Bamberg

"Zu schaffen, wenn man möchte"

Miteinander ist wichtig in der Schule, im Beruf und im Sport. Wie die Gesellschaft in allen Bereichen inklusiv zusammenwachsen kann, erklärt Erika Fischer von der Universität Bamberg im Interview.
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Mit dem Inklusions-Projekt ginaS bringt der Förderkreis goolkids Menschen mit ohne und Handicap ins Fitnessstudio.  Foto: goolkids.de/cmoser-fotografie
Mit dem Inklusions-Projekt ginaS bringt der Förderkreis goolkids Menschen mit ohne und Handicap ins Fitnessstudio. Foto: goolkids.de/cmoser-fotografie
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Teilhabe aller sollte mehr sein, als nur ein Schlagwort. Wie sie gelingen kann und was dafür nötig ist, erklärt Erika Fischer vom Referat Inklusion der Uni Bamberg im Interview.

Hier ein paar Erfolgsgeschichten, dort viele Problemfälle: Ist Inklusion zu schaffen?

Erika Fischer: Inklusion ist dann zu schaffen, wenn man es einerseits schaffen möchte und andererseits, wenn man weiß, was man dafür tun kann.

Wie?

Grundgedanke für eine erfolgreiche Inklusion ist die Einstellung, dass die Vielfalt der Menschen normal ist. Mit dieser grundlegenden Vorstellung sind aber die wenigsten großgeworden. Wir sind alle von Anfang an mit Separation, Klassifikation und Normierung aufgewachsen. Es ist ein Grundprinzip der Wahrnehmung und des assoziativen Lernens bestimmte Merkmale zuzuordnen und diese in Gruppen einzuteilen. Es ist ein Überlebensmuster bereits für Säuglinge, Unterschiede zwischen den verschiedenen Bezugspersonen zu erkennen und zu unterscheiden. Diese Differenz wird automatisch mit verschiedenen Erwartungen und Bewertungen von Menschen verknüpft.

Was macht das mit uns?

Im weiteren Leben lernen Kinder andere Klassifikationen kennen. In ihrer sprachlichen Entwicklung erfahren sie, dass hinter jedem Wort, dass sie lernen, zahlreiche begriffliche Abgrenzungen und Übereinstimmungen stehen. Welche Nahrungsmittel gehören zur Gruppe Gemüse oder Obst. Dieses Dazu- bzw. Nichtdazugehören erfahren sie später am eigenen Leibe. Aufgrund der erbrachten Bewertungen gehören sie zur Gruppe der Gymnasiasten oder der Realschülerinnen und -schüler. Sie erleben eine Normierung, Klassifikation und Separation, die gesellschaftliche Bewertungen implizieren.

Welche Probleme sehen Sie?

Wenn diese neutralen Zugehörigkeiten mit Bewertungen verbunden werden, entsteht die Gefahr einer Höherstellung und somit auch das Bedürfnis, zu der besseren Kategorie zu gehören. Die Basis der Diskriminierung ist dadurch gelegt. Empfinden wir die Vielfalt der Menschen, unabhängig der religiösen, soziokulturellen, ethnischen Herkunft, unabhängig der verschiedenen Orientierungen als normal, dann ist das Prinzip der Gleichwertigkeit gegeben.

Inklusion sollte in allen Gesellschaftsbereichen funktionieren - Sport, Schule, Arbeit. Wo geht's voran, wo hapert es noch?

Inklusion ist sowohl in der Vielfalt der betroffenen Menschen als auch in der jeweiligen gesellschaftlichen Rahmung sehr komplex. Auch wenn man sich nur auf den inklusiven Teilaspekt Behinderung fokussiert, spricht man in Deutschland von 10,8 Millionen Menschen, die individuelle Bedürfnisse und Lebensmodelle haben. 20 Prozent dieser Menschen sind zwischen 18 und 44 Jahren. Von diesen sind 18 Prozent ohne Schulabschluss.

Was heißt das für die Betroffenen?

Die im schulischen Bildungsbereich hinkenden inklusiven Maßnahmen wirken sich besonders auf die leistungsorientierte Berufswelt aus. Menschen, die keine volle, wirksame und gleichberechtigte Teilhabe an der beruflichen Welt haben, benötigen besonders barrierefreie Freizeitgestaltung. Soziale Kontaktaufnahme, Möglichkeit eines Gefühls einer Gleichwertigkeit können sportliche Aktivitäten mit Nichtbehinderten ermöglichen.

Was müsste sich ändern, um den Weg für das Gelingen der Inklusion zu ebnen?

Hierfür müsste die Kontaktaufnahme zu Menschen mit einer Behinderung zur Normalität werden. Es soll weiterhin besondere spezielle Sport-Vereine, Wettkämpfe für diese Menschen geben. Doch eine Öffnung der wohnortnahen Vereine ermöglicht eine ungezwungene Begegnung mit den Sportlern aus der Nachbarschaft. Dafür müssten die Barrieren in den Köpfen und in den Geldbeuteln gelüftet werden. Eine kostenneutrale Inklusion geht auf Kosten der Menschen mit Behinderung.

Die Fragen stellte

Stephan Großmann

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