Aschaffenburg
Justiz

Ein Zimmer, Bad und Gitterfenster: Wenn die Wohnung mit der Haft verschwindet

Freiheitsentzug ist nicht das einzige Problem, dem sich Häftlinge ausgesetzt sehen. Für manche kann der Haftantritt existenzielle Probleme mit sich bringen. Vor allem, wer keine Angehörigen hat, gerät in Bezug auf Wohnung und Habseligkeiten schnell in die Bredouille.
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Haustiere, Wohnungen und Co.: Wer ins Gefängnis kommt, muss sich um sein Leben vor und nach der Haft kümmern. Schwierig wird es für Menschen, die keine Angehörigen haben und damit keine Unterstützung bekommen. Ronald Rinklef
Haustiere, Wohnungen und Co.: Wer ins Gefängnis kommt, muss sich um sein Leben vor und nach der Haft kümmern. Schwierig wird es für Menschen, die keine Angehörigen haben und damit keine Unterstützung bekommen. Ronald Rinklef
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Sein Hund fehlt ihm am meisten. Dem Yorkshire Terrier war es egal, dass Hugo K. (Name von der Redaktion geändert) ein Alkoholproblem hat und er baute ihn auf, wenn der depressive Schub zu stark wurde. Dann kam der Schicksalstag im Februar 2018, an dem Hugo K. wegen Diebstahls verhaftet und in die Justizvollzugsanstalt Aschaffenburg gebracht wurde.
Dieser Einschnitt kam genauso plötzlich wie heftig über den 57-jährigen Unterfranken. In der Eile der Zeit hatte der Alleinlebende niemanden gefunden, der sich um seine Wohnung und seine Habe kümmern konnte. Nur mit Glück kam sein Hund bei einer Freundin untern. Noch bis Mai 2019 wird K. wohl einsitzen. Wie es danach weitergeht, weiß er nicht.
Hugo K. waren nach Haftantritt wahrlich die Hände gebunden. "Ohne den Sozialdienst der JVA wäre ich aufgeschmissen gewesen", erzählt er. Denn K. hat keine Angehörigen, was die Kommunikation mit der Außenwelt und besonders mit Behörden erschwert. Deshalb nahm ihn Sozialarbeiterin Birgitta Meidhof an die Hand. Doch auch ihre Möglichkeiten sind begrenzt. Teile der Wohnungseinrichtung musste K. verschenken oder zu Spottpreisen verkaufen.


Schulden nach Strafhaft

Das Problem: Die Verurteilten müssen teils hohe Gerichtskosten zahlen und der Verdienst im Gefängnis reicht nicht aus, um die Wohnung weiter zu mieten. Das zehrt an den Ersparnissen, so es welche gibt. Jobcenter zahlen Mietkosten nur für Menschen, die dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. Sozialämter übernehmen bei "besonderen sozialen Schwierigkeiten" zwar bis zu einem halben Jahr lang die Mietkosten. Wann eine persönliche Situation aber als schwierig gilt, liegt im Ermessen des Sozialamtes. "Der Haftantritt selbst zählt nur selten darunter", erklärt Meidhof.
Die Sozialdienste in den bayerischen Justizvollzugsanstalten kümmern sich notfalls um die Versorgung von Haustieren und räumen Schließfächer und Hotelzimmer. Ihre Zuständigkeit endet in der Regel mit der Haftentlassung. Für viele Strafgefangene beginnen die Probleme aber erst dann. In manchen Kommunen gibt es gemeinnützige Vereine, die sich den Straffälligen annehmen.Dort können die sich Postadressen einrichten, um mit Jobcentern und Krankenkassen zu kommunizieren.
Darüber hinaus bestellen die Gerichte in bestimmten Fällen Bewährungshelfer. Die unterstützen die Klienten im Alltag und kontrollieren, dass gerichtliche Auflagen eingehalten werden. Alleine im Freistaat waren Ende 2017 mehr als 23 000 Probanden einem Bewährungshelfer unterstellt. Dank denen gelinge es den Verurteilten besser, aus alten Mustern auszubrechen und einen Rückfall zu vermeiden, erklärt Bayerns Justizminister Winfried Bausback.


Häftlinge: Letztes Glied in Kette

Die Sozialpädagogin Sandra Thiele kann das dank ihrer Berufserfahrung bestätigen. Langfristig gesehen, schaffen zwei von drei Probanden den Weg zurück ins "normale" Leben. Aber: "Der Wohnungsmarkt trifft vor allem unsere Klienten sehr hart", sagt die Bewährungshelferin des Bamberger Landgerichts. "Ehemalige Häftlinge sind oft das letzte Glied in einer Kette von Menschen, die um bezahlbaren Wohnraum kämpfen." Zwar seien Kommunen gesetzlich verpflichtet, im Notfall eine Unterkunft zu stellen. Aber den Weg ins selbstständige Leben müssen die Ex-Häftlinge selbst schaffen.


"Von Alltag überfordert"

Problematisch sieht Thiele, dass viele ihre Klienten von einem geregelten Alltag schlicht überfordert sind. Häufig kommt eine Suchtproblematik hinzu. "Dabei ist der Arbeitsmarkt aktuell gut für unsere Leute", erzählt sie. Aber die Hochkonjunktur bringe vor allem wenig Qualifizierten Jobs im Niedriglohnsektor. "Wenn es keine bezahlbaren Wohnungen gibt, bringen ihnen diese Stellen nichts", sagt sie.
Nur die wenigsten ziehen von der JVA direkt in eigene Wohnung. Wer nicht für betreute Wohnformen in Frage kommt, landet oft und Bekannten - und damit nicht selten zurück im Milieu. 500 000 neue Wohnungen will Ministerpräsident Markus Söder bis 2025 schaffen. Wie dieser "Pakt für Wohnungsbau" einkommensschwache Menschen entlastet, wird sich zeigen.
Ob Hugo K. nach seiner Entlassung wieder eine schicke Wohnung finden wird, bleibt fraglich. Selbst wenn er Depressionen und Alkoholsucht in den Griff bekommt, braucht er wohl mehr als ein Quäntchen Glück, um nicht unter die Räder des Wohnungsmarktes zu geraten.


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