Bad Kissingen

Der andere Weihnachtsmann

Der Bad Kissinger Kaplan Paul Reder hat während der Feiertage ein straffes Programm. Nach dem Weggang von Pfarrer Thomas Keßler ist manchmal Not am Mann, zwei Christmetten mussten gestrichen werden. Ein Besuch im Pfarramt.
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Kaplan Paul Reder feiert heuer in Bad Kissingen zum zweiten Mal Weihnachten: Was zwei Tage vor Heiligabend noch fehlte war die Predigt.
Kaplan Paul Reder feiert heuer in Bad Kissingen zum zweiten Mal Weihnachten: Was zwei Tage vor Heiligabend noch fehlte war die Predigt.
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Es gibt Sätze, die kann so wahrscheinlich nur ein Pfarrer aussprechen. "Gerade habe ich noch zwei Beerdigungen für Heiligabend reinbekommen", sagt Kaplan Paul Reder, als er in das Besprechungszimmer des Pfarramtes tritt. Dann setzt er sich. Alltag auch an Weihnachten.


Ein Ende und ein Anfang

Ebenfalls am Tisch sitzen Gemeindereferentin Petra Strauß und Diakon Christoph Glaser.
"Sie sehen", sagt Reder, "ich bin nicht allein". Fünf hauptamtliche Mitarbeiter hat die Pfarreiengemeinschaft Bad Kissingen, darunter Sylvester Ajunwa, den zweiten Kaplan, zusätzlich einige Geistliche im Ruhestand, die auch die ein oder andere Feier in den nächsten Tage übernehmen werden.
Was fehlt, ist ein Pfarrer. Seit dem Weggang von Thomas Keßler im April dieses Jahres ist die Stelle vakant, Keßler wurde zum Generalvikar im Bistum Würzburg berufen. Die Vakanz hinterlässt Spuren. Gerade an Weihnachten.
Die Gottesdienstordnung musste gestrafft werden; in Reiterswiesen und Winkels wird es heuer erstmals keine Christmette geben, sondern nur einen Wortgottesdienst. "Es geht nicht anders", sagt Reder.
Kaplan Sylvester Ajunwa wird Ende des Jahres verabschiedet. Es wird ein neuer Kaplan kommen im Anschluss, aus Indien. Der wird sich aber auch erst mal eingewöhnen müssen, und er wird wohl nicht der einzige Neuzugang bleiben. "Ich rechne fest damit, dass ein neuer Pfarrer kommt", sagt Reder. Ein bisschen mehr Ruhe würde dann einkehren. Nicht nur zur Weihnachtszeit.


Wenn nicht jetzt, wann dann?

Von Heiligabend bis Sonntag stehen 30 Gottesdienste auf dem Plan, pro Tag wird Reder zwei oder drei halten, nichts Außergewöhnliches, sagt er, das entspreche eigentlich dem normalen Pensum eines Priesters. "Gottesdienst ist für mich kein Stress." Und überhaupt, wenn nicht jetzt gefeiert werde, wann denn dann?
Zwei Christmetten wird er halten, abends in Hausen, nachts in Bad Kissingen. In den zwei Stunden dazwischen, da liegt dann sein ganz persönliches Weihnachten: "Ich werde etwas essen, mich vor die Krippe setzten und beten."
Er genießt Weihnachten, die Stimmung in der Kirche, besonders den Moment, wenn die ganze Gemeinde "Stille Nacht" anstimmt. "Das geht mir ans Herz." Es ist auch der Moment, in dem seine Liturgie vorbei ist, der Moment, in dem die Anspannung von ihm abfällt und er dann das erste Mal, wie er sagt, selbst als Gläubiger dabei ist.


Eine Sache fehlt noch

Zwei Tage vor Heiligabend fehlt noch das ein oder andere: Letzte Absprachen mit den Organisten stehen noch aus und, sagt er, eine Predigt wäre auch nicht schlecht. Auf einen großen Fundus an Altpredigten kann er schon mal nicht zurückgreifen.
Kaplan Paul Reder ist 44 Jahre alt, es ist sein zweites Weihnachten hier in Bad Kissingen, und es ist sein zweites Weihnachten als Priester überhaupt. Ein bisschen mehr Routine als im vergangenen Jahr: "Alle erwarten doch, dass derjenige, der aus der Sakristei kommt, am besten weiß, wie es geht. Aber für mich war es das erste Mal."
Zwar kam mit der Routine auch ein bisschen Ruhe, angespannt sei er aber trotzdem noch bei der Liturgie. Eine im Grunde genommen heilige Handlung, sagt er, will man nicht dadurch zerstören, dass beispielsweise das Gotteslob runterfällt, man irgendwo dagegenrempelt oder nicht die richtigen Worte findet. Albträume eines Pfarrers.
Was nun die Predigt angeht, ein Thema wird sicher nicht fehlen: die aktuelle Flüchtlingssituation. Aus Sicht eines Christen eigentlich ganz einfach: Wer ein Flüchtlingskind als Gottessohn willkommen heißt, der kann gar nicht anders, als den Flüchtlingen von heute mit Wohlwollen zu begegnen. Kleiner Themenwechsel. Außer einer unfallfreien Liturgie - was wünscht sich ein Kaplan zu Weihnachten? "Dass wir vom Kind lernen, menschlich zu werden." Den Einwand, das sei wohl ein eher abstrakter Wunsch, lässt er nicht gelten. Nein, sagt er, es gebe doch nichts Konkreteres als Menschlichkeit. Achtsam miteinander umgehen, das sei doch das Mindeste.


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