Bad Kissingen
Lesetipp

"Wo wir zu Hause sind" - eine berührende Familiengeschichte

Sigismund von Dobschütz Bücher über die Jahre des Nazi-Regimes, über Judenverfolgung, Holocaust und die deutsche Schuld gibt es zuhauf. Doch Maxim Leo (49) hat es mit der Niederschrift seiner bis in l...
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Sigismund von Dobschütz Bücher über die Jahre des Nazi-Regimes, über Judenverfolgung, Holocaust und die deutsche Schuld gibt es zuhauf. Doch Maxim Leo (49) hat es mit der Niederschrift seiner bis in letzte Feinheiten recherchierten Familiengeschichte "Wo wir zu Hause sind" auf ungewöhnlich berührende Weise geschafft, den Begriff "Vergangenheitsbewältigung" aus einer ganz anderen Warte zu beschreiben.

Nicht nur die Täter hatten über Jahrzehnte geschwiegen, auch viele Opfer, sofern sie die Schreckensherrschaft überlebten, hatten aus seelischen Eigenschutz diesen Lebensabschnitt im Herzen verschlossen und schwiegen über Jahrzehnte.

Erinnerungen störten beim Aufbau ihres neuen Lebens. Dies ging Jahrzehnte gut, bis die Enkel begannen, sich für die Lebensgeschichte ihrer Eltern und Großeltern zu interessieren, nachzufragen und nachzuforschen.

So erging es auch dem Berliner Autor Maxim Leo, wie er eingangs erzählt, als er bei der Hochzeit seines Bruders plötzlich einer Vielzahl von Verwandten aus aller Welt gegenüber stand, von denen er viele kaum kannte, die nach der Feier auch wieder gingen. "Familie ist für mich, wenn vier Menschen um einen Tisch sitzen." Doch diese Hochzeit war für ihn der Auslöser, "die unvergessliche Geschichte einer jüdischen Familie [zu erforschen], die auf der Flucht vor den Nazis in alle Winde zerstreut wurde, und deren Kinder und Enkel zurückfinden nach Berlin, in die Heimat ihrer Vorfahren".

Irmgard und Hans, zwei Berliner Jura-Studenten waren 1934 nach Palästina ausgewandert und hatten im Kibbuz eine Familie gegründet. Die junge Schauspielerin Hilde, in frühen Jahren mit KPD-Gründer Fritz Fränkel verheiratet, hatte es zunächst nach Frankreich verschlagen.

Später floh sie mit Sohn André nach London. In Frankreich traf Maxim Leo auf Tante Susi, deren Mutter Ilse während der Kriegsjahre im französischen Internierungslager ihren späteren Ehemann kennengelernt hatte und nach geglückter Flucht bis Kriegsende im Untergrund leben musste.

Tiefe Neugier

In jedem Kapitel des Buches spürt man die tiefe Neugier des Autors, der in den Lebensgeschichten seiner Verwandten auch Antworten auf eigene Fragen sucht und findet. Mit seinen Besuchen und Gesprächen bei den Angehörigen in aller Welt erweckt er diese Neugier auch bei seinen Cousins und Cousinen. Sie beginnen sich nun selbst für das Leben ihrer einst aus Berlin emigrierten Großeltern und deren Gründe zu interessieren. Unerwartet spürt Maxim Leo eine bisher unbekannte familiäre Verbindung. Er entdeckt Eigenarten an den anderen, die er bislang nur an sich allein kannte. Seine ausländischen Cousins und Cousinen beginnen eine mentale Verbindung zu Deutschland zu spüren. "Ich frage mich, ob es so eine Art Familiengedächtnis gibt, etwas, das uns hält und den Weg weist, das uns tröstet und mahnt." Alle zieht es irgendwann und irgendwie zurück nach Berlin, in die Stadt ihrer Vorfahren, "wo wir zu Hause sind".

Spannend und persönlich

Maxim Leos Familiengeschichte ist nicht nur spannend, offen und sehr persönlich geschrieben, sondern zudem historisch interessant: Wir erleben die Exilanten Hannah Arendt, Walter Benjamin und Klaus Mann bei gemeinsamen Hausabenden mit den Leos in Paris. Wir erfahren viel über den mühseligen Aufbau des Staates Israel. Sogar der Humor kommt nicht zu kurz: Wenn zum Beispiel der alte Onkel André in London sich wegen des drohenden Brexits eher notgedrungen überlegt, doch wieder den deutschen Pass zu beantragen, und dann vom Konsulat erfährt, dass er niemals die deutsche Staatsbürgerschaft verloren hatte.

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