Es wird eine Umstellung werden für Eva Matthies, die Frau, der Bad Kissingen s Streetwork ihre Existenz verdankt. Und sie weiß jetzt schon: "Meine tägliche Arbeit wird mir fehlen." Ihr ehrenamtliches soziales Engagement, genauer gesagt. Es hat vielen jungen, aber auch älteren Menschen mit einem Sack voller Probleme neue Perspektiven gegeben.
Ehrenamtliches Engagement war ihr offenbar in die Wiege gelegt: "Ich habe, seit ich 14 oder 15 bin, immer sowas gemacht." Ist Eva Matthies ohne Kidro denkbar? Oder Kidro ohne sie? "Es ist eine gute Zeit, jetzt abzutreten", sagt die 63-Jährige mit Blick zu Kidro-Kassier Thomas Heinrich. Sie sähe ihn gern als Nachfolger. "Entscheiden aber muss die Versammlung", sagt sie. Und die tagt heute Abend.
Angefangen hatte alles in den 90er Jahren, als es am Berliner Platz und wegen heile Welt in der Kurstadt. Die Notwendigkeit, etwas zu tun, war nicht zu übersehen. Matthies, damals noch Kunsterzieherin an der Hauptschule Münnerstadt, war als Drogenkontaktlehrerin auch im Arbeitskreises Prävention in Bad Kissingen. Und erkannte: Dieser Kreis kann nichts bewegen. Es brauchte es einen Ansprechpartner, vielleicht einen Verein. Der könnte Fördergelder generieren und etwas zu Wege bringen, was Drogenabhängigen oder Gefährdeten hilft. Die Idee für Kidro war geboren. Unversehens hieß dessen Vorsitzende Matthies. "Dass ich dieses Amt 18 Jahre haben würde, hätte ich nie gedacht", gesteht sie.
Mit Verbissenheit hatte sie sich damals schnell in den deutschen Fördergeld-Dschungel eingearbeitet. Das Streetwork-Projekt in der Stadt kam ans Laufen. Förderbedarf gab es aber auch bei der Wärmestube, damals im trostlosen Nürnberger Haus untergebracht. Zusammen mit den Wohlfahrtsverbänden erreichte sie den Umzug ins benachbarte Streithaus, und auch Streetworker Christian Fenn bezog dort bald sein Büro.
Was in der Rückschau selbstverständlich klingt - dass Streetwork nicht mehr wegzudenken ist aus der sozialen Arbeit und dass Stadt und Landkreis sich, wie Matthies sagt, "fast schon selbstverständlich" mitfinanzieren - ist ihr Verdienst. Sie war es, die stets neue Möglichkeiten auftat, wie Projekte gefördert werden können. "Die Arbeit von Kidro hat sich immer am Bedarf orientiert", erinnert sich die Noch-Vorsitzende. Ihr Haupt-Arbeitsfeld: Ämter und Politiker zu überzeugen. "Das ging nur mit positiver Penetranz", sagt sie. Die legt an den Tag, wer sich weit über 100 Prozent einsetzt. Nach der Jahrtausendwende aus Kidro heraus entstanden weitere Projekte, so auch Kwadro (Kissinger Weg aus Drogen), mitfinanziert vom Amt für Migration, nach "zähen Verhandlungen." Matthies ließ sich nicht kleinkriegen.
In jenen Jahren aber blieb ein Problem präsent: die nicht wirklich gelingen wollende Integration von Aussiedlern. Und so wurde Drogenarbeit aus der Notwendigkeit heraus mit der Integration verknüpft. Denn gerade junge Aussiedler flüchteten mit Suchtmitteln in ihre eigenen Wirklichkeiten. Bis Albert Köpplin Streetworker für diese Klientel wurde. "Er war ein echter Glücksfall für den Verein", sagt Matthies. Der Streetworker, der mit seiner Familie aus Kasachstan gekommen war, spricht nicht nur die Sprache seiner "Kunden", konnte ihnen bei Behördengängen und vielem anderen helfen. Er hat ein Händchen für die jungen Aussiedler, begeisterte viele für Sport. Er leierte in einer Halle auf dem ehemaligen Kasernengelände einen Sporttreff an, gründete eine Sambo-Gruppe und hat mit ihr immer wieder Erfolge, auch bei Wettbewerben (siehe Seite 20).
Die Schlagzeilen über straffällige Aussiedler jedenfalls sind praktisch Geschichte, die Stadt hat jetzt fast 20 Prozent Aussiedler, die meisten mittlerweile integriert. Das KIP-Projekt (Kissingen Integrationsprojekt) von Kidro hat hohen Anteil daran.
Kein Wunder, wenn Oberbügrermeister Kay Blankenburg über die warmherzige, durchsetzungsfähige Eva Matthies sagt: "Sie ist ein Urgestein der sozialen Arbeit in Bad Kissingen, Wärmestube, Kidro, KiP - das alles gab es vorher nicht. Ihre Arbeit - ein echtes Ehrenamt, das sie wie ein Hauptamt geführt hat." Dennoch sei allen zu wenig bewusst, wie viel Geld Kommune und Gesellschaft dadurch sparen (vor allem in der Kriminalitätsprophylaxe).
Landrat Thomas Bold dankt ihr so: "Sie leistete besonders in der Niederschwelligen Drogenarbeit und Integration außergewöhnliche, engagierte ehrenamtliche Arbeit. Gerade das herausragende KIP-Projekt verdient höchste Anerkennung. Herauszuheben ist auch die sehr gute Zusammenarbeit mit der Arbeitsverwaltung." Dass Kidro inzwischen wie ein Unternehmen geführt wird, Arbeitsplätze geschaffen hat, hat damit zu tun. "Wir legen über alles Rechenschaft ab, kämpfen mit der Bürokratie und haben auch künftig viele Ideen" , sagt Matthies.