Mal eben was in der Brust- oder Jackentasche verschwinden lassen: eine Schnapsflasche, einen Energiedrink, eine CD, ein Parfüm: Geklaut wird alles, was klein und teuer ist, auch Rasierklingen und Kosmetik, im Elektronikhandel Speicherkarten, Konsolenspiele, DVDs und Smartphones. Das bestätigt der stellvertretende Leiter der Polizeiinspektion Bad Kissingen, Alfons Hausmann. "Einmal täglich rücken unsere Kollegen sicher aus", sagt er auf die Frage, wie oft die Polizei in der Kurstadt zu Ladendiebstählen gerufen wird.

In den Geschäften in Unterfranken und auch im Landkreis Bad Kissingen wird zwar immer weniger gestohlen, sagt der Geschäftsführer des Einzelhandelsverbands Unterfranken, Volker Wedde. Aber die Methoden würden immer raffinierter. So sind im Landkreis binnen Jahresfrist laut Wedde Waren im Wert von 1,9 Millionen Euro gestohlen worden.

Zu den vom Handelsverband beschriebenen Methoden gehört auch das "trojanisches Pferd", ebenso einfach wie effektiv: Ein Täter stellt eine präparierte Einkaufstasche auf einen Stapel mit Waren und tut so, als suchte er darin etwas. Tatsächlich aber greift er durch eine Öffnung im Boden der Tasche und packt das Diebesgut unbemerkt ein. "Auch in Unterfranken werden Diebe dreister und entwickeln immer raffiniertere Methoden", weiß Wedde. Der Handelsverband spricht - statistisch - von Waren für 55 Euro jährlich, die jeder bayerische Haushalt klaut. Diebstahl sei ein gesamtgesellschaftliches Phänomen.

Viele Diebe sind polizeibekannt

Das bestätigt auch Polizeiinspektions-Vize Alfons Hausmann: "Ganz normale Leute klauen, jedoch auch Kinder und Jugendliche, die Mutproben absolvieren, indem sie stehlen." Aber: "Vieles, schätzungsweise ein Drittel der gemeldeten Diebstähle, geht aufs Konto unserer Stammkunden." Das seien etwa polizeibekannte Drogenkonsumenten, seltener Fälle wie der einer notorischen Kleptomanin: "Die hat so viel geklaut und nichts gebraucht", erinnert er sich und auch, dass sie in stationäre Betreuung musste.

Selbst in videoüberwachten Lebensmittelgeschäften wird geklaut, bestätigt beispielsweise Alexander Metz, der stellvertretende Marktleiter im Edeka an der Spitzwiese. Werden Ladendetektive eingesetzt, gebe es immer Treffer, aber auch sonst "zwei bis fünf Mal monatlich durch aufmerksames Personal". Die "Fangprämie", die der Dieb bezahlen muss, dürfe derjenige behalten, der ihn gestellt hat.

Auch Ralf Ludewig vom gleichnamigen Modehaus in Bad Kissingen und Kreisvorsitzender des Einzelhandelsverbands, setzt auf aufmerksamen Kundenkontakt: "Wir hatten einen offenkundigen Diebstahl in den letzten fünf Jahren." Zum Verhindern von Diebstählen sagt er: "Bei uns reichen die Augen."

Nur jeder Zehnte wird erwischt

Heiko Grom, ebenfalls Inhaber eines Modehauses und Vorsitzender von ProBadKissingen, weiß: "Diebstahl ist immer ein Thema." Er setzt auf Video-überwachung und holt immer die Polizei dazu, wenn jemand beim Klauen ertappt wird. Trotzdem glaubt er: "Nur jeder Zehnte wird erwischt."

In Bekleidungsgeschäften ist laut Handelsverband der "Zwiebeltrick" beliebt. Der Dieb oder die Diebin zieht in der Kabine mehrere Kleidungsstücke übereinander an, ganz oben ein eigenes. In Schuhgeschäften wird gern "alt gegen neu" getauscht, indem abgetragene Schuhe in den Karton wandern und der Dieb in den neuen Tretern nach Hause geht. Die Liste ließe sich fortführen, "doch Ladenbesitzer lesen die Tricks ungern in der Zeitung", so Volker Wedde.

Diebe bleiben einer der größten Kostenfaktoren für Einzelhändler. Denn nicht nur gestohlene Ware kostet Geld. Der bayerische Einzelhandel investiere jährlich 160 Millionen Euro in Sicherheitstechnik und Mitarbeiterschulungen: "Wir bieten das gemeinsam mit der Polizei an", so der Verbandsleiter.
Den Rückgang der Diebstahlzahlen seit neun Jahren führt seine Institution auf die hohen Investitionen und die Schulungen zurück. Allerdings mit Einschränkungen. Viele Händler seien anzeigemüde, weshalb die Dunkelziffer hoch sei. Manche glaubten, dass Anzeigen nichts bringen. Dabei werden Diebe schon nach dem zweiten Mal härter bestraft, weil sie dann als Wiederholungstäter gelten.

Diebstähle in der Statistik:

Bayern: Im Freistaat kamen laut Volker Wedde, Geschäftsführer des Einzelhandelsverbandes Unterfranken, durch Diebstahl Waren im Wert von 336 Millionen Euro abhanden. 38 654 Ladendiebstähle sind polizeilich erfasst worden, was einen Rückgang von 7,8 Prozent gegenüber 2010 bedeutet.

Unterfranken: Statistisch rechne man, dass auf Unterfranken davon 9,8 Prozent entfallen, was 32 Millionen Euro Diebstahlschaden entspäche. Die Zahl der polizeilich registrierten Fälle lag bei 3474, was einem Rückgang um sechs Prozent entspricht.

Landkreis: Von 32 Millionen Euro Dienstahlsschaden in Unterfranken entfallen laut Wedde statistisch 0,58 Prozent auf den Landkreis Bad Kissingen. Das heißt: In der Region sind binnen Jahresfrist Waren im Wert von 1,9 Millionen Euro gestohlen worden