Albertshausen bei Bad Kissingen
Gastronomie

Die Welt hat sich gewandelt

Gastwirt Bernd Vogler liebt seinen Beruf. Ob sein Gasthaus in Albertshausen eine Zukunft hat, ist jedoch nicht sicher. Auch weil das Geld für notwendige Investitionen fehlt.
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Gastwirt Bernd Vogler in seinem Gasthaus in Albertshausen  Foto: Sigismund von Dobschütz
Gastwirt Bernd Vogler in seinem Gasthaus in Albertshausen Foto: Sigismund von Dobschütz
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Mit Leib und Seele ist Bernd Vogler (47) Gastronom in Albertshausen. Er kann auf eine bald 165-jährige Familientradition als Gastwirt zurückblicken: Schon seit 1851 hatte man in seinem Haus an der Dorfstraße das Schankrecht.
Über viele Generationen war das Gasthaus das Kommunikationszentrum des Dorfes. "Man brauchte nur die Tür aufzuschließen und die Einwohner strömten", weiß Vogler aus Erzählungen seiner Oma Rosa.
Sie hatte nach dem Krieg den Betrieb ihres Bruders übernehmen müssen. Die hauseigene Metzgerei wurde bald geschlossen, dafür 1969 ein 280 Quadratmeter großer Tanz- und Versammlungssaal angebaut, darüber fünf Gästezimmer. 1974 gab seine Oma den Betrieb an Vater Horst weiter, der fortan mit der Mutter das Gasthaus Vogler führte. Der Vater erkrankte, Sohn Bernd musste den Betrieb 1993 übernehmen.
Hatte er als einziger männlicher Erbe damals eine Wahl? Diese Frage stellte sich dem gelernten Koch und Küchenmeister nicht. Er liebte seinen Beruf und den Umgang mit seinen Gästen. Beides gilt auch heute noch. "Sonst würde mir etwas fehlen." Heute ist ihm klar, er hätte schon bei Übernahme einiges ändern müssen. "Vor 20 Jahren bekam man noch einen Kredit", sagt Vogler.
Aber die Welt schien damals in Ordnung. Seit 100 Jahren bezog man das Bier von derselben Brauerei. Seit 100 Jahren kam der Frankenwein vom selben Winzer. Am Anfang hätten sie es nicht gleich gemerkt, aber die Welt war eine andere geworden. Hatte der Fernseher zur Fußball-WM 1974 noch Menschenmassen in die dörfliche Gaststube gelockt, schauen heute die Fußball-Fans eher zuhause oder man muss ein inszeniertes Gemeinschafts-Schauen anbieten.

Skandinavier und Kurgäste fehlen

Waren die Gästezimmer früher mit durchreisenden Skandinaviern ausgebucht, nehmen die Schweden und Finnen seit 1989 einen anderen Weg.
Die Kurgäste aus Bad Kissingen, die hin und wieder zum Essen kamen, blieben nach der Gesundheitsstrukturreform von 1996 weg. Die Jugend wandert in die Großstadt ab, die Alten sterben aus. Es fehlt der Gästenachwuchs auf dem Land. Da kann es schon mal sein, dass an einem Abend niemand in den Gasthof kommt, obwohl er der einzige im Dorf ist.
Jeder Tag kostet Geld, ob ein Gast kommt oder nicht. "Die Kosten steigen und der Umsatz geht zurück." Früher habe er 300 Hektoliter Bier im Jahr ausgeschenkt, heute nicht einmal 100. Es kommen weniger Gäste. Und die, die noch kommen, trinken weniger Alkohol. Und dann das Rauchverbot. Nicht dass deshalb Gäste wegbleiben, "aber sie bleiben nicht mehr so lang".

Ausweg Events und Partyservice

Vogler arbeitet allein, gelegentlich unterstützt von der Schwester. Seinen letzten Urlaub hat er 1998 gemacht. Gern würde er die Gastwirtschaft mit ihren 70 Plätzen schließen und sich ganz auf Partyservice, die Veranstaltung von Koch-Events, Familienfeiern oder Versammlungen konzentrieren. "Damit bin ich übers Jahr gut gebucht."
Vorher müsste er den 40 Jahre alten Saal renovieren. Aber welche Bank gibt Dorfgastwirten noch einen Kredit? "Wir brauchen deshalb die Mehrwertsteuersenkung auf sieben Prozent", fordert der Gastronom. Das Gesparte könne er endlich investieren, "um überleben zu können".
Viele seiner Kollegen auf dem Land haben längst aufgegeben. Verheiratet ist Vogler nicht, Nachkommen hat er keine. Seine beiden Neffen haben andere Berufe. Der Gastwirt hat noch 20 Jahre bis zur Rente. Wird es das Gasthaus Vogler dann noch geben? "Ich weiß es nicht", sagt er und zapft frisches Bier für einen Gast.

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