Bad Brückenau

Zum Schluss ein Haydn

Johannes Moesus verabschiedete sich mit dem Sommerkonzert von Bad Brückenau.
Artikel drucken Artikel einbetten
Nach Mozarts Klarinettenkonzert: Sabine Meyer und Johannes Moesus Foto: Gerhild Ahnert
Nach Mozarts Klarinettenkonzert: Sabine Meyer und Johannes Moesus Foto: Gerhild Ahnert

91 Mal stand er am Pult des Bayerischen Kammerorchesters Bad Brückenau, 30 Mal davon im König-Ludwig-I.-Saal. 14 Rundfunk-Mitschnitte und eine TV-Aufzeichnung hat er geleitet: Jetzt hat sich Johannes Moesus beim Sommer- und Jubiläumskonzert nach sieben Jahren als Chefdirigent vom Orchester und dem Publikum verabschiedet. Und das mit einem Programm aus Klassik und klassischer Moderne, mit dem er noch einmal die stilistische Bandbreite des Orchesters zum Stichtag 20. Juli 2019 dokumentieren konnte. Und da mit dem Konzert auch der 40. Geburtstag des Kammerorchesters gefeiert wurde, hatte man sich bei der Verpflichtung einer Solistin nicht lumpen lassen: Sabine Meyer spielte Mozarts Klarinettenkonzert.

Aber erst gab's die Sinfonie C-dur op. 37/1 des lange verkannten Haydn-Zeitgenossen Luigi Boccherini. Sie war nicht nur deshalb gut gewählt, weil man mit ihr beste Werbung für den seinerzeit höchst originellen, aber in Spanien langsam versauernden Komponisten aus dem italienischen Lucca machen konnte. Sondern weil Johannes Moesus damit auch die BKO-typische Spielweise demonstrieren konnte: sehr klar in der Artikulation, frisch und zupackend in den Tempi, ohne jemals den Eindruck des Gehetzten zu erwecken, pfiffig in den Dialogen der Stimmen. Und besonders schön war natürlich, dass Boccherini viele kleine solistische Ausrufezeichen gesetzt hatte, die den Eindruck einer echten Gute-Laune-Musik noch verstärkten.

Da kann man nur falsch raten

Ja, und dann einer von "Mozart's Greatest Hits", sein Klarinettenkonzert A-dur KV 622. Man ließ sich sofort hineinziehen in diese Klänge, und man begann zu grübeln. Wie oft hat wohl Sabine Meyer dieses Konzert in ihrer über 30-jährigen Solistenkarriere schon gespielt. Man scheut sich, sich eine Zahl vorzustellen, denn entweder liegt man krachend zu tief oder peinlich zu hoch: 1000 Mal bestimmt noch nicht, obwohl es auch keine Überraschung wäre, wenn es tatsächlich so wäre. Denn das A-dur-Konzert ist eines der absoluten Lieblinge der Veranstalter und des Publikums. Natürlich gibt es eine ganze Menge an Klarinettenliteratur, aber welche Namen tauchen denn wirklich in den Programmen auf? Für die Gegenwart Heinz Holliger, aber ansonsten sind es ein bisschen Johann und Carl Stamitz, öfter mal Carl Maria von Weber, aber mit großem Abstand am häufigsten Wolfgang Amadeus Mozart.

Nehmen wir 500 Mal - nur als Arbeitshypothese, denn die Zahl ist auch falsch. Da ist es höchst erstaunlich, dass ihre Interpretation nicht im Geringsten abgespielt, sondern trotzdem spontan und persönlich wirkt. Sabine Meyer hat für das Konzert eine Form der reproduzierbaren Perfektion gefunden. Sie hat es geschafft, Emotionen darzustellen, ohne sich jedes Mal wieder in die Musik hineinbegeben zu müssen. Bei ihr merkt man nicht, mit welchem Bein sie am Morgen aufgestanden ist, und trotzdem berührt ihre Musik. Sie schafft es mit ihrem phänomenalen Ansatz und Ton, überzeugende Emotionen darzustellen, ohne sie sich zu eigen machen zu müssen. Diese Distanz hat natürlich etwas von Selbstschutz, aber sie hält ihr auch den Rücken frei für eine intensive Zusammenarbeit mit dem Dirigenten und dem Orchester, die zu einer absoluten Übereinstimmung führte.

