis mit wenig Worten und voller musikalischer Farbigkeit, das noch lange nachhallte.

Feidmanns Konzerte beginnen eigentlich schon vor dem ersten Ton. Der kleine Mann mit dem markanten Kopf und dem grauen Schnurrbart steht im Eingangsbereich, lässig an eine Säule gelehnt und beobachtet mit wachen Augen seine Gäste. Schwarze Hose, schwarzes Hemd, ein sichtbarer, goldfarbener Anhänger, darüber eine überlange, bronzefarbene Jacke, und das Gesicht umspielt ein gutmütiges, ein väterliches Lächeln. 77 Jahre Lebenserfahrung spiegeln sich darin wider, davon über 60 Jahre als musikalische Symbiose mit Klarinette und Klezmer, dieser jüdisch geprägten, einzigartigen Musik.

Konzertbeginn ist der Applaus für die vier Musiker von "Gitanes Blondes", die im Altarraum Platz nehmen - und in diesen Applaus hinein erklingen die ersten Töne einer Klarinette. Schlagartig wird es still, und man lauscht den Tönen, die intensiver werden, aber gleichzeitig so klingen, als kämen sie von weit her. Während Feidmann durch den Mittelgang kommt, nehmen Mario Korunic (Violine), Simon Ackermann (Kontrabass), Christoph Peters (Gitarre) und Konstantin Ischenko (Akkordeon) ihre Plätze ein und - als Feidmann den Alterbereich betritt - beginnt die erste Hälfte mit "Musik am Stück".


Voll explosiver Spannung

Dreizehn Stücke stehen auf dem Programm, und bis zum achten Stück erkennt man die Übergänge nur an neuen Melodien und Rhythmen. Im Mittelpunkt steht Giora Feidmann mit seinem exquisitem Können auf Klarinette und Bassklarinette: mal klagend und mitfühlend, dann wieder jubilierend und jauchzend, mal eingebunden in die Melodien, die Gitanes Blondes vorgeben, dann wieder improvisierend und voller Spielfreude, einhergehend mit explosiver Körperspannung.

Mit dem neunten Stück überlässt der Meister die Bühne dem Ensemble, das unter der Führung von Violine und Akkordeon ein großartiges Instrumentalwerk mit einer Mischung aus Jazz, Klezmer und Balkan-Folk hervorzaubert - nach zehn Minuten erfüllt zum ersten Mal donnernder Applaus die Erlöserkirche.

Auch das ist eine Kunst des Giora Feidmann: die Bühne wie selbstverständlich seinen Mitspielern überlassen, sich ihrem Musikstilen anzupassen, sie in seine Klezmer-Lebensgeschichte zu integrieren. Und ein Weiteres gehört zu Feidmanns Konzerten: seine Gäste integriert er als "Chorgemeinschaft" in den Ablauf ein, zum ersten Mal mit einem gefühlvollen "Donna, Donna", das vom Meister selbst angestimmt, mit einem "Und noch einmal" dirigiert wird.

Absolut authentisch

Zur Pause kommt dann die Begrüßung mit einem leisen "Guten Abend - it is so beautiful to be here" - und dann leitet Feidmann über in seine sanft gesprochenen Botschaften, die unter anderem "Juden und Deutsche in einer evangelischen Kirche in Deutschland - it´s a family" oder "Löst man Probleme dadurch, dass man sich gegenseitig tötet?" lauten. Dabei wirkt sein deutsch-amerikanisches Kauderwelsch nicht lustig, sondern eindringlich und authentisch. Und um seine Aussagen zu untermauern, präsentieren die fünf Vollblutmusiker ein Medley aus der deutschen, der jüdischen und der palästinesischen Nationalhymne. Mit einem "Schalom Chaverim" geht es dann in die Pause - für Giora Feidmann, aber an den Tisch mit den CDs, wo er für Autogramme zur Verfügung steht.

In der gleichen Lockerheit geht es dann weiter. Feidmann und die vier Musiker pflegen den umgänglichen, den gleichberechtigten Ton auf der Bühne - und auch in den Stücken, die mal nach dem fernen Indien oder dem nahen Osten oder dem Schtetl in Osteuropa klingen, die mal bekannte Melodien, irische Rhythmen oder den Tango Argentino des Astor Piazzolla integrieren. Auch in der zweiten Hälfte bleibt den einzelnen Musikern genügend Raum, um ihre Spielfreude und Virtuosität zu beweisen: Die Arie des Figaro auf dem Akkordeon ist ebenso ein Beleg dafür wie drei Mann an einem Kontrabass.

Stehende Ovationen waren der verdiente Lohn für ein außergewöhnliches Konzert - und der Dank hierfür waren die Zugaben und eine Langzeitwirkung, die einerseits mit dem außergewöhnlichen Musikerlebnis, anderseits aber auch mit dem Menschen Giora Feidmann zu tun hat.

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