Bad Kissingen

Ein Tag wichtiger Stationen der Geschichte

Der 9. November - ein Schicksalstag der Deutschen? Diese Frage beantwortete Kulturreferent Peter Weidisch zum Abschluss der Jüdischen Kulturtage in seinem Vortrag über das "zentrale Ereignisdatum der deutschen Geschichte".
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Peter Weidisch
Peter Weidisch
Anhand von Bildmaterial und Zitaten aus zeitgeschichtlichen Dokumenten zeigte er die Entwicklung Deutschlands vom absolutistischen Reich über zwei Diktaturen zum demokratischen Nationalstaat auf.

Der 9. November habe sich als "historischer Kulminationspunkt deutscher Täter- und Freiheitsgeschichte" erwiesen. Frühe Träume von Einheit und Demokratie in einem geeinten Deutschland zerplatzten endgültig mit der öffentlichen Hinrichtung von Robert Blum, dem
liberalen Abgeordneten der Frankfurter Nationalversammlung, am 9. November 1848 in Wien. Damit habe man zeigen wollen, so folgerte Weidisch, "wer in Deutschland die Macht hat".

Die ersten Schritte zur Einführung einer parlamentarischen Demokratie markierte 70 Jahre später der 9. November 1918. Nach Ende des Ersten Weltkrieges hatten Philipp Scheidemann um 14 Uhr die "Deutsche Republik" und Karl Liebknecht um 16 Uhr die "Freie sozialistische Republik Deutschland" ausgerufen.
Einen Angriff auf die sich daraus entwickelnde junge Demokratie konnte die bayerische Landespolizei am 9. November 1923 durch Niederschlagung des Hitler-Ludendorff-Putsches vor der Münchner Feldherrnhalle zwar noch abwehren. Doch spiegelte sich die politische Tendenz sogar schon in der Justiz wider. Weidisch: "Todesstrafe für die Linken, Milde für die Rechten."

Der weitere Niedergang der Demokratie, die drohende NS-Diktatur und der wachsende Antisemitismus seien deshalb nicht aufzuhalten gewesen und gipfelten in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 im Pogrom gegen die Juden. Den 9. November 1938 nannte Weidisch deshalb den "Vorabend zur Endlösung". Er habe einen "ersten Einblick in die Niederungen der menschlichen Existenz" geliefert.
Die zweite Diktatur in Deutschland, das kommunistische System der DDR, brach 50 Jahre später mit dem "Fall der Mauer" am 9. November 1989 endgültig zusammen. Vorausgegangen waren die Montagsdemonstrationen vieler DDR-Bürger, aber ausgelöst wurde der Mauerfall durch den historischen "Versprecher" von Günter Schabowski. Das Motto "Wir sind das Volk" änderte sich bald in "Wir sind ein Volk". Am Ende stand die deutsche Einheit in Demokratie.

Rückblickend auf diese politischen Ereignisse und gesellschaftlichen Umwälzungen innerhalb von 150 Jahren in Deutschland, mit Einblendungen vergleichbarer Geschehnisse in Bad Kissingen, lehnte Weidisch den Begriff "Schicksalstag" für das Datum des 9. November ab. Schicksal bedeute, von außen fremd gesteuert zu sein. Die Ereignisse der verschiedenen 9. November hätten aber selbstbestimmtes Handeln Einzelner oder bestimmter Gruppen aufgezeigt - "mit klarer Konsequenz und im Bewusstsein der Folgen", die diese zu tragen bereit gewesen seien.

Der 9. November sei also kein Schicksalstag der Deutschen, schloss Weidisch seinen Vortrag, aber ein Datum für "bedeutende Stationen in der Entwicklung unserer Demokratie und des deutschen Nationalstaates."


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