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Seßlach

Zwischen Konfi und Klopapier

Gottesdienste sind derzeit nicht möglich - doch viele Kirchen in der Stadt und im Landkreis Coburg zeigen sich kreativ und multimedial. Als Pfarrer Tobias Knötig in Heilgersdorf predigte, schauten 450 online zu.
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Gottesdienst vor leeren Bänken, aber mit vielen interessierten Followern auf YouTube: Heilgersdorfs Pfarrer Tobias Knötig blickte am Sonntag nicht in die Gesichter von Gläubigen, sondern in die Kamera. Lediglich zwei Techniker und Bürgermeister Maximilian Neeb waren noch in der Kirche. Foto: Bettina Knauth
Gottesdienst vor leeren Bänken, aber mit vielen interessierten Followern auf YouTube: Heilgersdorfs Pfarrer Tobias Knötig blickte am Sonntag nicht in die Gesichter von Gläubigen, sondern in die Kamera. Lediglich zwei Techniker und Bürgermeister Maximilian Neeb waren noch in der Kirche. Foto: Bettina Knauth

Predigen in einer fast leeren Kirche, das ist für viele Geistliche längst Realität. In Heilgersdorf fand am Sonntag erstmals ein Gottesdienst sogar vor völlig leeren Rängen statt. Und fand trotzdem mehr Zuschauer als jemals zuvor.

"Wir wagen es: Morgen Live-Gottesdienst aus der Heilgersdorfer Kirche!" - so lud Pfarrer Tobias Knötig via Facebook und WhatsApp zum Gottesdienst ein. Wie gewohnt um 9 Uhr, nur eben sollten die Menschen wegen der Ausgangsbeschränkung nicht in die Kirche kommen, sondern im Internet auf YouTube gehen. "Alle sind herzlich eingeladen zuhause mitzufeiern", so Knötigs Appell - inklusive des Hinweises: "Vergesst Euer Gesangbuch nicht!"

Technischer Aufwand

Statt in die Gesichter der Gläubigen starrte Pfarrer Knötig am Sonntag in die Kamera. Rund 40 Stunden, so schätzt IT-Experte Torsten Schmidt (Bischwind), habe er gebraucht, bis die Technik für die Übertragung stand. "Erschwerend kam hinzu, dass wir derzeit keine Technik-Lieferungen mehr erhalten", so Schmidt. Unterstützt von seiner Ehefrau Michaela und Tochter Jeannette, die derzeit bei ihm eine Ausbildung absolviert, habe er deshalb "Vorhandenes so optimiert, dass es läuft".

Der Link auf der Homepage der Gemeinde (www.evangelische-kirchengemeinde-heilgersdorf.de) führte die Gläubigen mitten in die Übertragung auf Youtube. "Vielleicht haben Sie sich gefragt, warum macht der Pfarrer Knötig das?", begann der Geistliche. Es gebe doch genügend "Hochglanzformate", die Gottesdienste aus Bayern und ganz Deutschland in die heimischen Wohnzimmer übertragen. Zwei Gedanken hätten bei ihm eine Rolle gespielt: Einmal, dass er mit dem Gottesdienst-Verbot einen Kern seines Dienstes nicht mehr ausüben dürfe. "Ich wollte nichts unversucht lassen, um das auf anderen Wegen wieder möglich zu machen!" Außerdem wolle er mit "einem Gottesdienst, wie wir ihn auf dem Dorf jeden Sonntag feiern" ein wenig Gewöhntes in diesen besonderen Alltag bringen. Eine "kleine Freude mitten im Leid" am Sonntag Laetare ("Freuet Euch!"), das passe zur Fastenzeit ebenso wie zur aktuellen Situation.

"Die Angst vor Ansteckung lähmt uns", sagte der Pfarrer, "sie lässt den Weg zur Arbeit oder zum Einkaufen zur Mutprobe werden." Alle lebten in Angst um die Mitmenschen und Familien, fühlten sich einschränkt und unfrei, gebunden an Häuser und Wohnungen und "getrennt von jenen, die wir lieben". "Wir sind aus unserem Alltag geworfen", stellte der Theologe fest.

Der Predigttext (Jesaja 66, 10-14) passe zur momentanen Situation, denn Christen würden immer vom Ende her denken. Knötig: "Doch am Ende wartet nicht der Tod, sondern Liebe, Friede und Leben." So wie Ostern eigentlich ein Neubeginn sei, werde auch die Zeit der Angst nicht endlos sein, blickte der Pfarrer nach vorn: "Wir werden uns wieder treffen, unsere tollen Feste feiern, die Konfirmation noch schöner nachholen, Regale voller Klopapier finden, endlich wieder normal arbeiten - wer hätte je gedacht, dass wir das vermissen würden? - und überall hingehen können ohne Angst."

Ungewohnt war freilich die fehlende Resonanz aus dem Kirchenraum: kein Amen, kein Gesang, kein mitgesprochener Psalmtext kam von der virtuellen Gemeinde. Und so freute sich Knötig, neben der Familie Schmidt wenigstens einen Besucher begrüßen zu können: Seßlachs Bürgermeister Maximilian Neeb (FW) richtete ebenfalls das Wort an die Gemeinde.Er sprach von einer "Bewährungsprobe", nun, da das gesamte gesellschaftliche Leben heruntergefahren sei. "Wir können uns nun nur gemeinsam aus der Situation heraus kämpfen", so Neeb. Grundwerte wie Solidarität und Nächstenliebe seien jetzt mehr gefragt als je zuvor. Trotz des Abstands rückten die Menschen, rücke die Kommune jetzt näher zusammen, etwa durch die von der Stadt eingerichtete Notfallbörse.

Auch die Orgel erklang

Auf Musik mussten die Zuschauer nicht verzichten: Wie gewohnt spielte Carolin Bock die Orgel. Auch ihre Kollegen kündigten an, für diese neue Form des Gottesdienstes wie sonst auch Dienst tun zu wollen. Bis auf einen kleinen Moment beim Übergang vom Theologen zum Bürgermeister, als beide die Kopfhörer wechselten und das Signal wegblieb, klappte die Übertragung tadellos. "Nur die Orgel kam nicht so gut rüber, daran müssen wir noch arbeiten", meinte Michaela Schmidt. Kein Problem, meinte der Pfarrer, "schließlich ist das ein Dorf-Gottesdienst". Immer mehr Menschen schalteten sich ein und verfolgten den Gottesdienst. Bis zu 450 Follower zählte die Familie Schmidt. "Wenn so viele zuschauen, ist das schon eine sehr professionelle Geschichte", meinte Neeb.

Eine Wiederholung scheint gesichert, denn die Zugeschalteten gaben allesamt ein positives Feedback; "Das war eine super Idee. Ich würde mich freuen, wenn es nächste Woche wieder klappen würde", schrieb Alexander Klehr (Seßlach). Aus dem katholischen Neundorf kamen über den Live Ticker ebenso begeisterte Reaktionen wie aus Thüringen oder auch aus Neuburg an der Donau, wo Knötig sein Vikariat absolvierte). "Es ist schön, dass wir so einen aufgeschlossenen Pfarrer haben und als Vorreiter ein Zeichen setzen", kommentierte Michael Beetz (Seßlach).

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