"Die ist genau so, wie ich sie mir vorgestellt habe." Sven und seine beiden Klassenkameraden Joshua und Leon haben keinerlei Berührungsängste mit der - ziemlich prominenten - Kinderbuchautorin Anne Maar. Und natürlich ist es für alle Grundschüler in Steinach ein ganz besonderer Tag, an dem - aufgeteilt auf zwei Unterrichtsstunden - Anne Maar zunächst bei den Erst- und Zweitklässlern zur Lesung gekommen ist und sich anschließend den Größeren widmet. Die ganze Woche schon steht im Zeichen des Lesens. "Erst waren wir alle zusammen in der Pfarrbücherei in Aschach", erzählt Lehrerin Marina Trümbach, "und es folgt noch ein Bücherflohmarkt."
Dass es der Schule gelungen ist, Anne Maar für eine Lesung zu gewinnen, ist durchaus etwas Besonderes. "Früher", erzählt die Autorin, "habe ich mehr Lesungen gehabt." Aber als Intendantin des Fränkischen Theaters hat sie einfach nicht mehr so viel Zeit dafür. "Ich denke mal, 20 Lesungen im Jahr mache ich derzeit noch", erzählt sie am Rande der Lesestunde in Steinach.
Erst einmal aber stellt sie sich den Schülern vor, spricht über Lust und Leid einer Autorin, zum Beispiel, wie schwierig es ist, für eine Geschichte, die sie geschrieben hat, einen Zeichner oder einen Verlag zu finden. Sie gewinnt schnell die Aufmerksamkeit der Mädchen und Jungs, von denen viele ihre Bücher kennen und wiedererkennen: die Bilderbücher, die Erstlesebücher und die für Kinder, die schon ein bisschen Leseerfahrung haben. Und bevor sie zur Lesung schreitet, stellt sie den Kindern die Geschichte von Oskar und seinem Wunschhund Elvis vor, der nur ein ausgeliehener Hund ist, weil Oskars Papa eine Hundehaar-Allergie hat. Und plötzlich ist Anne Maar mit den Kindern im Gespräch über Allergien, die viele von sich selbst oder aus ihren Familien kennen. Und natürlich haben viele Kinder auch eigene Erfahrungen mit Tieren, mit braven und frechen und ausgebüchsten, solchen, wie Elvis eben auch.
Und nach heftigem, wettstreitartigen Erlebnisaustausch - "Typisch, Kleinkinder erzählen am liebsten von sich selbst", schmunzelt Lehrerin Trümbach - ist es plötzlich mucksmäuschenstill im Klassenzimmer. Anne Maar setzt an, und die Kinder lauschen mit gespannter Aufmerksamkeit. Sie gehen mit, als sie von Oskar vorgelesen bekommen, sie kennen Situationen wie die, in die Oskar hineingerät. Und sie applaudieren heftig, als Anne Maar fertig ist mit der Geschichte und warten schon auf die nächste, die von Biberburgenbaumeister Balthasar und seinem Sohn, dem Biberburgenbaumeisterlehrling Ben, der lieber Türme bauen will. Die Vater-Sohn-Geschichte, in der aus einem Zerwürfnis ein wunderbares Miteinander der beiden Protagonisten wird, geht den Kindern spürbar ans Herz, gerade so, als kennten sie auch das: dass Vater und Kind nicht immer einer Meinung sind.
Und wieder steht Anne Maar den Kindern Rede und Antwort.Anna will wissen, ob der Autorin ihr Beruf Spaß macht, Julia fragt, ob es schwer ist, sich was auszudenken, und Veronika fragt nach Anne Maars erstem Buch. Aaron bewegt die Frage: "Schreibst du eigentlich auch dicke Bücher" und lernt von der Schriftstellerin: "Dick oder dünn, das hängt davon ab, wie viele Bilder drin sind und wie groß die Schrift ist", und der Bub nickt nachdenklich. Das muss einem ja mal gesagt werden, scheint sein Gesichtsausdruck zu meinen.
Als die Lesestunde um ist, stürzen sich die Mädchen und Jungen auf den Büchertisch mit Werken der Autorin, die sichtlich bewegt ist von der Begeisterung, die sie ausgelöst hat. "Am liebsten lese ich vor Kindern der Jahrgangsstufe 2 bis 4, und am besten gefällt es mir, wenn in den Schulen höchstens zwei Klassen in einer Lesung sitzen." Und so erfahren die Erstklässler von ihrer Lehrerin am Ende noch, dass sie großes Glück hatten, dass Anne Maar da war, denn sie werden ja zusammen mit den Zweitklässlern unterrichtet.