Da gerät Ute Flögel aus Bad Honnef ins Schwärmen: "Man kam hierher immer wie ein wenig nach Hause". Für sie ist die familiäre Atmosphäre, das was die Bildungs- und Begegnungstätte "Heiligenhof" auszeichnet. Ute Flögel war zum ersten Mal 1955 in Bad Kissingen. Und dann immer, immer wieder; bis heute. Mit dem Haus verbinde sie "viele schöne Erinnerungen".
Der "Heiligenhof" ist für die sportliche, weltgewandte Dame mehr als nur eine Herberge. Hier hat sie auch ihren Mann, Günter Reichert, kennen gelernt. Auch er hat zu m "Heiligenhof" eine ganz besondere Beziehung: 1954 absolvierte der damals 13-Jährige dort einen Lehrgang. Die Jugendlichen schliefen in Zelten und aßen im Freien. Nur wenn es regnete durften sie "in Schichten" in das große Wohnzimmer, um ihre Mahlzeiten einzunehmen.
Das ist lange vorbei. Heute ist der "Heiligenhof" eine moderne, aufgeschlossene Bildungsstätte mit Gästen von sieben bis 70 plus X und einem umfassenden, attraktiven Programm und modernen Einrichtungen.
Diese Entwicklung hat Günter Reichert über Jahrzehnte hautnah erlebt und mitgestaltet. Derzeit ist er als Vorstandsvorsitzender der 2007 gegründeten Stiftung SSBW (Sudetendeutsches Sozial- und Bildungswerk), die den "Heiligenhof" unterhält, quasi der Chef.
Der SSBW-Vorgänger, das Sudetendeutsche Sozialwerk (SSW), wurde am 5. Januar 1952 gegründet, also vor 60 Jahren. Am 20. März 1952 hat es die Immobilie gekauft und am 1. April übernommen. Dieses Jubiläum wird groß gefeiert. Es war auch der Anlass zur Herausgabe eine reich bebilderten 100-seitigen Broschüre, die Günter Reichert und "Heiligenfeld"-Geschäftsführer Steffen Hörtler jetzt der Öffentlichkeit vorgestellt haben. Reichert, ehemals Präsident der Bundeszentrale für Politische Bildung, sprach dabei von einer erstmals erfolgten "soliden Aufarbeitung" der Geschichte des "Heiligenhofs", der auch eine "hochrenommierte Übernachtungsstätte" sei.
Für ihn kennzeichnen drei Dinge die fast einzigartige Atmosphäre des "Heiligenhofs". Traditionell sei seine Küche "grün" mit viel Obst und Gemüse. Dazu komme die "Helle des Hauses" mitten in der Natur und noch die Weinstube...

Viele buchen gleich wieder


Der "Heiligenhof" hat aber noch viel mehr zu bieten, zählte Hörtler auf: modern ausgestattete Säle, gemütliche Gruppenräume und Bibliothek, Hochseilgarten, Kletterturm, Bogenschießanlage, Waldbühne, Zelt-, Grill- und Sportplätze.
Hier treffen sich unter einem Dach mehrere Generationen. Getrennte Speisesäle gewährleisten die friedliche Koexistenz von Älteren und Jüngeren. Schulklassen kommen ebenso in den "Heiligenhof", der den Status einer Jugendherberge hat, wie Auszubildende großer Handelsketten und Teilnehmer hochkarätiger Tagungen mit renommierten Referenten. Das Angebot für Weiterbildungen findet ebenfalls Anklang. Das Haus sei bei den Zielgruppen breit aufgestellt. Dazu gehören viele Stammgäste, die sich hier regelmäßig treffen. Viele buchten gleich für das nächste Jahr.
Am Anfang war das anders. Der "Heiligenhof" war zunächst eine sudetendeutsche Heimstadt. Schon damals stand die Bildungs- und Jugendarbeit im Vordergrund aller Bemühungen. Erich Kukuk (†) hat, unterstützt von seiner Ehefrau und Nachfolgerin Traudl, die Einrichtung geformt. Er baute sie zu einer Erwachsenenbildungsstätte mit sudetendeutschem Schwerpunkt aus, öffnete sie auch für andere Zielgruppen.
1989, nach der politischen Wende, wurde sie immer mehr zur Brücke zu Staaten des zerfallenen Ostblocks: Tschechische Republik, Polen, Ungarn, Rumänien und Bulgarien. Die Akademie Mitteleuropa mit Günter Reichert an der Spitze war und ist hierbei federführend getreu dem "Heiligenfeld"-Motto "Alles Leben ist Begegnung".
Einen weiteren Schub erlebt der "Heiligenhof" unter der Leitung von Steffen Hörtler, der seit 2003 der Hausherr ist. Er entwickelte sich auch zum Erlebnispädagogischen Zentrum mit Gästen aus Nah und Fern. Nicht nur das: Dank des neuen Mehrzweckraumes "haben wir im Musischen einen großen Zuwachs", sagte Steffen Hörtler. Die Zimmer seien fast immer vollständig ausgebucht.

