Ebermannstadt

"Wir waren keine richtigen 68er"

Kommunen, freie Liebe und Drogen: Das sind nur einige Begriffe die mit dem Jahr 1968 verbunden werden. Eugenie und Joachim Kortner aus Ebermannstadt haben diese Zeit kritisch reflektiert. Ein Rückblick.
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Joachim Kortner spielt immer noch gerne Gitarre und singt auch Lieder aus dem Jahr 1968. "Blowing in the wind" von Bob Dylan habe erstmals zum Nachdenken über den Vietnamkrieg angeregt.  Foto: Theresa Schiffl.
Joachim Kortner spielt immer noch gerne Gitarre und singt auch Lieder aus dem Jahr 1968. "Blowing in the wind" von Bob Dylan habe erstmals zum Nachdenken über den Vietnamkrieg angeregt. Foto: Theresa Schiffl.

theresa schiffl Die politische und gesellschaftliche Entwicklung des Jahres 1968 hat in der ganzen Welt Schlagzeilen gemacht und zu vielen Protesten geführt. 50 Jahre später wird vieles differenzierter betrachtet wie bei Eugenie und Joachim Kortner.

"Zu der Zeit waren wir schon verbeamtete Lehrer und hatten viel Verantwortung", sagt Joachim Kortner (79). Seine Frau Eugenie nickt zustimmend und fügt hinzu: "Wir konnten uns nie voll mit dieser Bewegung identifizieren." Die beiden beobachteten die Entwicklung bereits vor 50 Jahren kritisch und auch heute hat sich daran nichts geändert.

"Gut fanden wir natürlich, dass die Nazi-Vergangenheit Deutschlands besser aufgeklärt wurde", sagt Kortner. Das habe auch einen persönlichen Grund, erzählt er: "Meine behinderte Tante wurde damals von den Nazis ermordet."

Professor war Dachau-Insasse

Während seiner Studienzeit berichtete einer seiner Professoren, der selbst in Dachau als Insasse festgehalten wurde, in einer Vorlesung, was damals wirklich geschah. "Er hat richtig ausgepackt. Da wurden uns erstmals die Augen für das Verbrechen geöffnet." Seine Frau erklärt, dass in ihrer Schulzeit kaum oder gar nicht über dieses dunkle Kapitel der deutschen Geschichte berichtet wurde.

Für Kortner ist die Zeit während des Nationalsozialismus nicht nur ein grausames Verbrechen: "Auch in vielen Bereichen wie der Kultur wurde dadurch großer Schaden angerichtet. Musikalisch betrachtet gab es ja damals nur die Heimatlieder. Die zwölf Jahre NS-Zeit haben zu einer Leere in der Musik geführt."

Das änderte sich jedoch nach der Besatzung: "Gerade durch die Amerikaner lernten wir völlig neue Musik kennen." Eugenie Kortner erinnert sich, dass sie damals ihre Hausaufgaben immer mit dem Radiosender der Amerikaner gemacht hat. "Ich bin dann immer auf dem Sofa im Wohnzimmer gesessen um AFN (American Forces Network) zu hören. Mir hat die Musik einfach gut gefallen."

Kritischer Blick durch Musik

Lied wie "Blowing in the wind" von Bob Dylan haben damals auch zum Nachdenken über den Vietnamkrieg angeregt, sagt der Ebermannstädter Rentner. "Bei uns wurden in den Medien nur Bombenabwürfe gezeigt. Das hat uns irgendwie beeindruckt und niemand hat daran gedacht, dass dabei Menschen sterben", sagt Kortner. Geprägt haben die beiden vor allem die Musikrichtungen Jazz, Folk und Rock 'n Roll. "Der Stil gefällt uns noch immer", sagt Kortner. Seine Frau lächelt und nickt zustimmend.

Die Musik des Jahres 1968 bezeichnet Kortner nur als Begleitung der Bewegung. "Nur wenige der Musiker haben wirklich aktiv an Protesten oder Demonstrationen teilgenommen." Viele von ihnen seien aber gerade durch die Entwicklungen in diesem Jahr groß und berühmt geworden. "Zudem haben sie damit viel Geld verdient."

Die Entwicklungen in diesem Jahr voller Unruhen und Wandel bezeichnet Joachim Kortner als gesellschaftliches Phänomen. "Davon wurde auch nur eine bestimmte Gesellschaftsschicht angesprochen."

Er und seine Frau haben das schnell durchschaut, sagt er. "Ich bin ein sehr freiheitsliebender Mensch. Das wäre für mich eine Welt gewesen, in die ich hinein gezwungen werde und die mir nicht gefällt", sagt Eugenie Kortner. Ihr Mann sieht das genauso: Sie hätten bestimmte Werte überzeugt ausgelebt und wollten "diese Spur auch nicht verlassen." "Wir haben nur das mitgenommen, was dazu passte. Drogen, Kommunen und freie Liebe gehörten nicht dazu", sagt Kortner. Dazu zählte zum Beispiel die freie Liebe völlig ab. "Die Frau war noch immer unterdrückt, machte die Wäsche und kochte", erklärt Eugenie.

Das Ehepaar lehnte außerdem den Konsum von Drogen ab. "Das hat damals zum guten Ton in diesen Kreisen gezählt. Da stand die Bewusstseinserweiterung und das Losgelöst sein von der Welt im Vordergrund", sagt Kortner. Sogar viele "brave Bürger" in kleinen Dörfern, hätten zu der Zeit Haschisch konsumiert, erzählt seine Frau.

Das Ehepaar erinnert sich 50 Jahre später mit gemischten Gefühlen an diese Zeit. Musikalisch und kulturell gesehen, habe sich jedoch vieles in eine positive Richtung entwickelt, da die Leere der zwölf Jahre NS-Zeit wieder gefüllt wurde.



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