Niederlauer
Kunstaktion

Darf eine Figur der Mutter Gottes verbrannt werden?

Die Feueraktionen des Künstlers "Jimmy" Herbert Fell sind bekannt. In diesem Jahr hat er sich ein Thema vorgenommen, das in der Öffentlichkeit heftig diskutiert wird: Darf man eine Madonnenfigur verbrennen?
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Jimmy Fell am Weißen Turm bei Niederlauer, im Hintergrund die rund acht Meter hohe Madonnenfigur. Foto: Paul Ziegler
Jimmy Fell am Weißen Turm bei Niederlauer, im Hintergrund die rund acht Meter hohe Madonnenfigur. Foto: Paul Ziegler
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Acht Meter ist sie hoch. Imposant. Der Sternenkranz, die Figur, sehr realistisch. Die Mutter Gottes. Sie wirkt sehr plastisch und spricht den Betrachter sofort an. Unzweifelhaft ist sie einer orthodoxen Ikone nachempfunden. Jimmy Fell, in Niederlauer geborener und in Berlin lebender Künstler, hat in seiner Heimatgemeinde schon viele Skulpturen aufgestellt. Jetzt diese Madonna, eine russische schwarze Madonna, die als Sonnwendfeuer in Rauch aufgeht.
So der erste Plan.
Jimmy Fells Sonnwendfeuer in Niederlauer sind in der Region bekannt. Es begann 1992, ganz spontan, ganz einfach. Mit einigen Jungs vom Sportverein hat er am Weißen Turm in der Nähe des Sportplatzes von Niederlauer ein Feuer entzündet. In den folgenden Jahren hat er daraus künstlerische Feueraktionen entwickelt, alle mit einem besonderen Thema. Bekannt ist vielen vor allem die Aktion "Europa und der Stier": Aus einem rund zehn Meter aufgetürmten Holzhaufen erschien eine auf dem als Stier verwandelten Zeus eine Europa mit Fackel. Dramatisch beeindruckend.

Die politische Dimension

Jimmy Fell ist ein politischer Mensch. Als in diesem Frühjahr die Diskussion um die Ukraine, um Russland und die Rolle der Europäischen Union in diesem Fall am höchsten kochte, hat er sich eines gefragt: "Was soll das alles?" Europa gegen Russland? Russland ist auch Europa und der Mittelpunkt Europas liegt in der Nähe von Vilnius, also fast an der Grenze zu Russland.
Jimmy Fell erinnerte sich an eine Madonnen-Serie, die er vor 30 Jahren malte und damit eine Ausstellung im Alten Amtshaus in Bad Neustadt bestückte. Dazu kamen Erfahrungen aus einer Aktion, bei der er einen Engel darstellte. Damals haben die Menschen an dem Engel Zettel angebracht, Bitten an den Engel, Wünsche. Bilder wie bei einer Bildeiche wurden an die Figur gehängt. So war die Idee geboren und die verbindende Funktion der schwarzen Madonna fast überall in Europa erkannt. Es gibt sie fast in jedem Land in einer besonderen Darstellung. Für den Künstler stellt sie die "Mutter Europas" dar.
Es gibt die schwarze Madonna in Polen, in Frankreich, in Spanien, in Deutschland, beinahe in jedem Land. Nach der schwarzen Madonna aus Russland, von der bei der Verbrennung nur ihr Sternenring, der ihren Kopf umgibt, und ihre betonierten Fußabdrücke übrig geblieben wären, wollte Jimmy Fell im nächsten Jahr die nächste "Landes-Madonna" aufstellen, jede einzelne eine Mutter Europas. Der wiederverwendete Sternenring und die Fußabdrücke wären das jährlich verbindende Element gewesen. Das war das Konzept.

Die Votivbilder

Jimmy Fell machte sich ans Werk. Die Figur sollte wie eine Bildeiche funktionieren, an die man Bitten und Wünsche hängen kann. Fell ging dafür selbst künstlerisch in Vorleistung und malte kleine Votivbilder mit der Madonna. Er schrieb darauf den Wunsch einer Mutter aus der Ukraine, ihr Sohn möge aus dem Krieg wieder nach Hause kommen. Dasselbe tat er für eine Mutter aus Moskau, und noch viel mehr Bilder fügte er hinzu.
Es entstand um die Madonna - inzwischen rund acht Meter hoch - herum eine richtige Votiv-Bilderwand und als das alles mehr und mehr Gestalt annahm, rührte sich Widerspruch, die Madonnenfigur in Rauch aufgehen zu lassen. In der Bevölkerung häuften sich Stimmen, das dürfe man nicht tun. Sogar der katholische Dekan Dr. Andreas Krefft (Bad Neustadt) meldete sich bei Bürgermeister Richard Knaier und wollte Hintergrundinformationen zu dem, was er da hörte. "Vergleiche mit Blasphemie und Hexenverbrennung waren zu hören, jetzt verbrennen sie sogar eine Madonna, wurde erzählt", erinnert sich Jimmy Fell. Der Bürgermeister erklärte dem Geistlichen Fells Konzept und vermittelte ein Gespräch zwischen dem Dekan und dem Künstler: "Er stand voll hinter meinem Konzept", erinnert sich Fell an das Gespräch, "er hat mir sogar Hilfe angeboten".

