Bamberg

Wirklich gschtorm?

Die Rettl zeitigt ein nicht "unbedingt frommes Gedenken".
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Die Rettl
Die Rettl

Vor lauter Mundart- Festival kumm i goä nimmä zum Schreiben! Da fällt miä doch heut plötzlich a Gschichtla nei die Händ, des hob i voä mehr als zwanzig Johr gschriebn. Und es passt ja auch zum Allerseelenmonat November - aber es ist nicht unbedingt ein "frommes Gedenken" .

Es dreht sich um die zwei "Ottos" in unsrer Familie, einen Onkel und einen Vetter. Der erste Otto, der auch der "Schöne" hieß, hatte die jüngste, hübsche Tochter des Häckers Simon geheiratet, die Marri, die mehr als ihre Schwestern ein sanftes, stilles Wesen hatte - und trotzdem Sinn für Humor und komische Situationen. Ihr Ehemann war ein Ordnungshüter, sprich "Botzgä", no, halt a Polizist, und als solcher an eine strenge Tageseinteilung gewöhnt. Auch zu Hause musste alles "wie om Schnürla" gehen; der abgewinkelte Arm und der Blick auf die Armbanduhr waren typische Bewegungen für ihn.

Seine Dienstzeit hatte der gebürtige Bamberger in Unterfranken verbracht, da, wu der Maa "Mee" haßt. Den dortigen Dialekt hatte er nach seiner frühzeitigen Pensionierung und seiner Rückkehr nach Bamberg nicht ganz abgelegt. "Die Füß abputze!" war das erste, was Besucher von ihm hörten. Hatte es gar geregnet, musste der Otto sofort "nach dem Lumpe renne". Er beklagte sich über den Staub, den man beständig "wische" musste und kontrollierte sogar die Sprungfedern der Matratzen. Pünktlichst wurden auch die Mahlzeiten eingenommen. Und obwohl sie im Laden ihrer Schwester mithalf, stellte die Marri jeden Mittag genau um Zwölfa das Essen auf den Tisch.

Der Streitpunkt zwischen den beiden war der Abend. Der Otto ging nämlich jeden Nachmittag um vier in eine Kaulberger Wirtschaft zum Brotzeitmachen. Pünktlich um "fünfe" war er daheim und erwartete dies auch von seiner Frau. Aber, wenn der Laden voller Leute war, brachte es die Marri nicht übers Herz, ihre Schwester mit der Kundschaft allein zu lassen. Sie war schon fast daran gewöhnt, dass der Otto auf die kleinste Verspätung beleidigt reagierte: "Ich tu mich abhetze, dass ich pünktlich dähem bin - und du kommst immer zu spät!"

Überraschung im Schlafzimmer

Als es eines Abends schon nach halb sechs war, wurde seine Erbitterung immer größer. "Ich könnt sterbe und verderbe - des is ihä alles gleich! Obä wenn ich wirklich gstorbe weä, donn täts sie's scho bereue, dass sie mich immer so warte lässt!" Im Laden sagte derweil die Marri: "Jessäs, es geht scho auf sechsa, do wer i heut mein Krach grieng!"

Sie war schon darauf gefasst, aber die Wohnung war still und dunkel. "Otto?" Sie öffnete die Schlafzimmertür: Auf dem Nachttisch flackerten zwei Kerzen, dazwischen stand das Sterbekreuz und davor ein Schälchen mit Weihwasser. Wie aufgebahrt lag der Otto auf seinem Bett, im weißen Hemd, mit geschlossenen Augen und gefalteten Händen, um die ein Rosenkranz gewickelt war. Die Marri durchschaute seine Inszenierung sofort und brach in schallendes Gelächter aus. "Gäll, du willst a weng sterbn spieln? Des host dä obä schöö ausgädocht!"

Tödlich beleidigt sprang der Otto aus dem Bett, fuhr in seine Kleider und stürmte ins Wirtshaus, obwohl das um diese Zeit überhaupt nicht auf seiner Tagesordnung stand.

Sein Patenkind, der zweite Otto, war aus ganz anderm Holz. Er hatte einen Blick für das Komische und traf mit seinen witzigen Bemerkungen den Nagel auf den Kopf. Deshalb war er auch überall gern gesehen. So auch beim großen Leichenschmaus, den ein Erbonkel in seinem mit Bleistift geschriebenen Testament gewünscht hatte. Trotz der vielen Schreibfehler war das Testament gültig, was der eine Teil der Verwandtschaft, der leer ausgegangen war, sehr bedauerte. "Alles griecht sei Väwandtaä, wu doch des Haus und des meista Geld vo dä Tant kummt, also vo unsrä Seitn!"

Trotzdem saßen nach der Beerdigung alle Verwandten einträchtig im Greifenklau bei Kaffee und Kuchen, dann noch beim Abendessen. "Hörscht", sagte der Otto zum Alleinerben, "wennst fei in die Schränk nuch so a poä Bildla findst" - er spielte auf versteckte Geldscheine an -, "donn konnst uns fei aa wos dävoo gebn!" ( Es war nämlich bekannt, dass es kein Sparbuch gab, sondern alles Geld im Hause versteckt war). "No freili", antwortete der Erbe und spielte den Ahnungslosen, "so Fotozeuch is gänuch doo, des könntä hom!" Allmählich wurde es, wie häufig bei Leichenschmäusen, immer lauter und lustiger, vor allem als umwerfende Aussprüche des Verstorbenen und komische Geschichten von ihm erzählt wurden. Es war fast so, als ob er noch da wäre - und bestimmt hätte er mitgelacht.

Auf einmal kommt dem Otto ein Einfall. Er ruft die Bedienung: "Gunda, nuch a Knöchla mit Kraut und Ärbesn und däzu a Bieä", schreit eä, "wenn mä scho nex geärbt hom, donn eß i wenigstns a zweits Mol zä Ohmd!"

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