"Oskar, Oskar, mach auf, die Mühle brennt!" Verzweifelt klopften Juliane, Jan, Matthias, Sammy, Hansi und Patrik an der Wohnungstür der Dorfmühle von Walterhausen. Es ist Sonntagmorgen, der 4. August, kurz vor 4.30 Uhr. Bedrohlich knistert es im direkt angrenzenden Gebäude der Dorfmühle, ein roter Feuerschein ist in den Fenstern zu erkennen.

Der 78-Jährige Oskar Junius hörte schließlich das Klopfen und Rufen und geht zum Fenster.
"Ich wollte wissen, was denn da draußen los ist", sagt er heute, während er mit den Jugendlichen in seinem Anwesen am Tisch sitzt und das Geschehen noch einmal in Erinnerung ruft. "Komm raus, es brennt... beeil dich... zieh dir was über", ruft Juliane Köhler dem Mühlenbesitzer zu. "Ich habe erst gar nicht gewußt, was die Jugend denn von mir will, bis ich den Feuerschein gesehen und erkannt habe, daß ich in Lebensgefahr bin." Sofort geht er, noch im Schlafanzug, nach unten und öffnet die Haustüre.

"Wir haben dann von seinem Telefon aus seine Tochter Birgit Junius Förster angerufen und gesagt, dass die Mühle brennt", erinnert sich Jan Gotthardt. "Immer wieder haben wir versucht mit dem Handy Hilfe zu holen, aber die Handys funktionieren hier nach nicht", fügen Sammy Belkaid und Patrik Schmitt an. Nicht einmal der Notruf, der angeblich überall funktionieren soll, ging durch. Es war eine schreckliche Situation. "Zwei von uns sind dann losgelaufen, zum Feuerwehrhaus und haben dort die Sirene ausgelöst", die anderen waren Oskar Junius behilflich und brachten ihn aus der Gefahrenzone. Schmunzelnd erinnert sich Juliane Köhler, dass sie zu Oskar Junius, der ja im Schlafanzug war, sagte: "Oskar, zieh' dir was drüber, es könnte länger dauern!"

Noch eine Woche nach dem Geschehen können Jan Gotthardt, Matthias Kneuer, Juliane Köhler, Patrik Schmitt (alle Waltershausen), sowie Sammy Belkaid (Bad Königshofen) und Hans Brendel (Geschwind) es noch nicht ganz fassen, was da an diesem Sonntagmorgen geschehen ist, als sie fröhlich von der Beachparty in Saal nach Hause kamen. "Der Hansi hat plötzlich den roten Feuerschein hinter den Fenstern der Dorfmühle gesehen", erzählt Juliane Köhler. Dann haben auch die anderen sofort reagiert, den Brandgeruch bemerkt und den Rauch gesehen, der aus dem Gebäude kam. "Wir haben nur eines gedacht: Der Oskar ist noch im Haus, der muß raus!"
Matthias Kneuer und Juliane Köhler erinnern sich, dass die Wehrleute von Waltershausen sehr schnell am Brandort eingetroffen sind. "Dann war da erneut das Problem, dass nicht einmal per Funk die anderen Rettungskräfte alarmiert werden konnten." Per Telefon wurden Polizei und Rettungsdienst informiert, so dass die Integrierte Leitstelle Schweinfurt kurz nach 4.30 Uhr Großalarm auslöste und die Wehren nach Waltershausen fuhren. Längst hatte sich das Feuer ausgebreitet.

Flammen griffen über

"Mehrere Meter hoch züngelten die Flammen", sagt Patrik Schmitt. "Es war vor allem schlimm, dass wir zusehen mussten, wie das Feuer sich ausbreitete, und wir nicht mehr helfen konnten." In den oberen Stockwerken zersplitterten als erstes die Fensterscheiben und die Flammen schossen mit großer Wucht nach außen. Auch die Türe zwischen Wohnhaus und Lagerturm brannte schnell durch, so dass das Feuer auf den Dachstuhl und das obere Geschoss übergreifen konnten, sagt Kreisbrandinspektor Hermann Weigand. In Waltershausen hört man seit der Brandnacht immer wieder: "Wie gut, dass die Jugend so spät nach Hause kam, sonst wäre weit Schlimmeres passiert!" Das unterstreicht auch Oskar Junius, der meint, dass er dann wohl nicht mehr lebend oder zumindest schwer verletzt aus dem Haus hätte gerettet werden können. "Wer weiß, wie das ausgegangen wäre. Der Rauch und das Feuer. Ich mag gar nicht daran denken."

"Ein Stück Dorfgeschichte fehlt

Fühlen sich die Jugendliche als Helden? Aus der Runde kommt ein einhelliges Nein. "Das was wir getan haben, das hätte jeder andere auch getan, uns war nur wichtig, dass Oskar nichts passiert." Und die Jugendlichen sind froh, dass sie beim Feiern durchgehalten haben.

Wenn die Jugendlichen heute das zerstörte Gebäude betrachten sagen sie, dass mit dem Brand auch ein Stück Dorfgeschichte verloren gegangen ist. "Schließlich war jeder von uns schon in der Mühle."
Mit am Tisch im Hof der alten Dorfmühle sitzt auch Alfred Jänsch, der direkt angrenzende Nachbar. Spontan steht er auf und drückt jedem der Jugendlichen die Hand: "Danke Euch, denn ohne euer beherztes Handeln wäre Schlimmes passiert." Jänsch war aufgewacht, als er draußen Stimmen hörte und Brandgeruch bemerkte. "Zunächst dachte ich, die Jugend raucht halt wieder, bis ich bemerkte, das dies kein Zigarettenqualm war." Dann hörte er das knackende, knisternde Geräusch und beim Blick aus dem Fenster sah der den Feuerschein. Der ehemaligen Kommandant von Waltershausen weckte seine Familie, zog seine Feuerwehrkleidung an und rannte zum Brandort. Dort war Kommandant Winfried Kürschner mit den Wehrleuten schon im Einsatz. Nach und nach kam dann die Hilfe von außen. "Als die Königshöfer mit der Drehleiter von oben die Flammen löschten, war das Feuer schnell aus," erinnert sich Oskar Junius.

Heute noch liegt aber ein Feuerwehrschlauch im Hof der Dorfmühle und immer wieder muss im ausgebrannten Gebäude gelöscht werden, weil noch überall Glutnester sind.

Ob die Mühle wieder aufgebaut wird? Oskar Junius kämpft mit den Tränen: "Ich weiß es nicht. Es ist ja mein zu Hause, hier bin ich geboren und hier bin ich daheim." Für ihn, der zur Zeit bei seiner Tochter wohnt, ist aber eigentlich klar, dass er auf jeden Fall wieder nach einer grundlegenden Sanierung oder einem Neubau hier einziehen will. Was aus den Maschinen wird und inwieweit sie noch gerettet werden können, um ein Stück Zeugnis der Waltershäuser Mühlengeschichte zu geben, wird sich dann zeigen, wenn das Mühlengebäude Stück für Stück eingelegt ist.