Neustadt bei Coburg

Zeitgeist schlug Denkmalschutz

Schon der Neubau des Rathauses 1969 löste aufgrund seiner modernen Bauweise jede Menge Diskussionen unter der Bevölkerung aus. Die Baukosten von damals 5,4 Millionen Mark wurden sogar beim Faschingstreiben aufgegriffen.
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Ausschachtungsarbeiten für den Rathausneubau (17. März bis 21. Mai 1969)
Ausschachtungsarbeiten für den Rathausneubau (17. März bis 21. Mai 1969)
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Die Generalsanierung des Rathauses ist ein Projekt, das schon seit geraumer Zeit im Mittelpunkt des Stadtgeschehens steht. Mit Hochdruck laufen die Arbeiten, die sich voraussichtlich noch bis Anfang 2020 hinziehen werden. Wer über den Markt schlendert, kann sich quasi live ein Bild vom Stand und vom Umfang der laufenden Arbeiten machen.

Nachdem bereits die Rückbaumaßnahmen (Beseitigung der überalterten Bauteile im Bereich der Außenhülle und im Innenbereich des Rathauses) im vergangenen Jahr abgeschlossen wurden, konzentrieren sich seitdem die Arbeiten auf den Innenausbau. Außerdem wurde bereits mit der Betonsanierung in der Tiefgarage begonnen.

Auch vor 50 Jahren, im Jahr 1969, war das Rathaus das beherrschende Thema in Neustadt, stand doch der Neubau des heutigen Rathauses an. Bevor mit den ersten Bauarbeiten begonnen werden konnte, musste der an gleicher Stelle stehende alte Rathauskomplex bis auf ein Eckgebäude abgerissen werden. Damit wurde am 10. Februar 1969 begonnen. Nachdem die zum Rathaus gehörenden Häuser entlang der Georg-Langbein-Straße, die dazu gehörigen hinteren Gebäudeteile sowie auch das von der evangelischen Kirchenstiftung erworbene Pfarrhaus im Pfarrgarten beseitigt waren, begannen ab dem 26. Februar 1969 die Erdarbeiten und ab dem 17. März 1969 die Ausschachtung für das neue Rathausgebäude. Die letzte Stadtratssitzung im "historischen Sitzungssaal" fand am 23. Januar 1969 statt. Sie wurde vom damaligen Oberbürgermeister Ernst Bergmann geleitet.

Der Rathaus-Gebäudeteil mit dem Sitzungssaal musste ebenfalls abgerissen werden, wurde doch auch diese Fläche für das neue Rathaus benötigt. Im eigentlichen "alten Rathaus" an der Ecke Georg-Langbein-Straße/Heubischer Straße, das bis zur Fertigstellung des neuen Rathauses stehenbleiben konnte, verblieben die damalige Stadtpolizei (nur die Kriminalpolizei wurde in die alte Speisehalle der Volksschule Heubischer Straße verlegt), das Haupt- und Personalamt sowie das Dienstzimmer des seinerzeitigen Oberbürgermeisters Ernst Bergmann.

Vorausgegangen war ein Bauwettbewerb, der am 31. Dezember 1967 ausgeschrieben wurde. Aus den bis zum 30. April 1968 abgegebenen 108 Wettbewerbsarbeiten wurde bei der am 7. und 8. Juni 1968 stattgefundenen Preisgerichtssitzung dem Entwurf der Architektengemeinschaft Walter Ehm und Otto Leitner aus Unterpfaffenhofen der erste Preis zuerkannt. Dem Preisgericht gehörten als Fachpreisrichter Stadtbaurat a. D. Schmidt aus Augsburg (Vorsitzenden), Professor Angerer (München), Oberregierungsbaudirektor Bachmann (Bayreuth), Stadtbaurat Professor Hillebrecht (Hannover), Architekt Schlegtendal (Nürnberg), Professor Wiedemann (München) sowie als Sachpreisrichter Oberbürgermeister Ernst Bergmann und Stadträte Hermann Förster, Albert Koch, Erich Müller und Alfred Pittler an.

Bereits am 4. Juli 1968 wurde der Preisträger mit der Planung des neuen Rathauses beauftragt. Auch das von den Architekten vorgeschlagene Raumprogramm wurde am 19. September 1968 vom Stadtrat gebilligt.

Zeitgeist besiegt Denkmalschutz

Das Rathaus wurde somit als Stahlbetonskelettbau in Sichtbetonbauweise konstruiert. Diese Bauweise galt damals als "unübertrefflich". Das war kein Wunder, schließlich wurden in dieser Zeit überall in Deutschland viele öffentliche Bauten in Sichtbetonbauweise errichtet. Allerdings fragten sich schon damals viele Bürger, warum das Rathaus nicht so gebaut wurde, dass es sich in die vorhandene Bebauung in der näheren Umgebung (Ensemble Marktplatz) eingefügt hätte. Offensichtlich hatte damals der Denkmalschutz nicht das Gewicht, um sich gegen den Baustil-Zeitgeist durchzusetzen. So ist zumindest in der Denkmalschutzliste der Stadt Neustadt bei Coburg ausdrücklich festgehalten, dass der Rathausneubau als Fremdkörper vom unter Denkmalschutz stehenden "Ensemble Marktplatz" ausgeschlossen ist.

In der zur Einweihung des Rathauses herausgegebenen Festschrift sind die Gesamtkosten für den damaligen Rathausneubau mit 5 400 000 Mark beziffert. Finanziert wurde diese Summe mit 2 100 000 Mark Eigenmitteln (darunter auch 56 000 Mark Spenden) und 2 191 000 Mark Fremdmitteln sowie Zuschüssen von Land und Bund für die Stadtbücherei.

Natürlich waren nicht alle Bürger mit den hohen Kosten einverstanden und es gab auch Kritik aus der Bürgerschaft. So nahm der Dachdecker Paul Wege beim Faschingstreiben im Jahr 1969 die hohen Kosten auf seine Weise und wohl eher scherzhaft "aufs Korn", in dem er ein Schild mit der Aufschrift "Ihr lieben guten Leute, hoffentlich macht uns das Rathaus nicht pleite!" im Faschingsumzug herumtrug.

Die Kosten für die jetzt laufende Generalsanierung sind mit rund elf Millionen Euro veranschlagt. Immerhin erhält die Stadt aufgrund eines Sonderförderprogrammes 4,5 Millionen Euro an Zuschüssen, während der Rest mit Eigenmitteln aufgebracht werden muss. Ein großes Thema ist der Rathausumbau bei den Faschingsveranstaltungen d damit nicht geworden. Und beim nächsten Fasching, im März 2019, soll die Stadtverwaltung schon wieder an den Marktplatz zurückgekehrt sein.

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