Vom Konzept abgewichen

Doch die Diskussion hat ihn beeindruckt und er ist deshalb in diesem Jahr von seinem bisher gefassten Konzept abgewichen: Die Madonna wird nicht verbrannt. Sie wird stehen bleiben. Mehr noch. Auf der Rückseite hat er in dieser Woche eine zweite Madonnenfigur entstehen lassen, die Madonna von Tschenstochau (Polen). "Auf der einen Seite sieht man das Nationalheiligtum von Russland, auf der anderen das von Polen und darüber steht 'Mutter Europas'", erklärt Fell den verbindenden Aspekt. "Das versteht jeder".

Madonna und die Bilderwand

Und die Madonna bleibt stehen. "Vorerst" sagt Fell, aber sie soll zu einer Art "Bildeiche" werden, jeder kann sein Votivbild mit einem Wunsch, einer Bitte hier anbringen. Jemand hat bereits sein erstes Bild hingehängt, weitere dürfen/ sollen folgen, wünscht sich der Künstler.
Natürlich gibt es am Samstag, 20. Juni, in Niederlauer trotzdem wieder ein Jimmy Fell Feuerspektakel (ab 19 Uhr). Vor den Madonnen wird er überdimensionale Kerzen und dahinter einen großen Holzstoß (Sonnwendfeuer) entzünden. Umrahmt wird das Ganze und das gesamte Gelände von etlichen anderen Fell'schen Skulpturen und Installationen - "das blaue Tor", Teile der Berliner Mauer, metallene Skulpturen aus vorausgegangenen Feueraktionen. Sehenswert.


Hintergrund


Die Aktion 2015 Das Sonnwendfeuer am Weißen Turm in Niederlauer - Richtung Sportplatz, hier gibt es Parkplätze - findet am Samstag, 20. Juni, ab 19 Uhr statt. Der Künstler ist anwesend. Es singt Maike May, Anette Rogatz und Christine Breitenbücher präsentieren mit ihrem Team zwei Performances.

Was der Künstler will Die Figuren sind komplett aus Balken (Altholz) gebaut und mit einer Lage alter Bretter verkleidet. Diese verleihen den Skulpturen eine archaische Ausstrahlung.
Zu dramatischer Musik (Zarathustra, carmina burana, etc.) wird der Scheiterhaufen entzündet. Die Flammen schlagen immer höher und greifen allmählich auf die Figur über.

Das Feuer Zunächst verbrennt die äußere Hülle (Bretterlage), danach beginnen die Balken zu brennen und die Figur steht noch etwa eine Stunde als brennende Skulptur in den Flammen des Scheiterhaufens, bevor sie zusammenbricht: Es ist die Verherrlichung der Figur, ein Freudenfeuer, ein Feueropfer, dessen Bedeutung von den Brandofpern im Tempel abgeleitet ist. 2015 abgewandelt.

Die Bedeutung Es ist eine faszinierende Aktion, ein universelles Zeichen, das an die Magie archaischer Feuerrituale erinnert. Gleichzeitig besitzt die Aktion zeitlose Gültigkeit, auch in modernsten Gesellschaftsformen. Für Herbert Fell ist es ein Urzeichen, das ohne Erklärungen auf der ganzen Welt verstanden wird.

Der Künstler Herbert "Jimmy" Fell (59) stammt aus Niederlauer. Er studierte Bauingenieurwesen und Grafikdesign an der Fachhochschule Würzburg. Seine Kunstwerke stellt er nicht in Museen oder Galerien aus. Die Skulpturen und temporären Installationen stehen an bedeutsamen Orten im Freien. Nach der deutschen Wiedervereinigung schuf er das Nationaldenkmal Skulpturenpark Deutsche Einheit an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze bei Eußenhausen. Als Maler setzt er sich mit der Symbolik von Kulturen und Religionen auseinander. Der gebürtige Unterfranke lebt seit über 20 Jahren in Berlin.

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