Bad Kissingen
Energiewende

Bad Kissinger Protest gegen Südlink

Die Bundesnetzagentur hat mit der Planung der Stromtrasse von der Nordsee nach Süden begonnen. Kritiker stellen den Sinn des Projektes noch in Frage.
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Eindrücke von der Anti-Südlink-Demo. Foto: Ralf Ruppert
Eindrücke von der Anti-Südlink-Demo. Foto: Ralf Ruppert
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Der Widerstand gegen Südlink schwindet: Zu früheren Demonstrationen gegen die "Monstertrasse" kamen noch mehrere hundert Menschen, am Montag vor dem Regentenbau waren es nicht einmal mehr 50 Demonstranten. "Die Sachlage ist schwieriger geworden", weiß auch Herbert Barthel, der beim Bund Naturschutz (BN) für Energie und Klimawandel zuständig ist. Bei der Demo am Montag erntete er viel Applaus für seine Forderung nach einer nachhaltigen und dezentralen Energiewende. Dagegen blitzte er im Saal mit seinem Versuch ab, Südlink in Frage zu stellen: "Gegenstand der heutigen Veranstaltung ist ausschließlich der Verlauf der Leitung, nicht deren Notwendigkeit", betonte Daniel Matz von der Bundesnetzagentur. Der Leiter des Referats, das über Südlink entscheidet, moderierte die zweite von drei regionalen Antragskonferenzen, bei der Einwände zum Abschnitt vom thüringischen Gerstungen bis Arnstein gesammelt wurden.


"Frevel an der Natur"

Rund 220 Vertreter von Behörden, Kommunen, Verbänden und Bürgerinitiativen hatten sich entweder im Vorfeld online angemeldet oder ließen sich geduldig am Eingang registrieren. Zuvor gab es Trillerpfeifen, Transparente und Megafon. "Wir Verbraucher wollen die Trasse nicht", rief BN-Kreisvorsitzender Franz Zang den Südlink-Gegnern zu. Seiner Meinung nach sei es Etiketten-Schwindel, dass auf der Leitung Windstrom transportiert werde, tatsächlich würden im Norden Kohle-Kraftwerke gebaut.
"Wenn eine Lampe brennen soll, brauche ich ein Stromkabel dahin", ist auch BN-Referent Barthel klar, aber: "Wenn wir auf Strom-Autobahnen setzen, zerstört das die lokalen Strukturen." Wind- und Sonnenstrom müssten dezentral und regional erzeugt werden. Armin Wahler von der Bürgerinitiative Bergrheinfeld bezeichnete die Trassen gar als "Entschädigung der großen Strom-Konzerne für den Atom-Ausstieg". Er verwies darauf, dass in seinem Heimatort in den vergangenen Jahren für Autobahnen, Mülldeponie, Gewerbegebiete und Umspannwerke mehr als 200 Hektar Land verbraucht wurden. "Dieser Frevel an der Natur muss ein Ende haben", forderte er.


Juristische Gegen-Argumente

Mit Reimen kämpft Hildegard Beyfuß aus Wasserlosen gegen Südlink an: "Wollen wir noch weiter hier leben, müssen wir neue Energien anstreben, unsere Heimat ist uns lieb und teuer, also weg mit diesem Trassen-Ungehauer", fordert sie.
Auch in der Antragskonferenz gab es mehrere Wort-Meldungen gegen die Trasse: Trotz des Bundesbedarfsplanes, in dem Südlink festgeschrieben ist, müsse die Bundesnetzagentur eine "Plan-Rechtfertigung" liefern, argumentierte der Würzburger Rechtsanwalt Wolfgang Baumann und führte formale Mängel an: Tennet habe zum Beispiel bereits 30 Hektar für ein neues Umspannwerk gekauft, das schon bald gebaut werden soll. Baumann sprach von einer "Salami-Taktik", weil nicht alle Vorhaben in die Bundesfachplanung aufgenommen und deshalb keine Gesamt-Abwägung der Eingriffe gemacht werde: "Das Maß der Belastung für die Betroffenen ist überschritten", kündigte er Widerstand an.
Selbst Versammlungsleiter Daniel Matz schürte die Hoffnungen der Gegner: "Es besteht auch die Möglichkeit, dass das Vorhaben gar nicht zugelassen wird." Und den Bundesbedarfsplan kommentierte er mit den Worten: "Gesetze können verändert werden, aber nicht von uns." Wenig Chancen, Südlink noch zu verhindern, sieht dagegen der Oerlenbacher Bürgermeister Franz Kuhn (CSU): "Die Grundsatz- Entscheidung ist gefallen, die Notwendigkeit ist im Gesetz festgelegt."

Vernichtung von Ackerland, Erosion im Schondratal, Flussperl-Muschel und Feldhamster, Wasserschutzgebiete oder fehlender Abstand zu Aussiedlerhöfen: Die Einwände gegen die von Tennet vorgeschlagenen Korridore für die Südlink-Trasse waren am Montag vielfältig. "Es werden heute noch keine Entscheidungen getroffen, sondern Informationen gesammelt", stellte Versammlungsleiter Daniel Matz von der Bundesnetzagentur klar.