Viel schöner mit Bassettklarinette

Natürlich war es auch schön, dass Sabine Meyer nicht die übliche, entschärfte Fassung für Klarinette, sondern die Originalfassung für die tiefer hinunterreichende und dadurch technisch auch anspruchsvollere Bassettklarinette spielte, die den Gesamtklang erheblich wärmer macht, zumal auch das Orchester tiefer gesetzt ist. Es war ein großes Vergnügen, die Solistin durch die beiden ziemlich fetzigen Ecksätze tanzen zu sehen, ihre hochvirtuosen, pointierten Läufe auf den Klappen zu verfolgen, ihre abrupten Registerwechsel überhaupt erst einmal nachvollziehen zu wollen. Aber der emotionale Mittelpunkt war natürlich das Adagio mit einem wunderbaren und ansatzlosen Legato und warmen Klangfärbungen, wo plötzlich der ganz ernsthafte Mozart durchkam. Da traf es sich gut, dass die Brückenauer genauso leise und intensiv spielen können wie Sabine Meyer.

Als Zugabe musizierte sie mit Hannah Weirich und Emanuel Wiesler (Violine), Dietmar Flosdorf (Viola) und Klaus Kämper (Violoncello) einen Ausschnitt aus dem Menuett des Klarinettenquintetts von - natürlich - Mozart.

Näher an die Gegenwart - eine Uraufführung ersparte sich Johannes Moesus dieses Mal - rückte die Musik zunächst mit Béla Bartóks "Drei Tänzen aus Siebenbürgen" in der Fassung für Streichorchester. Da merkte man, wie schön diese stilisierte Volksmusik aus Osteuropa sein kann, wenn man ihr vorbehaltlos die Kraft lässt, die ihr innewohnt. Es waren, auch im Leisen, kräftige Klangfarben und komplizierte, aber ansteckende Rhythmen, die die drei kurzen Sätze so begeisternd machten. Danach, als absoluter Kontrast, Max Regers "Lyrisches Andante", auch "Liebestraum" genannt, ein Stück der eher leisen, innigen Töne und des schmelzenden Legato, das trotz dieser schwierigen Struktur absolut präzise und dynamisch feinfühlig musiziert war.

Oft im Mittelpunkt der Konzerte

Und dann noch einmal zurück zu Joseph Haydn, der in den letzten Jahren oft im Mittelpunkt der Konzerte gestanden hatte, und seiner G-dur-Sinfonie Nr. 92, der "Oxford-Sinfonie". Sie ist spieltechnisch eine seiner schwierigsten, weil sie nicht nur sehr virtuos, sondern auch sehr dicht gesetzt ist. Da waren alle noch einmal in ihrem BKO-typischen Element. Da wurden die kreativen Spannungen dieser Musik wunderbar herausgearbeitet, und das keineswegs nur über die Lautstärke, da wurden wunderschöne Dialoge zwischen den Stimmen geführt, da blieben auch in den starken Verdichtungen die Strukturen immer nachvollziehbar. Da wurden die emotionalen und intellektuellen Erwartungen gleichermaßen bestens bedient. Dass Johannes Moesus die Urfassung der Sinfonie ohne Pauken und Trompeten gewählt hatte, war nicht nur aus Kostengründen verständlich: Das Orchester spielte dank seiner durchsetzungsfähigen Bassgruppe derart rhythmisch betont und insgesamt so prächtig, dass man diese späteren Zugaben nicht einen Takt lang vermisste.

Der Applaus für das Orchester, aber vor allem für Johannes Moesus war lang und emotional. Aber dann kam noch einmal der typische Satz: "Sie haben Glück: Wir haben eine Zugabe vorbereitet. Zum 40. Geburtstag dieses Mal eine etwas längere." Es war Mozarts Sinfonie Nr. 7 KV 46. Aber das mit der Länge entpuppte sich als harmlos: Für das 12-jährige Wolferl waren Sinfonien damals auch nicht länger als normale Hausaufgaben. Das war's dann.

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren