Bad Kissingen
Kissinger Sommer

Das Kunstwerk an der Grenze der Spielbarkeit

Sergej Dogadin und Nikolai Tokarev im Rossini-Saal
Artikel drucken Artikel einbetten
Sergej Dogadin und Nikolai Tokarev Foto: Ahnert
Sergej Dogadin und Nikolai Tokarev Foto: Ahnert
Es waren zwei Erfahrungen, die man aus dem Konzert am Sonntagnachmittag mitnehmen konnte: Nachdem Nikolai Tokarev vor drei Wochen das Klavierkonzert von Grieg gespielt hat, war ein Vergleich möglich. Und der war eindeutig: Tokarev entfaltet seine größte Wirksamkeit nicht als Orchestersolist, wo er sich eingeengt zu fühlen scheint, sondern als Kammermusiker.
Und: Der 27-jährige St. Petersburger Sergej Dogadin ist ein phänomenaler Geiger.
Allein schon der Beste beim Tschaikowsky-Wettbewerb 2011 in Moskau ist eine Visitenkarte mit Goldrand. Und Tokarev sucht sich keine schwachen Partner
Zwei nüchterne Interpreten, die mit großer Klarheit spielen. Gerade deshalb wurde so deutlich, warum sogar Maurice Ravel gegenüber seinem Violinsonaten-Erstling so skeptisch war: Es passiert fast nichts.
Das ist bei Strawinskys Divertimento aus dem Ballett "Der Kuss der Fee" deutlich anders: eine Musik starker harmonischer und rhythmischer Konflikte, voller Witz und Überraschungen, Härte und Lyrik und ironisiertem Pathos, bei der die beiden Musiker mit Vergnügen bis an die Grenzen der Darstellbarkeit gingen.
Dann kam die Abteilung "Virtuoser Zauber". Erst Dogadin mit Paganinis Variationen über die Arie "Nel cor piu non mi sento" mit ihren raffinierten Pizzicato-Jagden. Dann Tokarev mit seiner liebsten Liszt-Etüde "La campanella": jedes Mal etwas musikalischer, aber auch routinierter. Dann wieder Dogadin mit Nathan Milsteins "Paganiniana", die Ning Feng vor zwei Jahren mit kräftigerem Ton, Dogadin trotz der Höchstschwierigkeiten mit Zug zum Leisen, Geheimnisvollen spielte.
Auf Musik des Moskauers Alexander Rosenblatt kann man sich immer freuen, weil der mit sprühender Fantasie und viel Witz seine klassischen Vorlagen ins Groteske und in den Jazz zieht - und weil Tokarev das wunderbar spielen kann. Die Variationen über ein Thema von Paganini für Klavier solo kannte man ja schon. Aber neu war Rosenblatts Fantasie über Themen aus der Oper "Carmen" für Violine und Klavier, in der die bekannten Melodien im Zeitraffer verfremdet werden und sich mit großem Einsatz bekämpfen.
Drei Zugaben spendierten Dogadin und Tokarev: Fritz Kreislers "Liebesleid" und "Tambourin chinois" und die unvermeidliche "Meditation" aus Jules Massenets "Thais". Wenigstens waren die beiden Garanten dafür, dass da nicht Schmalz von der Bühne tropfte.
Verwandte Artikel
was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren