Bad Kissingen
Waffenkauf

Die Bürger rüsten auf

Die Dämmerung und die immer weiter steigende Zahl von Einbrüchen machen Menschen Angst. Immer mehr legen sich gefährliche CS-Sprays zur Selbstverteidigung zu oder beantragen sogar den Kleinen Waffenschein.
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Verkaufsschlager Pfefferspray: Bis zu 600 Prozent mehr wird derzeit nachgefragt. Foto: Archiv
Verkaufsschlager Pfefferspray: Bis zu 600 Prozent mehr wird derzeit nachgefragt. Foto: Archiv
Die Franken verspüren ein gesteigertes Bedürfnis nach Sicherheit. Immer mehr holen sich Pfeffersprays und Schreckschusspistolen ins Haus. Das wird auch gegenüber unserer Zeitung bestätigt. "Die Menschheit hat Angst", erklärt ein Mann, der anonym bleiben möchte. Waffenhändler aus der Region gehen Gesprächen derzeit aus dem Weg, geben keine Auskunft. Aber Fakt ist, dass Privatkunden vermehrt kaufen, was an frei verkäuflichen Waffen und Verteidigungsmitteln angeboten wird: Pfefferspray, CS-Gas, Schreckschusspistolen.
Kein Blatt vor dem Mund nimmt der Verband deutscher Büchsenmacher und Waffenhändler (VDB). "Das persönliche Sicherheitsbedürfnis in der Bevölkerung ist enorm gestiegen", sagt Ingo Meinhard vom VDB.


Verkaufszahlen verdoppelt

Das unterstreichen auch Ergebnisse einer Telefonumfrage unter den VDB-Mitgliedern. Der Absatz an frei verkäuflichen Verteidigungsmitteln habe sich heuer im Schnitt verdoppelt, einige Geschäftsleute verkauften gar die vierfache Menge. Vor allem nach den Terroranschlägen von Paris gebe es mehr Menschen, die Waffengeschäfte aufsuchen. "Die Leute erklären, sie würden sich unsicher fühlen", so Meinhard.
Diese Entwicklung untermauern offizielle Zahlen. Das bayerische Innenministerium bestätigt einen Zuwachs bei der Erteilung der so genannten Kleinen Waffenscheine, die dazu berechtigen, dass man Schreckschusswaffen mit sich führen darf. Ende Oktober 2015 gab es laut Statistik 46 690 solcher Berechtigungen - 3161 mehr als noch ein Jahr zuvor. Über die Gründe, die zu dieser Zunahme führten, schweigt das Ministerium: "Hierzu liegen uns keine Erkenntnisse vor", heißt es dazu lediglich auf eine Anfrage der Redaktion.


Anstieg auch im Landkreis

Ein Anstieg ist auch im Landkreis Bad Kissingen zu verzeichnen. Wie das Landratsamt auf Anfrage mitteilte, gibt es derzeit im Landkreis insgesamt 337 Eigentümer Kleiner Waffenscheine. Im Jahr 2013 wurden im Landkreis 16 Kleine Waffenscheine ausgegeben, im Jahr 2014 waren es 15. Im Jahr 2015 wurden dagegen bis Anfang Dezember bereits 36 Kleine Waffenscheine ausgegeben, ein Anstieg um mehr als das Doppelte.
Die Zahlen relativieren sich allerdings, wenn man sie ins Verhältnis zur Zahl der Einwohner im Landkreis setzt. Bei rund 100 000 Einwohnern liegt die Zahl der Besitzer Kleiner Waffenscheine im Kreis Bad Kissingen bei unter einem Prozent.
In Nürnberg hat sich die Zahl der neu ausgegebenen kleinen Waffenscheine in diesem Jahr im Vergleich zu 2014 ebenfalls fast verdoppelt.
Peter Schall ist bayerischer Landesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei, er meint zu dieser Aufrüstung privater Haushalte: "Hier kann es durchaus sein, dass die Bürger glauben, sich gerade nachts mal wehren zu müssen. Es ist ja nun selbst auf dem Land so, dass Fremde ins Blickfeld rücken, da die Flüchtlinge flächenmäßig verteilt werden müssen."


Diffuse Ängste verunsichern

Auch wenn die polizeilichen Statistiken nichts dafür hergeben, scheint das Sicherheitsgefühl bei dem einen oder anderen doch beeinträchtigt. Ursache dafür sind nach Meinung von Peter Schall die vielen bösartigen Mails und Einträge in sozialen Netzwerken, mit denen ganz massiv Stimmung gegen die Flüchtlinge gemacht und Kriminalität herbeigeschrieben werde. "Genau diese Gerüchte führen aber dazu, dass der Bürger glaubt, sich bewaffnen zu müssen", so Schall. Es geht also um Angst.
Der stellvertretende Chef der Gewerkschaft der Polizei, Jörg Radek, bestätigt die Meinung von Peter Schall: "Offenbar gibt es in der Bevölkerung ein gesunkenes Sicherheitsgefühl und den Eindruck, man müsse seinen Schutz selbst in die Hand nehmen. Das kann schnell Züge von Selbstjustiz annehmen. Ich halte das für gefährlich."


CS-Sprays als Verkaufsrenner

Zu den meistverkauften Artikeln zählt übrigens ein CS-Gas-Spray. 40 Milliliter gibt es für zehn Euro. 90 Prozent der Kunden sind Frauen, eine schreibt sogar auf Amazon: "Habe dieses Spray gleich für die ganze Nachbarschaft bestellt, da es eine gute Bewertung hat." Zudem heißt es auch: "Ich schlafe einfach besser, wenn ich ein Abwehrspray neben dem Bett habe." Reizgas auf dem Nachttischschränkchen? Ein ziemlich gefährliches Stück Sicherheit. Schließlich handelt es sich auch bei den legalen Abwehrsprays um Distanzwaffen.
Das schnell wirkende Pfefferspray ist in Deutschland ausschließlich zur Tierabwehr zugelassen. Nur dann sind der Besitz und das Mitnehmen in der Öffentlichkeit erlaubt. Das gilt auch für Varianten wie Pfeffergel und Pfefferschaum. Gegen Menschen darf es nur in einer Notwehrsituation eingesetzt werden, wenn kein anderes Mittel zur Verfügung steht.
Ein Hersteller verzeichnete in diesem Herbst einen um 600 Prozent gestiegenen Absatz von Pfefferspray. Besonders die handlichen Modelle würden in großen Mengen nachgeordert. Für den Kauf, den Besitz und das Mitführen von Pfefferspray gilt in Deutschland ein Mindestalter von 14 Jahren.
Laut Bundesverwaltungsamt sind aktuell 5,79 Millionen legale Waffen im Besitz von Privatpersonen und Vereinen - 290 000 mehr in nicht einmal drei Jahren. Auch die Zahl der Waffenbesitzer nahm zu, liegt bei 1,54 Millionen.
Auf Facebook finden sich auch immer mehr Seiten von sogenannten Bürgerwehren und ein AfD-Politiker aus Süddeutschland wirbt auf seinem Profil sogar mit dem Slogan "Freie Waffen für freie Bürger". Ein Irrweg, vor dem nicht nur Politiker eindringlich warnen.
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