Maßbach
Theater

Anatol kann nicht lieben

Im Rahmen der "Jüdischen Kulturtage Bad Kissingen" wurde in Maßbach Arthur Schnitzlers Einakter-Zyklus gezeigt.
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Anatol (Ingo Pfeiffer, links) möchte wissen, ob seine Freundin Cora (Katharina Försch) ihm treu ist. Max (Stefan Krischke) schlägt ihm vor, Cora zu hypnotisieren. Fotos: Björn Hein
Anatol (Ingo Pfeiffer, links) möchte wissen, ob seine Freundin Cora (Katharina Försch) ihm treu ist. Max (Stefan Krischke) schlägt ihm vor, Cora zu hypnotisieren. Fotos: Björn Hein
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"Ich glaube, dass die Thematik des Anatols nach wie vor aktuell ist", sagte Stefan Krischke, der den Max in Arthur Schnitzlers Werk verkörperte. Wenig habe sich am grundsätzlichen Wesen der Menschen geändert seit 1893, als das Stück erschien. Am Stück habe Krischke auch der besondere Humor fasziniert und er zog Parallelen zum Witz eines Woody Allens.
Die szenische Lesung des Einakter-Zyklus "Anatol", welches im Rahmen der "Jüdischen Kulturtage Bad Kissingen" stattfand, erhält am Ende viel Applaus. Bis auf den letzten Platz war das Kaminzimmer des Fränkischen Theaters besetzt, in dessen intimer Atmosphäre die Schauspieler die Zuschauer mit in die im Stück verkörperten Leichtlebigkeit der Wiener High Society in der Wende zum 20. Jahrhundert mitnahmen.
Eher oberflächlich ist Anatol (gelesen und gespielt von Ingo Pfeiffer), die Hauptfigur. Nur zu seinem Freund Max (Stefan Krischke) scheint er eine tiefergehende Freundschaft zu hegen. Anatols Damenwelt wechselt rasch. Liebschaft reiht sich an Liebschaft. Anatol, weit davon entfernt, wirklich wahrhaft lieben zu können, gibt wenig Gefühle preis. Wenn, dann sind es nur seine eigenen, die für ihn im Vordergrund stehen. So diskutiert er mit seinem Freund Max darüber, dass ein Mann niemals wissen kann, ob eine Frau ihm treu ist oder nicht. Anatol verdächtigt seine Geliebte Cora (Katharina Försch) der Untreue. Max meint, dass er es doch mit Hypnose versuchen soll - so würde Cora ihr Innerstes preisgeben. Anatol greift die Gelegenheit auf, um endlich seine Zweifel auszuräumen. Nachdem Cora eingewilligt hat, hypnotisiert zu werden, stellt Anatol die Frage: "Liebst Du mich?". Cora bejaht dies.
Mit Max diskutiert Anatol, was überhaupt Treue sei und wie man am besten die Frage stelle. Insgeheim fürchtet er sich jedoch vor der Frage. So sucht er immer wieder Ausflüchte, sie nicht stellen zu müssen. Endlich entschließt sich Anatol dazu, Max hinauszuschicken um seine Geliebte die alles entscheidende Frage selbst zu stellen. In letzter Konsequenz traut er sich dies jedoch nicht und weckt seine Cora auf. Diese stellt klar, nie mehr hypnotisiert werden zu wollen. Anatol hat die "Frage an das Schicksal" verpasst. Gerade diese Szene hat Arthur Schnitzler den Titel "Psychologischer Tiefenforscher" eingebracht. Sigmund Freud hat ihn so betitelt.
Passend zur Thematik hatte man am Maßbacher Theater einen witzigen Einfall: Katharina Förtsch alias Cora betrat die Bühne versteckt im Karton, aus dem nur ein riesiges Fernrohr aus Pappe hervorragte, mit dem sie das Publikum musterte. Wer war jetzt eigentlich die Beobachtete: Cora als "Black Box", die man psychologisch analysieren kann oder der Zuschauer, der durch das Fernrohr betrachtet wird?
In den weiteren Szenen zeigt sich, dass Anatol die Unterschicht verachtet, auch wenn er sich dort ab und an eine Liebschaft sucht. Er hangelt sich von einer Affäre zur anderen, wird von Ängsten getrieben und findet nie zur wahren Liebe. Ist Anatol in der ersten Szene noch der scheinbar alles Beherrschende, der seine Cora hypnotisiert, so zeigen sich hier Risse. Aus der Angst heraus, selbst betrogen worden zu sein, stellt er die für ihn alles entscheidende Frage nach der Treue nicht, sondern verharrt lieber in der Unwissenheit.
In der Szene "Abschiedssoupers" will er mit Annie (Veronika Conrady) Schluss machen. Als sie dies jedoch zuerst tut, ist er in seinem Stolz verletzt und gibt den Beleidigten.
Anatol, der selbst am Hochzeitsmorgen seine zukünftige Frau noch betrogen hat, ist nun der Geliebten völlig ausgeliefert, die seine Zukunftspläne sabotieren kann. Hilfe findet Anatol eigentlich nur in seinem Freund Max, der immer wieder Konflikte lösen muss.
Trotz allen Ernstes verstanden es die Schauspieler, in ihrer szenischen Lesung auch immer wieder für Schmunzeln im Publikum zu sorgen. Tragisch-komisch war die Figur des Anatol, der in seiner überheblichen Art bedauernswert war. Die Schauspieler setzten das Stück gut um, manche Ideen muteten surreal an, wie das Erscheinen mancher Damen im Karton.
Interessant war der tiefe psychologische Einblick in die Seele Anatols, was durch die unmittelbare Nähe des Publikums zu den Schauspielern im Kaminzimmer noch verstärkt wurde.


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