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Aschach bei Bad Kissingen
Porträt

Aschach: Abschied eines Schlosswirts

Wenn zum Unglück auch noch Pech dazukommt: Vor vier Jahren hat der Bad Kissinger Gastronom Rainer Ernst das Restaurant Zum Schlosswirt auf Schloss Aschach übernommen. Zum 29. Februar hat er seinen Pachtvertrag gekündigt.
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"Man muss es nehmen, wie es ist", sagt Rainer Ernst. Vier Jahre war er Betreiber des Restaurants auf Schloss Aschach. Jetzt hat er seinen Pachtvertrag gekündigt. Foto: Anja Greiner
"Man muss es nehmen, wie es ist", sagt Rainer Ernst. Vier Jahre war er Betreiber des Restaurants auf Schloss Aschach. Jetzt hat er seinen Pachtvertrag gekündigt. Foto: Anja Greiner
Rainer Ernst hatte einst einen Traum. Eigentlich waren es sogar zwei. Das Restaurant Salinenblick - ein Objekt, das er immer haben wollte, schön gelegen an der Au, mit Flughafen nebenan - er wollte es aufbauen, nicht für sich, für seinen Sohn und seine Tochter. Er wollte für sie den Tausendsassa spielen, Hausmeister sein, Einspringen, wenn's mal klemmt. Sieben Jahre später, 2009, musste er verkaufen. Verlustreich.
Drei Millionen Mark hatte er einst investiert, noch heute bezahlt er die Schulden ab.

Rainer Ernst wollte, das war der zweite Traum, Schlossherr werden. Oder zumindest Schlosswirt, als er 2011 das Restaurant auf Schloss Aschach übernahm. Er wollte dort alt werden. Was dann passierte, man kann es Leben nennen, man kann es Schicksal nennen, man kann es auch Pech nennen - am Ende ist der Begriff egal, das Ergebnis ist immer dasselbe: Mit 65 Jahren fängt Rainer Ernst zum dritten Mal in seinem Leben von vorne an. Der Traum ist endgültig vorbei.

Heute sagt er Sätze wie: "Ich hatte mal eine Harley", "Ich hatte mal eine Bordeaux-Wein-Sammlung", "Ich hatte mal eine Lebensversicherung".


Die Leidenschaft ist geblieben

Ernst sitzt am größten Tisch im Gastraum zum Schlosswirt auf Schloss Aschach, im Rücken die neue Ausschanktheke, nach vorne, raus zum Fenster, der Schlosshof. Er wohnt auch dort. Im ersten Stock auf 100 Quadratmetern, die Decken vier Meter hoch, einst der Trakt der Kinder des Grafen. "Ich gebe das hier sehr ungern auf, aber es muss sein." Die Umsätze sind zu gering, vor allem die Winterzeit kostet Gäste, die Räume sind für große Gesellschaften zu klein. Vor allem damit, dass das Geschäft im Winter so einbreche, um bis zu 60 Prozent, damit habe er nicht gerechnet.

Die Gastwirtschaft, sie hat ihn viel gekostet. Seine Altersvorsorge, seinen Ruhestand, seine Familie. Dennoch ist es sein Traumberuf - er wird weiter als Küchenchef arbeiten. Nicht mehr in Franken, aber noch in Bayern. Wo genau, das will er nicht sagen, nur so viel: er wird angestellt sein, nicht mehr die ganze Verantwortung alleine tragen müssen. "Selbstständig zu sein, das war ein stetiger Kampf ums Überleben - den gebe ich jetzt auf." Ist es nicht schwer, sich nach all dem wieder aufzurappeln? Rainer Ernst sagt "Nein".


Aufgeben ist keine Option

Natürlich hat er weiter gemacht, nach dem Salinenblick, was wäre die Alternative gewesen? Insolvenz. "Das konnte ich meiner Familie nicht antun." Natürlich macht er auch jetzt weiter, was wäre die Alternative? Und dann sagt er, ohne Schulterzucken, ohne Bitterkeit: "Man muss es nehmen, wie es ist."