Noch viele offene Fragen

Fest stehen laut Bundesnetzagentur bisher lediglich die beiden Anfangspunkte Wilster und Brunsbüttel im Norden - keine zehn Kilometer voneinander entfernt - und die beiden Endpunkte Grafenrheinfeld und Großgartach. Auch die von Tennet vorgeschlagenen Korridore hätten keinerlei bindende Wirkung: Es könnte also auch auf ganz andere Trassen hinauslaufen, wie etwa die thüringische Landesregierung vorgeschlagen hat. Aus Erfurt kam die Forderung, näher an der direkten Linie zu bleiben und Südlink westlich an Kassel und Würzburg vorbei zu führen.
"Wenn Sie noch etwas für eine sachgerechte Entscheidung für erforderlich halten, teilen Sie uns das bitte mit", rief Jurist Stefan Drygalla-Hein die rund 220 Anwesenden im Regentenbau auf. Die Bundesfachplanung ersetze das sonst übliche Raumordnungsverfahren, darin sei unter anderem auch eine strategische Umweltprüfung enthalten. Rund ein Dutzend Antragskonferenzen gibt es in den kommenden Wochen entlang der Trasse. Danach werde bis Herbst ein sogenanntes Pflichtenheft erstellt, in dem Aufgaben für Tennet aufgeführt sind. "Meist vergeht da eine Vegetationsperiode", kündigte Stefan Drygalla-Hein an. Mit einer öffentlichen Erörterung der Ergebnisse sei also Ende 2018 zu rechnen. An die Bundesfachplanung schließt sich dann - voraussichtlich bis 2021 - ein Planfeststellungsverfahren an: Innerhalb des jetzt zu ermittelnden Korridors mit einer Breite von 500 bis 1000 Metern werde dann er genaue Leitungsverlauf festgelegt. Gebaut werden könnte also frühestens 2022, Strom fließen soll ab dem Jahr 2025.
Wie denn der neue Trassen-Vorschlag aus Thüringen behandelt werde, wollte Peter Durinke wissen, der unter anderem den Landkreis Bad Kissingen vertrat. "Dieser Vorschlag hat vielleicht auch verfahrensrechtliche Auswirkungen", sagte Matz und verwies auf eine Prüfung.


Kritik an Flächenverbrauch

Offen sei auch noch, ob acht Leitungen mit 320-Kilovolt-Technik zum Einsatz kommen oder vielleicht weniger Leitungen reichen, die dann mit 525 Kilovolt unter Spannung gesetzt werden. Eugen Köhler vom Bayerischen Bauernverband forderte einen möglichst geringen Flächenverbrauch. Um alle Umwege zu vermeiden, sollten auch eine Querung des Rhein-Main-Gebietes oder technische Lösungen etwa für Naturschutzgebiete gesucht werden.

Einen ganzen Tag lang hat sich unter anderem der Maßbacher Bürgermeister Matthias Klement (CSU) für die Antragskonferenz Zeit genommen, obwohl die Gemeinde ihre Einwände gemeinsam mit dem Landkreis bereits vorab schriftlich eingereicht hatte. Neu war für Klement der zusätzliche Trassen-Vorschlag aus Thüringen. Dagegen erachtet er die Grundsatz-Diskussionen über Südlink als überflüssig: "Über den Punkt sind wir drüber", sagt Klement zu den Rahmenbedingungen, und: "Jetzt geht es darum, dass man es so verträglich wie möglich hinbekommt."

Als Sprecher des Arbeitskreises unterfränkischer Stadtwerke informierte sich Arnold Brust von den Bad Brückenauer Stadtwerken über die Höchstspannungsleitung. Deshalb interessierten ihn auch Fachfragen wie die, ob massenimprägnierte Leitungen verwendet werden oder bei der Isolation auf Kunststoff gesetzt wird. Auch, ob mit 320 oder mit 525 Kilovolt übertragen wird, sei wichtig: "Je höher die Spannung, desto mehr Leistung kann ich übertragen", erläutert Brust. Zum Vergleich: Die Stadtwerke arbeiten mit 20 Kilovolt im Verteilernetz und 400 Volt bei den Anschlüssen.

Trotz Gemeinderatssitzung am Abend war auch der Sulzthaler Bürgermeister August Weingart (CSU) auf der Konferenz vertreten. Zum einen gehe es um viele formale Fragen, zum anderen habe er aber auch "viele neue Ideen, die geprüpft und aufgenommen werden müssen" gehört, fasste er seine Eindrücke zusammen. Auch die Gemeinde Sulzthal gab bereits eine schriftliche Stellungnahme ab. Dabei wurde unter anderem auf die Aussiedlerhöfe in der Gemarkung hingewiesen, aber auch auf die Keltengräber am Obbacher Reichthalshof und den geplanten Windpark. rr
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