Kulmbach

Zu Höchstleistungen aufgelaufen

Bei der zwölften Moonlight-Serenade spornten sich die "Old Beertown Jazzband" und "Micha Winkler's Hot Jazzband" gegenseitig an. Die Besucher erlebten drei Stunden echtes Jazz-Feeling.
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Kulmbach und Dresden auf der Bühne vereint: Zu später Stunde kam es doch noch zu einer gemeinsamen Jazz-Session der "Old Beertown Jazzband" und von "Micha Winkler's Hot Jazzband". Fotos: Horst Wunner
Kulmbach und Dresden auf der Bühne vereint: Zu später Stunde kam es doch noch zu einer gemeinsamen Jazz-Session der "Old Beertown Jazzband" und von "Micha Winkler's Hot Jazzband". Fotos: Horst Wunner
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Der Abend bricht an, das Thermometer zeigt immer noch 33 Grad. Die Hitze lähmt. Vielleicht wo anders, aber nicht im "Mönchshof", wo die Reihen dicht besetzt sind und die vorne auf der Bühne die Temperatur und ebenso das euphorische Publikum noch aufpushen. Zur zwölften Moonlight-Serenade kann selbst tropische Hitze die Interpreten nicht bremsen. Vielmehr erweisen sich die "Old Beertown Jazzband" und ihre Freunde aus dem Osten, "Micha Winkler's Hot Jazzband", als wärmeresistent.

Sie spornen sich zu Höchstleistungen an, machen das Open-Air vor einer großartigen Industriekultur in rot leuchtendem Backstein zu drei Stunden echtem Jazz-Feeling, gefüllt mit Präzision, enormem Rhythmusgefühl und bläserischer Spitzenqualität. Swing-Old-Time-Jazz und Stomp feiern Auferstehung wie Phönix aus der Asche. Solche Attribute müssen sein, denn beide Gruppen, im Genre und musikalischen Ausdruck verschieden, stemmen all das, was man von einem Jazz-Konzert erwartet. Die Besucher, sowieso schon schweißnass, gehen voll mit, nicht mehr zählbarer Zwischenbeifall drückt ihre Zuneigung aus.

Solistenreichtum entfaltet

Fulminanter Einstieg der Kulmbacher mit "Bill Bailey", mitreißend, wuchtig und infernal, die Blues-Ballade "Black and blue" mit träumerischen Sequenzen. Solides Handwerk verbindet sich mit Solistenreichtum, die Töne steigen entlang der Mauern gen Himmel.

Conny Fischer am Bass ewig jung und fit, auch ausgestattet mit leicht rauchiger Stimme, Bandleader und nonchalanter Unterhalter in Fränkisch, gibt die Richtung vor für seine in Jazz-Herzblut pulsierenden Musiker: Daniel Hoffmann (Trompete), Wolfgang Schrepfer (Saxofon), Jürgen Punzet (Posaune), Josef Roth (Klarinette), Wolfgang Diehm (Gitarre), "Pit" Brendel am Schlagzeug und Silke Krause am Klavier, das sie in spielerischer Leichtigkeit beherrscht, sind kongeniale Partner. Wenn die "Old Beertown Jazzband" in die Saiten greift, das Mundstück ansetzt, ist ein eingespieltes, sich blind verstehendes, in vielen Sessions gereiftes Ensemble zu hören. Mit einem exzellenten Daniel Hoffmann, der Grenzen sprengt und Trompetenstöße bis zum Exzess ausreizt und hochschraubt, eine "Kopie" von Louis Armstrong.

Eine Big-Band-Version

Der "St. Louis Blues" ist die Antwort, toll arrangiert von einem früheren Kollegen aus Dresden, vibrierendes Zucken der Körper unterhalb der Bühne. Weitere Kostproben: Der Biertown-Klassiker "Dinah" und "Baby won't you please come home", eine Hommage an den Glauben der Rückkehr, gefühlvoll und emotional, instrumental perfekt.

Ein kleines Bonbon, das ein Großes wurde, hat Conny auch versprochen: eine Big-Band-Version, zu der mit Julian Heinz (Posaune) aus Stadtsteinach, dem Bundesieger von "Jugend musiziert", Hermann Weiß (Bassposaune), Volker Pöhlmann und Markus Meisel (Trompete) sowie Claudia Goller (Bassbariton) noch lokale Matadoren gehörten. Zusammen mit den zwei Jazz-Gruppen ergab dies eine wunderschöne Mischung aus aufstrebender Jugend und Jazz-Establishment bei "Swinging' the blues".

Über jeden Zweifel erhaben sind die studierten Profis aus Dresden - gestählter Sound und Improvisationslust pur. Da setzt der Klarinettist Friedemann Seidlitz zu einem Stakkato ohne Atemholen an, Micha Winklers Posaunentöne landen fast im All, Roger Goldberg schrammt den Bass gefühlvoll wie einen Freund, Schlagzeuger André Schubert erzeugt einen Wirbelsturm, der alles wegfegt, die "Hot Jazzband" tanzt auf der Rasierklinge, ohne abzustürzen. New Orleans und der Mississippi sind ganz nah. "Do you know, what it means, to miss New Orleans" hätte nicht besser ausgedrückt werden können, im Verlorensein und Wiederfinden, ein Stück nahe der Ewigkeit, eben Jazz-Philosophie. Und "I can't give you anything, but love" verrückt furios, "Route 66" explosiv und voller Solis, genial. Genau so wie die Sprüche des sächsischen Entertainers Micha.

Abschied im prasselnden Applaus

Schließlich zu später Stunde, aller Hitze zum Trotz, kommt die vielfach gewünschte Session: Kulmbach und Dresden auf der Bühne vereint, musikalische Power und Freundschaft, Abschied im prasselnden Applaus.

Ob sie wiederkommen im nächsten Jahr? Helga Metzel, Geschäftsführerin der Museen im Kulmbacher "Mönchshof", will das unbedingt: "Diese Veranstaltung in dieser einmaligen Umgebung hat bereits Kultstatus und eine Menge Fans."

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