Millionenteure Sanierung


Auf diesem Weg soll es weiter gehen. Ein Teil der Liegenschaft wurde längst auf Vordermann gebracht mit moderner Ausstattung und zeitgemäßen, komfortablen Zimmern. Dusche und WC auf dem Flur sind heute nur noch schwer vermittelbar.
Deshalb soll das Haupthaus - voraussichtlich ab Herbst 2014 - modernisiert werden und durch einen Anbau seine (optische) Rechtslastigkeit verlieren. Dazu muss die Straße ein Stück nach links verlegt werden. Die Stadt Bad Kissingen hat bereits ihre Zustimmung signalisiert, wenn die Mansarden erhalten blieben. Aber "das hätten wir sowieso gemacht", sagte Steffen Hörtler. Dringend sei die Sanierung der Elektro- und sanitären Einrichtungen, die zum Teil aus den 60-er Jahren stammen. Außerdem sollen alle Zimmer, auch die für vier oder sechs Gäste, eigene Nasszellen bekommen. Die Kosten werden auf 1,3 Millionen Euro geschätzt. Günter Reichert nannte das "eine große finanzielle Herausforderung".
Bei so vielen Aktivitäten geht nicht immer alles glatt: So geriet der "Heiligenhof" in die Schlagzeilen wegen der Verpflichtung rechtsnationaler Referenten. Die Bundeszentrale für Politische Bildung (BPB) stoppte die Zuschüsse. Heute sagt Günter Reichert dazu, man habe "nicht sorgfältig genug aufgepasst" bei der Referentenauswahl. Steffen Hörtler ergänzte, man sei "offen damit umgegangen, weil wir nichts zu verbergen haben".

Dauerärgernis Kurtaxe


Ihn drückt aber eine andere Sorge: Viele "Heiligenhof"-Gäste können die Bad Kissinger Anlagen nicht nutzen, sind aber kurtaxpflichtig. Das hat für viel Verdruss und zu einigen Absagen geführt. Steffen Hörtler nannte diese Regelung ein "ewiges Ärgernis - nach wie vor".

Präsident auf Abwegen


Zwei Bundespräsidenten weilten bislang auf dem "Heiligenhof". Karl Carstens kam 1980 auf seiner Deutschlandtour "freiwillig" vorbei, sein Vorgänger Heinrich Lübke aber eher nicht: Lübke und seine Frau Wilhelmine verliefen sich im Sommer 1964 in den Wäldern hinter dem "Heiligenhof". Ihre Begleiter machten sich auf die Suche. Dabei halfen Kinder aus einem Zeltlager nach einem ausgeklügelten System. Mit Erfolg: Im Triumphzug wurden das deutsche Staatsoberhaupt und die First Lady "heim geholt". So viel auch zum damaligen Personenschutz.
Geschichte: Als das damalige Landhaus 1952 erworben wurde, umfasste das Areal 3,26 Hektar. Heute sind es fast doppelt so viel. Flächen wurden gekauft oder angepachtet. Die Einrichtung wurde mehrfach um- und ausgebaut. Sie besteht aus Haupt- und Seminarhaus mit Multifunktionssaal, Gästetrakt, Wirtschaftsgebäuden und Personalhaus. Laut Günter Reichert wurden rund fünf Millionen Euro in die Immobilie investiert. Geschäftsführer waren Oswald "Ossi" Böse (bis 1957), Erich Kukuk (bis 1994), seine Ehefrau Traudl (bis 2000) und Gunter Kölbl (bis 2003).
Bedeutung: Der "Heiligenhof" ist auch ein funktionierendes Wirtschaftsunternehmen. Nach Angaben von Geschäftsführer Steffen Hörtler wurden in diesem Jahr rund 1,3 Millionen Euro Umsatz erwirtschaftet bei, wie in 2010, rund 33 000 Übernachtungen. 16 meist langjährige Mitarbeiter kümmern sich um die Gäste. Vor 60 Jahren gab es auf dem "Heiligenhof" 35 Stockbetten aus Beständen der US-Army, heute sind es 223 in Ein-, Doppel- und Mehrbettzimmern. Das soll auch so bleiben, wenn das Haupthaus 2014 vergrößert und umfassend saniert wird.
Feierstunde: Das Jubiläum des "Heiligenhofs" steht unter der Schirmherrschaft von Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU)- Der Festakt am Montag, 30. April, wird er aber nicht teilnehmen. Am Dienstag, 1. Mai, ist ein Tag der offenen Tür mit buntem Programm vorgesehen. Aus Anlass des "Geburtstages" wurde eine Broschüre erstellt, die sich ausführlich mit dem "Heiligenhof" und seiner Geschichte befasst. Auflage: 5000 Stück. Sie ist in der Bildungsstätte zu erwerben. Mehr Informationen unter 0971/ 71 47 0 oder unter www.heiligenhof.de. ed