Memmelsdorf

Zur Geburt nach Memmelsdorf

Nach über 20 Jahren endete 2017 eine Ära: Das Bamberger Geburtshaus wurde geschlossen. Bald können Schwangere wieder direkt im Landkreis eine Alternative zum Kreißsaal wählen.
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Theresa Paule (v. l.), Stefanie Heymann und Veronica Walther haben einiges für das Geburtshaus in Memmelsdorf zu besprechen.  Foto: Sarah Seewald
Theresa Paule (v. l.), Stefanie Heymann und Veronica Walther haben einiges für das Geburtshaus in Memmelsdorf zu besprechen. Foto: Sarah Seewald

Jetzt mal ehrlich, glauben Sie an Wunder? Diese drei Frauen in jedem Fall. Berufsbedingt werden sie immer wieder überzeugt, dass es sie gibt - die wundervollen Augenblicke im oder besser gesagt ganz am Anfang des Lebens. Veronica Walther, Theresa Paule und Stefanie Heymann sind Hebammen. "Wir bieten werdenden Eltern ein Rundum-sorglos-Paket", sagt Walther. Und dennoch: "Es fehlt etwas." Ein entscheidendes Detail. Schwangerschaftsvorsorge, Wochenbett- und Stillbegleitung, Rückbildung ... Jedoch das Ereignis, das die ganz großen Emotionen ihres Berufes bereithält, darauf müssen die drei Frauen seit Herbst 2017 verzichten: die Geburt. Sie wollen es aber nicht - so angenehm die Nächte mit einem Handy im Flugzeugmodus auch sein können. "Es fehlt einfach das Wunder an sich", sagt Heymann. "Die Hormone fehlen", ergänzt Paule.

Ersatz in Gaustadt

Nach dem Ende des Bamberger Geburtshauses in der Praxis von Gynäkologe Michael Fröhlcke mussten die Hebammen hinnehmen, dass nicht nahtlos an den "Betrieb" angeknüpft werden konnte. Paule, Heymann und Walther schlossen sich beruflich zusammen und eröffneten eine Hebammenpraxis in Gaustadt.

Nach und nach wurden die Pläne für das Gesundheits- und Dienstleistungszentrum in Memmelsdorf konkreter und die Chance von den drei Frauen ergriffen. Jetzt sind die Hebammen auch Unternehmerinnen, haben einen Businessplan ausgearbeitet und dürfen besondere Inneneinrichtung wie Geburtshocker, Badewannen oder Wickeltische auswählen. Ab Herbst dieses Jahres führen sie als Dreiergespann das neue Geburtshaus - dann im Landkreis, in Memmelsdorf.

1993 hatte Gynäkologe Michael Fröhlcke das Bamberger Geburtshaus in seiner Praxis eröffnet und die Geburten als Arzt begleitet. "Eine Rarität unter den Geburtshäusern", erklärt Fröhlcke. In den meisten Geburtshäusern in Deutschland ist keine ärztliche Begleitung vorgesehen. Im Vordergrund eines Geburtshauses steht die Eins-zu-eins-Betreuung der Hebamme während des gesamten Geburtsverlaufes - sowie bereits davor und danach.

Immer wieder in der Kritik

Der Verein "Netzwerk der Geburtshäuser" listet online 129 Geburtshäuser deutschlandweit auf. 2017 wurden laut der Gesellschaft für Qualität in der außerklinischen Geburtshilfe 10 776 Kinder abseits eines Kreißsaales geboren. Das Statistische Bundesamt zählt 2017 insgesamt 787 884 geborene Kinder in Deutschland - 777 820 davon im Krankenhaus. Außerklinische Geburten stehen aufgrund der reduzierten (technisch) medizinischen Möglichkeiten immer wieder in der Kritik.

Für Fröhlcke hat sich nach all den Jahren folgende Erkenntnis verfestigt: "Geburt ist etwas Gesundes." In einer Klinik, so der Gynäkologe, werde der "höchst individuelle und intime Vorgang einer Geburt zwangsläufig gestört". Beispielsweise durch einen Schichtwechsel der Ärzte oder Hebammen, schlichtweg also durch die Rahmenbedingungen. "Jede Geburt ist ein höchst individueller, intimer Prozess", sagt Fröhlcke.

Veronica Walter ist davon überzeugt, dass eine Entscheidung des Geburtsortes schon die besonderen neun Monate davor beeinflussen kann: "Je sicherer sich jede Frau fühlt, desto entspannter ist sie schwanger." Für die eine Frau ist dieser sichere Rahmen ein Kreißsaal, für andere eben ein Geburtshaus oder auch die eigenen vier Wände. "Es gibt nicht den einen perfekten Geburtsort", sagt Walther. Wichtig sei vor allem, dass jede Frau eine Wahlmöglichkeit hat.

Parkplatz für Notfälle

Anders als in Bamberg müssen werdende Mütter künftig nicht mehr während der Schwangerschaft den Frauenarzt wechseln, um im Geburtshaus gebären zu dürfen. Auch die Parkplatzsuche bleibt werdenden Eltern erspart. Am Gesundheitszentrum wird es einen "Notfallgeburtshausparkplatz" geben - um kleine Unterschiede aufzuführen. Zusätzlich zu den drei Initiatorinnen werden noch weitere Hebammen das Team ergänzen.

Unterstützung erfahren die drei Unternehmerinnen von Gerd Schneider (SPD), Memmelsdorfs Bürgermeister: "Kinder sind unsere Zukunft und jede Geburt ist ein wunderbares Ereignis." Abgesehen davon bewertet er den Standort auch für die Wohngemeinde als Imagegewinn. So werde jungen Familien im Landkreis ein weiterer Grund gegeben, "sich in Memmelsdorf als Zukunftsgemeinde fest zu verwurzeln und eine neue Heimat zu finden", sagt er.

Zwischen 100 und 120 Geburten pro Jahr wurden circa in Bamberg am Heinrich-Weber-Platz betreut. Ähnlich erwarten das die Hebammen nach und nach auch in Memmelsdorf. In ein paar Monaten wird sich das Berufsbild von Heymann, Paule und Walther wieder um die Komponente "Wunder erleben" vervollständigen - und einige Geburtsurkunden um die Ortsangabe "Memmelsdorf".

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