Früher, als sie noch das Restaurant auf dem Klaushof hatten, sind sie immer über Weihnachten und Neujahr verreist. Mit den Kindern. Man hat sich ja das ganze Jahr über um die Gäste gekümmert. Kenia, Brasilien, Sardinien, eigentlich, sagt er, waren sie fast überall. Was ihm noch fehlt: Australien. "Vielleicht klappt's nochmal."
Gastwirtschaft, das à la carte Geschäft, das ist ein täglicher Kampf ums Überleben, sagt er. Das musst du wollen, da fließen auch mal Tränen, da geht es nicht immer menschenwürdig zu. Was hilft durchzuhalten ist wohl die Leidenschaft für den Beruf, das Essen, die Gäste und die richtige Einstellung.

Wenn man ihn fragt, ob er sich in seiner Schloss-Wohnung manchmal gruselt, sagt er: "Zu viel Angst ist nicht gut, das schlägt aufs Gemüt". Wenn es darum geht, dass offenbar aus Gründen des Denkmalschutzes kein Wintergarten an sein Restaurant angebaut werden konnte, wo er auch mal größere Gruppen wetterunabhängig hätte bewirten können, dann sagt er: "Geht nicht, gibt's nicht." Er kenne viele alte Bauten, die moderne Anbauten hätten. Wenn es nach Ernst geht, ist alles im Leben eine Frage des Wollens.


Zur falschen Zeit am falschen Ort

Erst hat er zwei Jahre aus einer acht Quadratmeter großen Küche am Abend bis zu 120 Essen geschickt, dann wurde eine neue Küche eingebaut - zwei Jahre hat er auf einer Baustelle gelebt, das letzte halbe Jahr musste er den Betrieb komplett einstellen. Jetzt hat er eine geräumige, neue Küche, aber keine Umsätze und zu wenig Gäste.

Da war zum Beispiel die Lüftung. Die neue Abzugshaube in der Küche hatte einen viel zu großen Luftzug, der bis in den Gastraum zu spüren war, die Leute riefen an, wollten nur kommen, wenn sie einen Tisch an der Heizung bekämen. "Ich habe aber nur zwei Tische, die an der Heizung stehen." Mit den Gästen kam auch die Familie abhanden. Die Tochter, gelernte Restaurantfachfrau, alleinerziehend, hatte gemeinsam mit seiner Frau den Service gemanagt. Die Tochter konnte irgendwann nicht mehr, die Arbeitszeiten, die Umbaumaßnahmen, sie suchte sich einen anderen Job.


"Ich lebe noch, mir geht's gut"

Zu den familiären Problemen, kamen personelle Probleme. Ernst stellte neues Personal ein, aber "der Service hat nie wieder die Qualität erreicht". Mit der Familie kamen auch die Gäste abhanden. Die Entscheidung aufzugeben ist im Sommer gefallen. "Am besten ist, sie würden gleich aufhören", hatte sein Steuerberater damals gesagt. Und Rainer Ernst dachte: "Das geht nicht, das kann ich meinen Mitarbeitern nicht antun, ich will sauber aus der Sache raus, ich zieh das jetzt noch durch."

Gesund bleiben, noch ein paar Jahre arbeiten, und irgendwann doch noch in Ruhe alt werden, davon träumt er jetzt. Es wird nicht Schloss Aschach sein, aber so ist es eben. Er sitzt immer noch an dem Tisch, den Arm über der Lehne des Nachbarstuhls. Herr Ernst, hadern Sie nicht manchmal mit dem Schicksal? "Ich lebe noch, mir geht's gut." Kurze Pause. "Bis auf die Zahlen." Kurze Pause, Blick auf den Tisch, mit dem Zeigefinger entfernt er zwei Fussel von der Tischplatte. "Das werden wir schon schaffen, irgendwie."


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