Erlangen
Jazz am See

Wohlfühlklang am Weiher

Es ist ein eigentümliches Phänomen, dass die Konzertreihe "Jazz am See" technisch und organisatorisch mittlerweile nahezu perfekt ist, dabei jedoch künstlerisch immer mehr verflacht. Das zeigte die fü...
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George Benson am Dechsendorfer Weiher  Foto: Christian Pöllmann
George Benson am Dechsendorfer Weiher Foto: Christian Pöllmann

Es ist ein eigentümliches Phänomen, dass die Konzertreihe "Jazz am See" technisch und organisatorisch mittlerweile nahezu perfekt ist, dabei jedoch künstlerisch immer mehr verflacht. Das zeigte die fünfte Auflage am Sonntag.

Freilich: In der ersten Hälfte war auch für die anspruchsvolleren unter den 2500 Besuchern einiges geboten. Der künstlerische Leiter Torsten Goods hatte eine famose Band mitgebracht. Felix Lehrmann am Schlagzeug, Christian von Kap-hengst am Bass, Jan Miserre an Flügel und Keyboards, dazu Alfonso Garrido mit Percussion.

Und die Solisten. Da war zunächst Tony Lakatos, ungarischer Saxophonist und Hansdampf in allen Jazzgassen, Partner von Jasper Van't Hofs "Pili-Pili"-Band, der einen ungemein reinen Ton bläst und elegische Trivialitäten à la "Baker Street" von Gerry Rafferty sich niemals gestattet, ein Vollprofi durch und durch mit cooler Bühnenpräsenz. Dazu die schwedische Jazz-Pop-Diva Viktoria Tolstoj.

Da aber fing das Unbehagen an. Zwar ist die Autodidaktin eine intonationssichere Diseuse, geschult an großen Vorbildern wie Sarah Vaughan, in der Phrasierung leicht an Janis Joplin erinnernd. Was in "Since I Fell For You" anmutig daherkam, degenerierte allerdings in "Love Is Real" zur Schnulze. Komponiert, man glaubt es kaum, von Esbjörn Svensson. Das gab die Marschrichtung vor fürs Weitere: Pop-Jazz ohne große ästhetische Ansprüche.

Voluminöses Organ

Zunächst waren einige retardierende Momente eingebaut. Torsten Goods ist ein fähiger Gitarrenfrickler; ein Sänger mit voluminösem Organ auch, der Scat parallel zu seinen Soli zu führen weiß.

In einem langen Latin-Jazz-Stück mit opulentem Vorspiel lieferten Drummer und Perkussionist korrespondierende Soli, blies Lakatos ökonomisch und virtuos: Da kam Stimmung auf. Eine perfekt harmonierende Band, der man hätte noch lange zuhören können. Doch der Superstar des Abends war der amerikanische Gitarrist und Sänger George Benson, 76 Jahre alt, doch topfit. Der feierte in der zweiten Hälfte der Siebziger mit einem kommerziell ungemein erfolgreichen Gebräu aus Rhythm & Blues, Disco, Soul und Jazz-Versatzstücken große Erfolge, so wie die musikalischen Verwandten Grover Washington Jr. oder Spyro Gyra.

Klischees verderben alles

Er ist auch ein fähiger Sänger und Gitarrist, allein, gefällige Arrangements und musikalische Klischees verderben alles. Natürlich hatte er eine Profi-Band mitgebracht, natürlich spielte die nach dem eisernen US-Unterhaltungs-Motto: Ihr habt gute Dollars gezahlt, dafür bekommt ihr gute Leistung.

Das Publikum liebt die alten Hits - dabei wartete man vergeblich auf Songs vom jüngsten Benson-Album mit Chuck-Berry- und Fats-Domino-Titeln wie "Give Me The Night" oder "On Broadway". Erstaunlich auch, wie weißhaarige 60-Jährige die steifen Hüften schwingen oder sich befummeln wie einst im Mai, Verjüngungskur mit funky Musik.

Doch standen auf der Seebühne auch schon Leute wie Klaus Doldinger oder Branford Marsalis. Es ist den Veranstaltern zu wünschen, dass sie wieder den Mut finden, künstlerisch interessantere Acts zu engagieren.

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