Bad Kissingen
Kissinger Sommer

Beethovens spröde Messe

Die Tschechische Philharmonie und der Philharmonische Chor Prag führten im Großen Saal die Missa solemnis auf.
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Nach einer arbeitsreichen Aufführung: Genia Kühmeier, Marianne Crebassa, Jiri Belolahvek, Arturo Chacon-Cruz und Daniel Kotlinski. Foto: Ahnert
Nach einer arbeitsreichen Aufführung: Genia Kühmeier, Marianne Crebassa, Jiri Belolahvek, Arturo Chacon-Cruz und Daniel Kotlinski. Foto: Ahnert
Die "Missa solemnis", die "Feierliche Messe" von Ludwig van Beethoven aufzuführen ist immer ein Kraftakt. Nicht nur, weil enorm viel Personal erforderlich ist, sondern weil die Messe ein sperriges Werk ist, das sich dem Gängigen widersetzt. Obwohl Beethoven schon knapp 50 Jahre alt war, als er mit der Komposition begann, hatte er kaum Erfahrungen mit kirchlicher Musik: 1807 hatte er eine kürzere C-dur-Messe geschrieben.
Jetzt, im Herbst 1819 hatte er sich vorgenommen, seinem Klavierschüler, dem Erzherzog Rudolph, zu seiner Ernennung zum Erzbischof von Olmütz eine Messe zu schenken. Aber er schaffte es nicht: Als im Dom die Glocken läuteten, war erst das Kyrie fertig.
Jetzt hatte Beethoven alle Zeit der Welt - erst 1823 war die letzte Revision abgeschlossen - und konnte sich erst einmal anderen Kompositionen zuwenden. Das merkt man dem Werk an. Es ist etwas zerrissen, und es ist überfrachtet, weil Beethoven eine Messe schaffen wollte, die sich von den anderen abhob. Dem praktischen Einsatz im Gottesdienst war sie schnell entwachsen. Beethoven trug dem Rechnung, indem er sie als Oratorium verstand und anlegte.
Sperrig und schwierig ist die Messe auch deshalb, weil Beethoven nie - auch nicht, als er noch hören konnte - aus der Perspektive der Sängerinnen und Sänger komponiert hat. Da war er absolut rücksichtslos: Für ihn war die menschliche Stimme ein Instrument wie jedes andere. Vor allem die Soprane haben darunter zu leiden - nicht nur im Schlusssatz der Neunten Sinfonie, sondern auch hier: Sie müssen extreme Spitzentöne nicht nur erreichen, sondern auch halten.

Gefordertes Solistenquartett

Auch für das Solistenquartett ist die Missa im Grunde eine undankbare Aufgabe. Es gibt keine längere Passage, bei denen sie sich zeigen und glänzen können, und oft müssen sie gegen den Chor ansingen.
Kein Wunder, dass die Missa solemnis erst einmal beim Kissinger Sommer zu hören war - 2008 mit Kent Nagano. Jetzt waren es Jiri Belolahvek und seine Tschechische Philharmonie, die das auch für das Orchester höchst anspruchsvolle Werk mal wieder in den Großen Saal brachten. Keine ganz einfache - aber natürlich lösbare - Aufgabe für den Dirigenten, denn der Chor war aus Platzgründen vorne auf dem Balkon untergebracht: die Frauen links, die Männer rechts.

Chor in der Führungsrolle

Der Philharmonische Chor Prag war, wie schon im vergangenen Jahr, von Chorleiter Lukas Vasilek bestens vorbereitet worden, sang sich mit großer Präsenz und Präzision durch das Meer der Schwierigkeiten und gab der abschließenden Bitte "Dona nobis pacem" so viel von Beethoven freilich beabsichtigten Druck, dass sie wie ein Befehl klang. Der Chor beherrschte und prägte die Aufführung.
Auch das Solistenquartett schlug sich mit Bravour. Genia Kühmeier (Sopran) und Marianne Crebassa (Mezzosopran) boten dem Chor unaufgeregten Widerpart. Vor allem Letztere sang erstaunlich mühelos. Bei dem Tenor Arturo Chacon-Cruz musste man gewisse Abstriche machen. Er forcierte auch an Stellen, wo er nicht gegen den Chor ansingen musste, so stark, dass ihm das tenorale Timbre abhanden kam. Daniel Kotlinski (Bassbariton) hatte das Pech, neben Chacon-Cruz zu stehen, der ihn öfter zudeckte. Man hätte gerne mehr von ihm gehört, aber hohe Töne setzen sich halt leichter durch.
Es war eine konzentrierte Aufführung, die die Sonderstellung dieses Werkes sehr gut deutlich machte, die aber auch zeigte - und das machte sie besonders interessant - welche Probleme Beethoven durch seine ehrgeizigen Ziele mit dieser Gattung hatte.
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